Reflect Orbital
Hintergrund

Sonne auf Bestellung: Startup will die Nacht per Satellit erhellen

Debora Pape
14.7.2026

Das US-Startup Reflect Orbital will die Nacht per Satellitenspiegel erhellen und hat dafür erste Test-Lizenzen erhalten. Gegenwind kommt von Astronomie-Gesellschaften und Umweltschutzverbänden.

Das kalifornische Startup Reflect Orbital plant, die Nacht zum Tage zu machen. Und zwar wortwörtlich: Das Unternehmen will mithilfe von Satelliten Sonnenlicht spiegeln und es wie einen Scheinwerfer auf die Erde richten. Bereiche mit einem Durchmesser von «fünf Kilometern und mehr» sollen bis 2035 mehrere Stunden nahezu taghell beleuchtet werden können.

Die US-amerikanische Bundesbehörde Federal Communications Commission (FCC) hat dem Startup nun die Genehmigung für den Betrieb eines ersten Satelliten-Prototyps namens Earendil-1 erteilt. Die Behörde ist unter anderem für die Regulierung von Telekommunikation, Rundfunk und Satellitenkommunikation in den USA zuständig. Reflect Orbital darf festgelegte Funkfrequenzen für die Steuerung und Datenübertragung nutzen.

Auflagen gibt es hinsichtlich der Vermeidung von Funkstörungen und zur Minderung von Weltraummüll. Die Genehmigung erstreckt sich ausdrücklich nicht auf die Anwendung des Satelliten als Sonnenspiegel: Die Beurteilung einer möglichen zusätzlichen Lichtverschmutzung liege nicht in der Zuständigkeit der Behörde. Die FCC zitiert dazu zahlreiche eingegangene Beschwerden und Petitionen zur Ablehnung des Projektes, unter anderem von mehreren internationalen Astronomie-Fachgesellschaften sowie Umwelt- und Gesundheitsorganisationen.

Geplant sind bis zu 50 000 Satelliten im Jahr 2035

Earendil-1 ist nach dem hell leuchtenden Morgen- und Abendstern in Tolkiens Fantasy-Universum benannt. Er ist als einer von zwei Testsatelliten konzipiert, die 2026 in eine Umlaufbahn von rund 625 Kilometer Höhe gebracht werden sollen. Laufen die Tests nach Plan, könnten sie mit ihren 18-Meter-Reflektoren laut Angaben auf der Website fünf Minuten lang 0,1 Lux Licht zu einem definierten Bereich auf der Erde spiegeln. Das entspricht etwa der Helligkeit einer klaren Vollmondnacht.

Die Grafik zeigt die geplante Anzahl und den Lichtertrag in den kommenden Jahren.
Die Grafik zeigt die geplante Anzahl und den Lichtertrag in den kommenden Jahren.
Quelle: Reflect Orbital

Reflect Orbital plant, in den nächsten Jahren viele weitere Satelliten einzusetzen, wodurch sowohl die Helligkeit als auch die Dauer der Beleuchtung steigen sollen. 2035 sollen 50 000 Satelliten mehrere Stunden lang bis zu 36 000 Lux bereitstellen. Das entspricht etwa schattigen Bereichen an einem hellen Tag. Alternativ soll der Satellitenschwarm durchgehend bis zu 100 Lux bieten können, was du dir wie eine helle Flurlichtbeleuchtung vorstellen kannst.

Laut der Website von Reflect Orbital soll das gespiegelte Sonnenlicht wie ein Scheinwerferschlaglicht funktionieren: Außerhalb des Lichtkegels soll die Nacht dunkel bleiben. Innerhalb des Lichtkegels sollen die spiegelnden Satelliten wie ein heller Stern wirken. Die Lichtintensität lasse sich durch die Zuschaltung weiterer Satelliten steuern und der Spot könne bei Bedarf kurzfristig verschoben werden. Durch eine Rotation der Satelliten kann das Unternehmen das Licht vollständig «ausschalten».

Der Zweck reicht von «Nützlich» bis «just for fun»

Und wem kommen die zusätzlichen Sonnenstrahlen zugute? Reflect Orbital führt mehrere Möglichkeiten an: Gut ausgeleuchtete Katastrophengebiete in Regionen ohne Strom oder Licht-Infrastruktur, Outdoor-Arbeitsplätze wie Industriehäfen sowie militärische Einsatzgebiete könnten demnach von der Beleuchtung profitieren. Landwirtschaftliche Betriebe könnten damit Wachstumsphasen verlängern. Städte könnten ihre Straßen (und alles andere) mit gleichmäßigem Licht beleuchten lassen. Auch «Experience» führt Reflect Orbital an: «Unvergessliche nächtliche Erfahrungen für Events und öffentliche Bereiche».

… allerdings nur bei klarem Himmel.

