Sportsonnenbrillen als Fashion-Accessoire: peinlich oder stylisch?
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Sportsonnenbrillen als Fashion-Accessoire: peinlich oder stylisch?

Stephanie Vinzens
Zürich, am 17.06.2022

Vorbei sind die Zeiten, in denen Sportsonnenbrillen rein funktional bei schweisstreibenden Aktivitäten getragen werden. Promis, Luxusbrands und zahlreiche Menschen auf Tiktok sind sich einig, dass athletische Gläser auch grosses Fashion-Potenzial haben. Ein Selbsttest.

Nicht schön, sondern schnell sollen sie sein, die Sonnenbrillen der Stunde. So aussehen, als würden sie überall dort zum Einsatz kommen, wo der Wind dir zügiger um die Ohren pfeift als im Schritttempo – also beim Radeln, Joggen oder Skipiste hinunterflitzen. Nur tragen Promis wie Reality-TV-Queen Kim Kardashian oder Rapper Travis Scott die athletischen Shades stattdessen auf roten Teppichen, Konzertbühnen oder in der ersten Reihe von hochkarätigen Modeschauen.

Kim Kardashian...
Kim Kardashian...
... trägt eigentlich nur noch Sportbrillen.
... trägt eigentlich nur noch Sportbrillen.
Bilder: Instagram @kimkardashian

Auf Tiktok sind gerade die Brillen von Sportartikelhersteller Oakley hoch im Kurs. Knapp 13 Millionen Views kann der Hashtag #oakleysunglasses aktuell verzeichnen. Im deutschsprachigen Eck der Videoplattform trendet derweil der Hashtag #schnellebrille mit 1,9 Millionen Views. Diese seit etwa 2018 aufkeimende Entwicklung überrascht angesichts der Euphorie für Athleisurewear und der nicht enden wollenden Nullerjahre-Comebacks wenig. Auch Kaufhäuser glauben dem Hype. In schicken Läden findest du Oakley-Sonnenbrillen mittlerweile neben Modellen von Luxusbrands wie Prada und Balenciaga. Diese wiederum lassen sich bei ihren Brillen ebenfalls vom sporty Look inspirieren.

Und ja, ich sehe den Reiz. Beim Stöbern nach Sonnenbrillen bleibe ich immer wieder an den auffälligen Formen und Farben hängen. Die sportlichen Dinger haben etwas Lässiges und zugleich Futuristisches. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass ich damit beim Brunch in der City statt auf dem Drahtesel im Wald total trottelig aussehen würde. Weil ich dennoch neugierig bin, bestelle ich mir bei Galaxus nicht nur ein, zwei oder drei, sondern gleich vier Exemplare für den Selbsttest. Drei davon sind waschechte Sportbrillen für waschechte Sportfans – wozu ich mich definitiv nicht zähle. Das vierte Modell ist lediglich athletisch angehaucht.

Oakley Sutro

Sutro (polished black, Prizm Black)
128.95
Oakley Sutro (polished black, Prizm Black)
48

Beim ersten Anprobieren finde ich diese Sportversion einer Pilotenbrille weder hässlich noch toll. Das Tragegefühl ist jedoch spitze: Sie fühlt sich ultraleicht an und verrutscht auch bei starken Bewegungen nicht. Ich nehm mir also vor, die Gläser beim Lunch mit Freundinnen auf die Probe zu stellen – kann mich dann aber doch nicht dazu überwinden, damit einen Fuss über die Türschwelle zu setzen. Ich sehe einfach ein bisschen zu sehr nach David Guetta beim Après-Ski aus. Stattdessen zeige ich meinen Freundinnen die Brille bei mir zu Hause. Die eine mag den «Tussi-Look à la Paris Hilton», die andere findet: «Schrecklich, sieht aus wie eine Skimaske» – und ich verstaue das Teil auf unbestimmte Zeit im Brillenetui.

