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Hintergrund

Testosteron-Therapie und Depression: Das rät der Experte

Anna Sandner
29.8.2025

Das Hormon Testosteron sorgt für Diskussionen – von Energie- und Libidoboost bis zur antidepressiven Wirkung liegen viele Hoffnungen auf dem Botenstoff. Was ist dran an Selbsttests, Hype und der tatsächlichen Wirksamkeit? Dr. Andreas Walther von der Universität Zürich – Experte auf diesem Gebiet – ordnet ein.

Wenn es um das Thema Testosteron geht, kochen die Emotionen schnell hoch – das zeigt nicht zuletzt die angeregte Community-Diskussion unter meinem letzten Artikel zur Testosteronersatztherapie. Zwischen Sorgen über sinkende Hormonwerte, Hoffnungen auf neue Energie und skeptischen Stimmen zur Medikamentenwerbung prallen zahlreiche Meinungen aufeinander. Klar ist: Um kaum ein anderes Hormon ranken sich so viele Wünsche, Werbeversprechen und medizinische Mythen wie um das sogenannte «Männlichkeitshormon».

  • Hintergrund

    Testosteron-Therapie: Hype oder Heilmittel für Männer?

    von Anna Sandner

Doch was sagt eigentlich die Fachwelt: Macht Testosteronmangel wirklich depressiv? Kann eine Hormontherapie so viel, wie manche Fitness-Influencer und Hersteller suggerieren – und wo lauern Risiken? Um mehr Klarheit in dieses komplexe Thema zu bringen, habe ich mit Dr. Andreas Walther gesprochen. Der Psychotherapeut und Hormonexperte erläutert, wie differenziert der Stand der Wissenschaft ist – und warum vorschnelle Selbstexperimente Männern manchmal eher schaden als helfen.

Dr. Walther, in den letzten Jahren wurde Testosteron nicht nur als «Männlichkeits-Booster», sondern auch als mögliches Mittel gegen Depressionen diskutiert. Wie kam es zu diesem Forschungsansatz?

Dr. Andreas Walther: Männer wurden in den letzten Jahren als Markt entdeckt – sowohl im Schönheits- als auch im Gesundheitsbereich. Und Testosteron spielt da in beide Bereiche hinein. Ein verbreiteter Irrglaube ist übrigens, dass nur Männer Testosteron haben. Auch Frauen haben Testosteron, aber in deutlich geringeren Mengen. Männer haben je nach Messung zehn bis zwanzigmal höhere Level.

Was bewirkt Testosteron genau im Körper?

Der robusteste Befund dazu kommt aus Tierstudien: Wenn man Testosteron spritzt, erhöht sich das Sexualverhalten. Das ist der Klassiker und gilt auch für Menschen – die Libido steigt. Zudem verbessert Testosteron als anaboles Hormon (aufbauendes Hormon) die Körperkomposition. Im Gegensatz zum katabolen Stresshormon Cortisol (abbauendes Hormon) fördert es den Muskelaufbau und unterstützt die Fettverbrennung. Hingegen nicht belegt ist, dass Testosteron die kognitive Funktion oder Gedächtnisleistung fördert. Diese Vorstellung ist eher ein Mythos. In klinischen Studien sieht man da eigentlich nichts.

Kommen wir zur Stimmung. Wie genau wirkt Testosteron auf die Psyche?

Testosteron kann einen direkten Effekt auf die Stimmung haben, aber es wirkt auch indirekt. Wenn ich eine erhöhte Libido habe und diesem Gefühl nachgehe (also mehr Sexualität lebe), wirkt sich das positiv auf die Stimmung aus. Oder wenn ich durch mehr Testosteron körperlich aktiver werde, hat das wiederum positive Effekte auf meine Gemütslage.

Aus Mausstudien wissen wir zudem, dass Testosteron das Überleben neuronaler Zellen fördert. Als anaboles Hormon unterstützt es neue Verschaltungen im Gehirn, was bei Depression hilfreich sein kann. Wenn ein Mann depressive Denkmuster hat und neue neuronale Verbindungen bildet, überleben diese besser mit mehr Testosteron.

Außerdem hemmt Testosteron die Stressachse. Wenn viel Testosteron vorhanden ist, wird die Ausschüttung von Stresshormonen reduziert und auch Entzündungsprozesse werden gedämpft. Ein weiterer Mechanismus: Testosteron aktiviert das Serotoninsystem, auf dem auch moderne Antidepressiva basieren.

Was passiert, wenn Männern Testosteron gespritzt wird – kann das tatsächlich Depressionen lindern?

Dr. Walther: Das haben wir in einer Metaanalyse mit 1890 Männern untersucht: Wirkt Testosteron wirklich antidepressiv? Und ja, es hat anscheinend eine positive Wirkung. Ein Gesamteffekt war vorhanden, wenn auch nicht berauschend. Er ist vergleichbar mit den Effekten von Antidepressiva, allerdings ist die wissenschaftliche Beweislage bei Antidepressiva mit Studien an mehreren Hunderttausend Probanden bedeutend besser.

Besonders spannend: Die Wirkung von Testosteron auf depressive Symptome zeigte sich unabhängig davon, ob die Männer ursprünglich tiefe oder normale Testosteronlevel hatten. Das heißt, auch Männer ohne Hypogonadismus (Testosteronmangel) profitierten davon.
Dr. Andreas Walther

Das klingt vielversprechend. Fanden Sie auch einen Zusammenhang zwischen Depression und niedrigen Testosteronwerten?

