Spam-Literaturkritik: Das Sequel kommt nicht ans Original heran

Spam-Literaturkritik: Das Sequel kommt nicht ans Original heran

David Lee
Zürich, am 18.02.2021
Endlich gibt es wieder ein Erpressermail mit literarischem Wert. Doch verglichen mit dem 2019 erschienen Überraschungserfolg ist die Fortsetzung eine Enttäuschung.

Die Kunstform des Spam-Erpressermails bleibt lebendig. Dabei sah es zuletzt nicht gut aus. Mit dem Meisterwerk «Der Zugriff auf Ihr Konto wurde gefahrdet. Dateien auf Ihrem Gerat sind moglicherweise beschadigt oder kopiert.» gelang 2019 einem anonymen Künstler ein Überraschungserfolg. Doch das ist lange her.

*Spam-Mails:** Eine literarische Würdigung
ReviewComputing

Spam-Mails: Eine literarische Würdigung

Seither erschien nicht viel Prickelndes. Billige Plagiate geistern durchs Netz, fantasielos und uninspiriert. Doch jetzt taucht ein wirklich neues Werk in den Mailboxen auf. Zwei Tage vor Valentinstag erhalte ich von einer gewissen Valentina Post. Liebesgrüsse aus Moscia? Ganz im Gegenteil. Die Femme Fatale breitet einen Thriller vor mir aus, bei dem es mir kalt den Rücken herunterläuft.

Grüß Gott!

Das fängt vielversprechend an. Dagegen ist das «Ich grüße Sie» des Vorgängers nicht gerade unterirdisch, aber doch sehr irdisch.

Ich habe beobachtet Ihr Gerät im Netz seit langer Zeit und habe es geknackt.

Es war einfach für mich, weil ich mich damit schon lange beschäftige.

Solider Einstieg. Wie schon im Vorgängermail wird zuerst einmal Unbehagen beim Leser erzeugt. Da beobachtet mich jemand schon lange, ohne dass mir irgendetwas aufgefallen wäre.

Wann Sie besuchten die pornografische Webseite ich habe angesteckt Ihr Computer mit dem Virus,

der sicherte mir vollständigen Zugang zu Ihr Gerät, inklusive die Kamera, das Mikrofon, die Anrufe, die Messenger, zu all dem was geschieht am Bildschirm, zum Telefonbuch, zu Passworten aller sozialer Netzwerken und weiteres.

Hier unterscheidet sich das Sequel vom Erstling: Es wird keine Spannung durch vage Andeutungen aufgebaut. Die Erzählerin fällt gleich mit der Tür ins Haus: Ich hab dich beim Pornogucken ertappt, du Wichser! Sie setzt also auf den Knalleffekt. Das muss nicht schlecht sein. Im Idealfall kommen wir in den Genuss eines Spaxplotation-Mails mit Spamuel L. Jackson in der Hauptrolle.

Ein weiterer Unterschied: Das Virus als Waffe war im Erstling von 2019 noch kein Motiv. Aber angesichts der Corona-Pandemie liegt dieser Kunstgriff nahe. Dies, obwohl die Zombie-Apokalypse ja im IT-Bereich schon längst stattgefunden hat. Untotgesagte leben länger.

Um das Handeln meines Virus zu verstecken, ich habe gebastelt ein sonder-Driver, updated alle einige Stunden und daher vollständig unnachweisbar.

Wir wissen es alle: Die gefährlichsten Unheilsbringer in der IT-Welt sind diejenigen, die «basteln». Und wenn da eine an einem sonder-Driver herumbastelt, muss du dich aufs Schlimmste gefasst machen. «Taxi Driver» ein Dreck dagegen.

Ich habe herunterladen das Video aus Ihrem Bildschirm und Ihrer Kamera und habe geschnitten ein Video auf dem in einem Teil des Bildschirms Sie masturbieren und der andere Teil zeigt ein Porno-Video die Sie gleichzeitig schauten.

Mit dem groben Gangsterslang bewegt sich die Autorin stilistisch ganz im klassischen Spam-Erpressungsgenre. Gekonnt, aber ohne Überraschungen. Auch fehlt der virtuose Wechsel zwischen «du» und «Sie», der noch im ersten Mail die beklemmende Unsicherheit verstärkt hat.

Ebenso fehlt das Subtile, das für das Meisterwerk von 2019 kennzeichnend war. Da wird von «Websites für Erwachsene», oder «intimen Website, auf der Sie Spass haben (Sie wissen, worum es geht)» gesprochen. Hier dagegen wird alles direkt und explizit ausgesprochen. Das ist nicht nur handwerklich grob geschnitzt, es stellt sich auch die Frage, wie das Werk an der Zensur der Spam-Filter vorbei kommt.

Ich kann schicken jederzeit allerlei Daten aus Ihrem Gerät ins Internet oder an alle jene, die stehen an Ihrer Kontaktliste, an den Messengern oder in sozialen Netzwerken.

