Spam-Mails: Eine literarische Würdigung

Spam-Mails: Eine literarische Würdigung

David Lee
Zürich, am 19.06.2019
Bilder: Luca Fontana
Der literarische Wert von Spam wird unterschätzt. Als studierter Germanist würdige ich hier ein besonders gelungenes Werk dieser sträflich ignorierten Kunstform.

Per Mail erhalte ich ein kostenloses Rezensionsexemplar von «Der Zugriff auf Ihr Konto wurde gefahrdet. Dateien auf Ihrem Gerat sind moglicherweise beschadigt oder kopiert.» Ein dermassen langer Titel zeugt von einem gesunden Selbstbewusstsein, der Verzicht auf Umlaute deutet bereits die hohen literarischen Ambitionen an. Das ist Avantgarde.

Der Verfasser (oder die Verfasserin) zieht es vor, anonym zu bleiben. Vermutlich ahnt er oder sie bereits den grossen kommerziellen Erfolg, den sein Werk bringen wird – und die damit verbundenen Schattenseiten.

Ich grüße Sie!

Da grüsst einer nicht einfach, sondern schreibt, dass er (oder gar sie?) grüsst. Damit befinden wir uns bereits auf der Meta-Ebene, was vom hohen Reflexionsgrad des Verfassers (oder gar der Verfasserin?) zeugt.

Ich habe schlechte Nachrichten für dich.

Mit dem Wechsel vom «Sie» zum «Du» schafft das Verfasser (genderneutral) sogleich eine Vertrautheit und hebt die Distanz auf. Dies mag etwas früh kommen, dafür ist der Überraschungseffekt umso höher und der Leser ist gleich von Anfang an gefesselt.

Ganz abgesehen davon ist dieser erste Satz natürlich brillant; so erzeugt man Spannung! Ich will jetzt unbedingt wissen, wie es weitergeht.

28.01.2019 - an diesem Tag habe ich Ihr Betriebssystem gehackt und vollen Zugriff auf Ihr Konto erhalten\ meine@emailadresse.ch.

Jetzt also wieder per Sie. Ebenso überraschend. Wir wechseln wieder auf die sachliche, technische Ebene. Hier steht im Original tatsächlich meine richtige E-Mail-Adresse; das ist ein typisches Stilmittel des Spam-Genres.

Wie war es:
> In der Software des Routers, mit der Sie an diesem Tag verbunden waren, gab es eine Sicherheitsanfälligkeit.

Mein Router war also anfällig auf Sicherheit. Ist das ein Problem?

Ich habe diesen Router zuerst gehackt und meinen bösartigen Code darauf abgelegt. Bei der Eingabe im Internet wurde mein Trojaner auf dem Betriebssystem Ihres Geräts installiert. Danach habe ich alle Daten auf Ihrer Festplatte gespeichert (ich habe Ihr gesamtes Adressbuch, den Verlauf der angezeigten Websites, alle Dateien, Telefonnummern und Adressen aller Ihrer Kontakte).

Mit der absichtlich unbeholfenen Ausdrucksweise persifliert das Autor offensichtlich den archetypischen Bösewicht. Gekonnt und unterhaltsam. Ich bin begeistert.

Ich wollte dein Gerät sperren. Und benötigen Sie eine kleine Menge Geld für das Entsperren.

Jetzt läuft ES zur Höchstform auf. Der ständige Wechsel zwischen «du» und «Sie» ist ja schon irritierend genug. Doch in Kombination mit dem Verbrecher-Slang wird das Ganze so richtig bedrohlich. Obwohl – oder gerade weil – das Autor dabei mit Klischees spielt, gut zu erkennen am osteuropäischen Satzbau. Damit du dir diesen Verbrecher so klischeemässig vorstellen kannst, verwende ich jetzt keine genderneurale Form mehr.

Aber ich habe mir die Websites angesehen, die Sie regelmäßig besuchen, und kam zu dem großen Schock Ihrer Lieblingsressourcen.
> Ich spreche von Websites für Erwachsene.

Eine vage Andeutung. Die Spannung steigt.

Ich möchte sagen - du bist ein großer Perverser. Sie haben ungezügelte Fantasie!

Ein kurzes Zögern, bevor der Knaller kommt. Dramaturgisch einwandfrei.

Danach kam mir eine Idee in den Sinn.

Spannung pur. Welcher Einfall ist ihm wohl eingefallen?

Ich habe einen Screenshot der intimen Website gemacht, auf der Sie Spaß haben (Sie wissen, worum es geht, oder?).

Die direkte Ansprache des Lesers schafft eine noch dichtere Atmosphäre. Es knistert vor Spannung. Nein, ich habe leider keine Ahnung, worum es geht, aber gerade das ist ja das Beklemmende. Das Unbehagen ist mit Händen zu greifen.