Mehr Licht, wo es benötigt wird – oder zu unvergesslichen Erinnerungen führt.
Mehr Licht, wo es benötigt wird – oder zu unvergesslichen Erinnerungen führt.
Quelle: Reflect Orbital

Reflect Orbital stellt das Projekt auf der Website mit ambitionierten Worten, aber ohne Belege vor:

«Ein Rettungsteam lokalisiert eine vermisste Person in Minuten. Eine Stadt hat sicherere, gleichmäßig beleuchtete Straßen ohne CO2-Emissionen. Bauprojekte sind in der halben Zeit fertiggestellt, weil die Teams sicher durch die Nacht arbeiten können.»

Diese vereinfachte Darstellung berücksichtigt allerdings keine CO2-Emissionen durch Raketenstarts und die Zeitangaben zu schneller auffindbaren Vermissten oder kürzeren Bauarbeiten werden auf der Website nicht näher begründet.

Ein weiterer wirtschaftlicher Einsatzzweck ist zudem die Sonnenenergiegewinnung. Reflect Orbital denkt die alte Idee von Sonnenkollektoren im All zur unterbrechungslosen Energiegewinnung um: Anstatt das Problem zu lösen, wie die im All generierte Energie zur Erde kommt, will das Startup das Sonnenlicht zu den Kollektoren auf der Erdoberfläche lenken. Ihre Technologie könne die globale Ausbeute von Solarenergie «mehr als verdreifachen».

Dieser Beleuchtungsservice hat auch seinen Preis. Mehrere Quellen, etwa die Non-Profit-Organisation Space Frontier Foundation, zitieren unter Berufung auf Reflect Orbital einen geplanten Einstiegsbetrag von 5000 US-Dollar pro Stunde. Demnach will Reflect Orbital kurz nach Inbetriebnahme der ersten Satelliten mit der Monetarisierung beginnen, um durch die Einnahme den Start weiterer Satelliten zu finanzieren. Mit steigender Satellitenzahl soll der Preis jedoch sinken. Profitieren Solarparks vom zusätzlichen Sonnenlicht, soll ein Teil der damit erzielten Gewinne mit Reflect Orbital geteilt werden.

Auf der Website des Startups kannst du unter «Explore» den Sonnenscheinwerfer simulieren und ihn wie ein Schlaglicht über verschiedene Städte bewegen.

Mit dem Lichtkegel lassen sich auf der Website Stadtbereiche von New York (offenbar mit Stromausfall) ausleuchten.
Mit dem Lichtkegel lassen sich auf der Website Stadtbereiche von New York (offenbar mit Stromausfall) ausleuchten.
Quelle: Reflect Orbital

Das Vorhaben stößt auf viel Kritik

Nicht nur Astronomie-Liebhaber und Forscherinnen beschweren sich über hellere Nächte. Lichtverschmutzung wird nachweislich immer mehr zum Problem. Bei Menschen, Tieren und Pflanzen kann zu viel Licht den Biorhythmus und die Gesundheit schädigen und große Bereiche der industrialisierten Welt sind bereits von zu hellen Nächten betroffen.

Licht im Freien sollte gemäß der internationalen Organisation Dark Sky, die sich gegen Lichtverschmutzung einsetzt, nach den fünf Prinzipien der verantwortungsvollen Beleuchtung genutzt werden: nur mit einem klaren Zweck und nur dort, wo es benötigt wird, dazu nicht heller als erforderlich, nur so lange wie nötig und mit möglichst warmen Farbtemperaturen. Das Konzept von Reflect Orbital verstoße gegen diese Leitlinien und Dark Sky spricht sich aktuell dagegen aus.

Reflect Orbital bietet Dark Sky eine Zusammenarbeit an und entgegnet der Kritik, dass Sternwarten und geschützte Lebensräume, die auf dunkle Nächte angewiesen sind, «absichtlich» vermieden werden.

Das Startup behauptet in den FAQ zudem, dass das Licht weder wie eine Lupe im Sonnenlicht Brände verursachen noch beim direkten Blick in die Lichtquelle die Augen schädigen könne, auch nicht durch ein Teleskop. Die Beleuchtung soll weiterhin nur auf Anforderung sowie mit Genehmigung der lokalen Behörden eingesetzt und die Position des Beleuchtungsbereichs vorab kommuniziert werden.

Befürchtungen gibt es aber auch hinsichtlich plötzlicher Lichtblitze und Blendeffekte durch die Rotation der Satelliten oder bei Kontrollverlust sowie der zunehmenden Satellitendichte in der Erdumlaufbahn. Bereits jetzt wird die Menge der Satelliten im Orbit als riskant eingeschätzt und Unternehmen wie SpaceX und Amazon planen in den kommenden Jahren, tausende weitere Satelliten für ihre Kommunikationsnetzwerke einzusetzen.

Titelbild: Reflect Orbital

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