Außerdem, ich kann bereitstellen den Zugang zu Ihren Messengern, sozialen Netzwerken oder zum E-Mail jedem beliebigen Menschen.

Ein wenig Spannungsaufbau durch Drohungen. Auch das ist genretypisch, geradezu klischeehaft. Aber es funktioniert. «Valentina, bitte tu’s nicht!» denke ich mir beim Lesen, obwohl ich genau weiss, dass das Unheil seinen Lauf nimmt.

Wenn Sie dies vermeiden wollen tun Sie folgendes-

Überweisen Sie auf meine Bitcoin-Geldbörse 1200 amerikanische Dollars.

Adresse meiner Bitcoin-Geldbörse : bc1q6yjwlm7r98zdq87w8zave5n3n920a8uvctlg66

Die Klimax: Das Erpressungsmail gipfelt in einer haarsträubenden Forderung – wie es sein muss. Sehr ähnlich wie im Mail von 2019. Der Betrag ist allerdings deutlich höher. Das passt stilistisch zum Sequel: Keine Subtilität, immer voll dreinhauen.

Sie haben 48 Stunden zur Überweisung. Andernfalls ich werde alles Obenstehende dürchfuhren.

Das finde ich hervorragend. Während der Erstling auf Umlaute radikal verzichtet, verfeinert Valentina das Konzept. Die Umlaute werden jetzt verwechselt. Das Resultat: Die wünderschone Wörtschopfung «dürchfuhren».

Der Zeitgeber hat gestartet automatisch sofort nachdem Sie den Brief eröffnet hatten.

Die Meldung über Eröffnung dieses Briefs bekomme ich auch automatisch.

Mit Ausdrücken wie «Zeitgeber» oder «Eröffnung des Briefs» wechselt die Autorin in eine befremdliche Bürokratensprache. Dabei wirkt sie seltsam altmodisch. Wir befinden uns in einer Dystopie – aber in einer, die in der Vergangenheit spielt.

Wenn Sie wissen nicht wie man das Geld überweist und was ist Bitcoin, schreiben Sie die Anfrage in Google „Bitcoin kaufen“.

Auch das darf nicht fehlen. Nach der Erpressung noch hämische Ratschläge geben, die niemandem etwas nützen. Da hat die Autorin das Erfolgsrezept des Meisterwerks von 2019 gut kopiert.

Sofort nach Erhalt der notwendigen Summe das System wird mich automatisch benachrichtigen und wird anbieten aus meinen Servern alle von Ihnen erhaltene Daten zu löschen.

Und ich werde das Löschen bestätigen.

Beschwerden Sie sich nirgendwo – meine Geldbörse kann nicht nachgefolgt werden und der E-Mail aus dem der Brief wurde geschickt wird erstellt automatisch und es ist sinnlos mich etwas zu schreiben.

Sollten Sie diesen Brief irgendjemandem teilen wollen, das System wird die Anfrage auf die Server automatisch schicken und diese werden Ihre Daten in sozialen Netzwerken veröffentlichen. Außerdem, der Wechsel von Passworten in sozialen Netzwerken, von E-Mail und am Gerät wird Sie nicht helfen, weil alle Daten sind bereits herunterladen am Cluster meiner Server.

Ich muss es jetzt mal so hart sagen: Die Drohungen wirken nicht realistisch genug. Sonst würdest du das hier nicht lesen. Oder anders gesagt: Das geht mir am Cluster meiner Server vorbei.

Ich wünsche Sie viel Glück und tun Sie keinen Blödsinn.

Die Schlussformel ist auch dieses Mal wieder ein Highlight. Zwar nicht so knackig wie das legendäre «Abschied.» aus dem ersten Mail, aber dennoch mit Kultpotenzial. Stark verdichtet kommt hier noch einmal alles vor, was ein Erpressungsmail ausmacht: Grammatikfehler, zynische Ratschläge und Drohungen.

Fazit: Solides Handwerk, aber wenig originell

Vor allem gegen Ende des Werks lässt die Autorin da und dort ihr Talent aufblitzen. Doch unter dem Strich ist das Mail eine leise Enttäuschung. Ein solides Stück Erpressungs-Spam zwar, mit allen Ingredienzien, die es braucht. Doch verlässt sich die Autorin zu sehr auf Altbewährtes und bietet zu wenig Überraschungen. Da war der Vorgänger noch origineller. Vielleicht ist es den Umständen geschuldet. Freischaffende Künstler sind besonders hart von der Coronakrise betroffen, da bilden auch die Spammer keine Ausnahme. Ohnehin soll die Spam-Mail-Industrie seit Längerem in der Krise stecken. Ob das wirklich stimmt, ist schwer zu sagen, da die Branche nicht besonders transparent arbeitet.

Liebe Spam-Schaffende: Ich wünsche Sie viel Glück und tun Sie keinen Blödsinn.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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