Danach nahm ich Ihre Freuden ab (mit der Kamera Ihres Geräts). Es stellte sich wunderbar heraus, zögern Sie nicht.

Das ist maximal verwirrend. Jemand nimmt mir meine Freuden ab. Klingt irgendwie sympathisch, aber das ist bestimmt eine Falle. Darum zögere ich. Was das bedeuten mag? Wieso mit der Kamera meines Geräts? Ich fühle mich ertappt, auch wenn ich nicht weiss, wobei. Kann denn Freude Sünde sein?

Ich bin fest davon überzeugt, dass Sie diese Bilder Ihren Verwandten, Freunden oder Kollegen nicht zeigen möchten. Ich denke, 356€ sind ein sehr kleiner Betrag für mein Schweigen. Außerdem habe ich viel Zeit mit dir verbracht!

Spätestens jetzt vergesse ich die Welt um mich herum. Er kennt mich. Er interessiert sich für mich. Every breath you take.

Ich akzeptiere nur Bitcoins. Meine BTC-Geldbörse: 1DXthf2Wp4qNieKcQkjFrtJLwdue5jcNZj. Sie wissen nicht, wie Sie die Bitcoins senden sollen? Schreiben Sie in einer Suchmaschine «wie Sie Geld an die BTC-Geldbörse senden». Es ist einfacher als Geld an eine Kreditkarte zu senden!

Der Autor führt mich zuerst aufs Glatteis, indem er vorgibt, helfen zu wollen. Und dann einfach so: «google doch selbst, wenn du die einfachsten Dinge nicht weisst». Wobei: Ich finde es tatsächlich gar nicht so einfach, Geld an eine Kreditkarte zu senden.

Das ist solides Erzählhandwerk. Der Autor spielt mit unseren Gefühlen. Jetzt, wo er mich eingeschüchtert hat, macht er sich über mich lustig.

Es ist offensichtlich das Ziel des Autors, den Leser nachhaltig zu verwirren. Warum gibt er den Betrag in Euro an, wenn er nur Bitcoins akzeptiert? Wie kommt er gerade auf 356 Euro?

Für die Bezahlung gebe ich Ihnen etwas mehr als zwei Tage (genau 50 Stunden).
>Keine Sorge, der Timer startet in dem Moment, in dem Sie diesen Brief öffnen. Ja, ja .. es hat schon angefangen! Nach Zahlungseingang zerstören sich meine Viren und schmutzigen Fotos automatisch.
> Wenn ich die angegebene Menge nicht von Ihnen erhalte, wird Ihr Gerät gesperrt, und alle Ihre Kontakte erhalten ein Foto mit Ihren «Freuden».

Diese «Freuden» müssen ganz, ganz gruselig sein. Mein Ruf eilt mir wohl voraus.

Ich möchte, dass du umsichtig bist.
> Versuchen Sie nicht, mein Virus zu finden und zu zerstören! (Alle Ihre Daten sind bereits auf einen Remote-Server hochgeladen.)
> Versuchen Sie nicht, mich zu kontaktieren (Dies ist nicht möglich, die Absenderadresse wurde zufällig generiert.).
> Verschiedene Sicherheitsdienste helfen Ihnen nicht weiter; Auch das Formatieren einer Festplatte oder das Zerstören eines Geräts ist nicht hilfreich, da sich Ihre Daten bereits auf einem Remote-Server befinden.

Der fiese, zynische Tonfall geht weiter. Er möchte, dass es mir gut geht. Aber eigentlich ist es eine Drohung. Die Figur des Bösewichts ist dem Autor wirklich gut gelungen.

P.S. Ich garantiere Ihnen, dass ich Sie nach der Bezahlung nicht mehr stören werde, da Sie nicht mein einziges Opfer sind. Dies ist ein Hacker-Ehrenkodex.

Ehrenkodex – das erinnert an die Mafia. Ein Ehrenkodex ist ja etwas, was nur Verbrecher kennen. Für alle anderen gibt es Gesetze.

Ich empfehle Ihnen von nun an, gute Antiviren-Programme zu verwenden und regelmäßig (mehrmals täglich) zu aktualisieren!

Klar: Nachdem er mich so richtig fertiggemacht hat, gibt er mir nun gute Ratschläge. Alter Zyniker! Aber gut geschrieben.

Sei nicht böse auf mich, jeder hat seine eigene Arbeit.
> Abschied.

Das, meine Damen und Herren, ist ganz grosse Lyrik. Lakonisch und trotzdem aussergewöhnlich.

Abschied.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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