Uvex Sportstyle 223

Schnittig, schnittig: Wenn Lance Armstrong eine Rolle in «Matrix» gehabt hätte, wäre das wohl die Brille seiner Wahl gewesen. Mir gefällt der Vibe, insbesondere in Kombination mit Lederklamotten. In der richtigen Stimmung würde ich damit definitiv auf die Strasse gehen. Das Modell ist aber scheinbar leider nix für flache Nasenrücken. Statt auf meiner Nase sitzt es auf meinen Wangen. Auf dem Velo mag dies als Schutz vor Wind und Mücken ganz schön praktisch sein, im Alltag empfinde ich es als störend. Also muss ich unfreiwillig auch hier passen.

Oakley Radar EV Path

In puncto Schnelligkeit ist dieses (bei uns in Türkis bereits ausverkaufte) Cyber-Radler-Modell wohl nur schwer zu übertreffen. Kein Wunder, dass ich Brillen wie diese in Zürich häufig an Gen Zs in edgy Streetwear spotte. Ich selbst kann mich so aber nicht ernst nehmen und entscheide mich schon in den ersten Sekunden der Anprobe lachend dagegen – auch wenn das Tragegefühl wie schon beim ersten Oakley-Modell super ist. Das vernichtende Urteil einer Freundin, der ich ein Bild davon zeige: «Sieht aus wie eine Kinderbrille.» Mode-Redaktionskollegin Laura hingegen ist ein Fan und findet: «Tatsächlich gefallen mir die und die schwarze Uvex, die am meisten nach Sportsonnenbrillen aussehen, am besten. Wennschon, dennschon, oder? Ich vermisse da weder ein Rennrad noch sonst irgendein Sportgerät – der Look ist einfach gut!»

Urban Classics Kos

Die letzte Brille ist die einzige im Bunde, die nicht als funktionales Sportzubehör, sondern von vornherein als modisches Accessoire gedacht ist – und auch die einzige, mit der ich mich in die Öffentlichkeit traute. Mir gefällt der scharfe Schnitt in Kombi mit den Spiegelgläsern, ausserdem sitzt sie gut und leicht auf meiner Nase. Auch bei einer kleinen Umfrage in meinem Freundeskreis stellt sie sich als Favoritin heraus.

Bei meinem ersten Outing damit werde ich jedoch ziemlich angestarrt, ein älterer Herr bleibt sogar grinsend stehen. Ich find’s unangenehm, aber auch halbwegs amüsant und würde die Brille trotzdem in mein Repertoire aufnehmen – wäre da nicht dieses störende Urban-Classics-Logo oben rechts (das auf dem Bild zugegeben kaum erkennbar ist).

Mein Fazit

Keines der getesteten Modelle konnte mich vollständig überzeugen. Abgeschrieben habe ich sportliche Gläser deswegen aber nicht – im Gegenteil. Durch die Brille von Urban Classics bin ich auf den Geschmack gekommen. Und weil diese sowieso an das Modell «Ski Rectangle» von Balenciaga angelehnt ist, habe ich mir im Sale dann schlussendlich den Real-Deal gegönnt.

Durfte bei mir einziehen: Die Ski Rectangle von Balenciaga.
Durfte bei mir einziehen: Die Ski Rectangle von Balenciaga.

Die Brille hat sich übrigens als echter Kompliment-Magnet erwiesen, obwohl mein Mami da etwas misstrauisch isch. Ihre Theorie: Weil die Brille auffällt, haben die Leute wohl schlicht und einfach das Gefühl, sie kommentieren zu müssen. Um nicht gemein zu sein, sagen sie dann halt was Nettes. Nun gut, ob ernst gemeint oder nicht – ich schätze die Freundlichkeit und eile weiterhin mit schnellen Shades durch die Stadt, ganz ohne Räder und wenn’s sein muss auch ohne breite Zustimmung.

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Hat grenzenlose Begeisterung für Schulterpolster, Stratocasters und Sashimi, aber nur begrenzt Nerven für schlechte Impressionen ihres Ostschweizer Dialekts.


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