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Tasse oder Kanne? Warum ein Designer die Zweideutigkeit liebt

Pia Seidel
19.09.2022
Bilder: Pia Seidel

Den Designer Thomas Eyck habe ich kürzlich gefragt, welches Ding er retten würde, sollte es in seinem Atelier brennen. Seither kenne ich nicht nur seine Lieblingsfarbe, sondern auch seine Begeisterung für Magie.

Bei meiner Frage zur hypothetischen Situation, «In deinem Atelier ist ein Feuer, alle Menschen und Tiere sind gerettet. Welches deiner Objekte nimmst du mit?» fällt die Wahl des Designers auf die sandfarbene Giesskanne namens «Tube». Das hat mehrere Gründe, sagt der Designer: «Erstens ist es das aktuellste Projekt, das ich 2022 entwickelt habe. Deshalb wollte ich es unbedingt zum ersten Mal in Mailand während der Möbelmesse in Rosanna Orlandis Galerie vorstellen. Zweitens würde ich ‹Tube› in der schlichten Sandfarbe wählen, weil ich die Kanne vor allem wegen ihres Designs liebe. Die Art und Weise, wie Schlauch, Griff und Reservoir in einer Form kombiniert werden, ist für mich magisch. Alle der 15 Farben sind schön, aber die Sandfarbe lenkt das Auge am wenigsten weg von der Silhouette.»

Einen zunächst unscheinbaren Rohstoff durch die Verarbeitung, das Modellieren und Bemalen in ein wertvolles Produkt zu verwandeln – das ist es, was Thomas Eyck an der Keramikkunst fasziniert. In den fünfzehn Jahren als Designer und Gründer der Marke «t.e.» hat der Holländer bereits mehr als 200 Keramikstücke in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Designschaffenden umgesetzt. Einer der ältesten Entwürfe aus dieser Zeit spielt heute wieder eine besondere Rolle: Die kleine Karaffe aus anthrazitfarbenem Porzellan namens «Nose», die Aldo Bakker vor genau 15 Jahren für «t.e.» entwarf. Von der Rückseite betrachtet, sieht «Nose» aus wie eine Tasse. Drehst du sie aber um ein Viertel, ändert sich ihr Aussehen und es erscheint ihr Ausguss, der das Objekt zur Kanne macht. Anlässlich des 15-jährigen Bestehens hat Thomas dieses Design neu aufgelegt und alle Funktionsteile in «Tube» übersetzt – inklusive der Zweideutigkeit.

Die ovale Form des Schlauchs verstärkt den grafischen Charakter der Keramikkanne.
Die ovale Form des Schlauchs verstärkt den grafischen Charakter der Keramikkanne.
Gedreht ändert sich das Aussehen der Karaffe komplett.
Gedreht ändert sich das Aussehen der Karaffe komplett.
Fotos: Pia Seidel

«Tube» setzt sich aus geschwungenen Schläuchen zusammen. Doch von vorne betrachtet, sieht das Kännchen flach wie eine Flunder aus. Erst, wenn du das Objekt drehst, siehst du, dass es dreidimensional ist und neben dem eigentlichen Behälter für Flüssigkeiten und dem Ausguss auch der Griff ein Wasserreservoir ist. Das macht neben der Tatsache, dass alles aus einem Guss ist, auch den Zauber der Giesskanne aus.

Weitere Beiträge aus der Reihe

Weil Möbelmessen oft hektisch sind, bleibt mir manchmal nichts anderes übrig, als mich kurzzufassen. Deshalb habe ich am diesjährigen Salone den Designschaffenden bloss die eineFrage gestellt: «Was würdest du bei einem Brand aus deinem Atelier mitnehmen?» – nur, um herauszufinden, wofür sie besonders brennen. Hier findest du weitere, bereits erschienene Beiträge aus der Reihe:

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