Da gibt es widersprüchliche Ergebnisse. Eine Kollegin von mir hat eine systematische Übersichtsarbeit durchgeführt, die zeigte, dass depressive Männer tiefere Testosteronlevel hatten als gesunde Kontrollpersonen. Aber in unserem eigenen klinischen Trial mit 72 depressiven Männern und etwa 100 gesunden Kontrollen konnten wir das nicht bestätigen.

Bei uns handelte es sich um jüngere Männer zwischen 25 und 50 Jahren mit einer erstmaligen Depression ohne andere psychische oder körperliche Erkrankungen. Wir haben nicht gesehen, dass diese depressiven Männer tiefere Testosteronlevel hatten – teilweise hatten die gesunden Kontrollen sogar tiefere Werte. Wir haben intensiv nach hypogonadalen Männern (Männern mit Testosteronmangel) unter den Depressiven gesucht und keine gefunden.

Wenn sich gezeigt hat, dass Testosteron unabhängig vom tatsächlichen Spiegel eine positive Wirkung hat – warum wird es dann nicht einfach allen Männern mit Depression verschrieben?

Den Gedanken hatte ich natürlich auch. Das Problem bei der ganzen Hormongeschichte ist aber:

Wenn man erstmal anfängt, mit dem Hormonhaushalt herumzuexperimentieren, kann dieser leicht aus der Balance geraten.
Dr. Andreas Walther

Wenn ich von außen ständig Testosteron zuführe, meldet mein Körper: «Wir haben genug, ihr müsst nichts mehr produzieren.» Dann kann meine längerfristige Fähigkeit, selbst Testosteron auszuschütten, so weit gehemmt werden, dass ich es vielleicht nicht mehr so gut auf die Reihe bekomme, wenn ich nicht mehr supplementiere.

Deshalb würde ich allen Männern abraten, einfach so Testosteron nachzuschieben, wenn sie normale Werte haben. Es gibt keinen Grund dafür.
Dr. Andreas Walther

Zudem gibt es weitere Risiken: Wenn ein unerkanntes Prostatakarzinom vorliegt und man Testosteron verabreicht, kann das Wachstum der Krebszellen gefördert werden.

Und warum wird Testosteron zumindest bei Männern mit niedrigen Werten nicht häufiger gegen Depressionen eingesetzt?

Da gibt es mehrere Gründe. Erstens hat die Pharmaindustrie kein Interesse an Testosteron, weil es kein Patent mehr darauf gibt. Man kann damit nichts mehr verdienen, da es günstig hergestellt werden kann. Zweitens ist die Evidenz dafür, dass man Depressionen wirklich gut damit behandeln kann, etwas schwach. Es fehlen große, gut designte Studien. Und drittens müsste man vor einer Behandlung immer screenen – aber das wäre zu kostenaufwendig, wenn alle Männer mit depressiven Symptomen einen Bluttest machen würden.

Was würden Sie einem Mann raten, der in einem Selbsttest festgestellt hat, dass seine Testosteronwerte seiner Meinung nach zu niedrig sind?

Die Frage ist, wo genau die Werte liegen. Solange man über 20 Nanomol pro Liter liegt, muss man gar nicht darüber reden, ob das niedrig ist. Erst ab 15, 14, 13 Nanomol pro Liter nähert man sich dem Cut-off von 12,1 Nanomol pro Liter, der auf guten klinischen Studien basiert. Zu beachten ist auch: Es geht nicht nur um den Testosteronspiegel, sondern auch um die Androgen-Rezeptoren (Bindungsstellen für männliche Hormone). Wie sensitiv sind diese? Jemand mit tieferen Testosteronwerten, aber sehr sensitiven Rezeptoren kann besser dran sein als jemand mit höheren Werten und weniger sensitiven Rezeptoren.

Ich rate dringend davon ab, solche Dinge einfach auszuprobieren, ohne ärztlich begleitet zu sein.
Dr. Andreas Walther

Man greift in komplexe Systeme ein. Und wenn man Präparate aus dem Internet bestellt, stellt sich auch die Frage, was da überhaupt genau enthalten ist.

Was müsste passieren, damit Testosteron als Behandlung von Depressionen eine echte Option wird?

Wir wissen: Testosteron kann Stimmung und Antrieb beeinflussen, wirkt auf das Stresssystem und das Serotonin – mehrere Faktoren, die bei Depression eine Rolle spielen. Unsere und andere Studien zeigen tatsächlich eine positive Wirkung auf depressive Symptome, die durchaus auch unabhängig vom Ausgangswert zu beobachten ist. Aber: Die Effekte sind zwar vorhanden, jedoch nicht übermäßig und vor allem noch viel zu wenig durch große, saubere Studien abgesichert. Im Gegensatz zu Antidepressiva gibt es bei Testosteron einfach noch viel zu wenige Probanden und zu viele offene Fragen, etwa zu Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen⁠.

Deshalb ist klar: Solange es keine deutlich belastbarere Forschung gibt – also richtig große, kontrollierte Studien mit unterschiedlichen Patientengruppen – bleibt eine pauschale Testosterontherapie bei Depression Wunschdenken. Was bleibt, ist: ein spannendes Feld mit Potenzial. Die Wissenschaft ist aber noch mitten in der Forschung.

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    Testosteron-Therapie: Hype oder Heilmittel für Männer?

    von Anna Sandner

Titelbild: Akarawut/Shutterstock

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Wissenschaftsredakteurin und Biologin. Ich liebe Tiere und bin fasziniert von Pflanzen, ihren Fähigkeiten und allem, was man daraus und damit machen kann. Deswegen ist mein liebster Ort immer draußen – irgendwo in der Natur, gerne in meinem wilden Garten.


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