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Hintergrund

Social-Media-Verbot für Jugendliche: Das planen europäische Staaten

Fast vier Stunden täglich sind Jugendliche online. Immer mehr Länder planen Altersgrenzen oder Verbote für Social Media. Von der Schweiz bis Grossbritannien: Wer greift wie durch – und was bringt es?

Instagram, TikTok oder Snapchat beanspruchen täglich mehrere Stunden der Aufmerksamkeit – nicht nur, aber oft von Kindern und Jugendlichen. Laut der deutschen JIM-Studie durchschnittlich 224 Minuten täglich, also fast vier Stunden.

Parallel wächst die Ansicht in Teilen der Welt, dass die Nutzung für Jugendliche problematisch sein kann. Sei dies hinsichtlich der mentalen Gesundheit – wobei dieser Effekt umstritten ist –, des gesellschaftlichen Drucks oder des Suchtfaktors, ausgelöst unter anderem durch Algorithmen bei Kurzvideos.

Diese Faktoren führen dazu, dass die Politik in verschiedenen Ländern auf der Welt Massnahmen ergreifen will. Vom regulierten Zugang bis zum SoMe-Verbot für Jugendliche. Welches Land plant was? Eine Übersicht.

Australien: Der Pionierstaat mit landesweitem Verbot

Anthony Albanese, australiens Premierminister, sieht sich technischen Problemen gegenüber.
Anthony Albanese, australiens Premierminister, sieht sich technischen Problemen gegenüber.
Quelle: Shutterstock

Australien hat das Verbot bereits umgesetzt. Seit dem 19. Oktober 2025 dürfen Menschen unter 16 Jahren sich nicht mehr bei grossen Social-Media-Plattformen anmelden. Anbieter müssen Altersverifikation einführen und aktiv kontrollieren. Technisch nutzen viele Dienste dafür Identifikationsverfahren, die etwa den Upload von Ausweisdokumenten oder biometrischen Merkmalen erfordern. Diese Systeme sind teuer, komplex und fehlerbehaftet. Zudem werden sie vielerorts wegen der Risikoanfälligkeit beim Datenschutz bemängelt. Erste Auswertungen legen nahe, dass der tägliche Nutzungszeitraum bei Jugendlichen unter 16 geringfügig sinkt. Gleichzeitig berichten junge Nutzer, viele würden falsche Altersangaben machen oder sich über alternative Apps verbinden. Schulen sehen weniger ständige Erreichbarkeit im Unterricht, aber mehr Nutzung über Messenger ausserhalb offizieller Plattformen.

Frankreich: Gesetzliche Verbotspläne unter 15 Jahren

Macron und die Nationalversammlung wären sich einig – das EU-Recht könnte aber zum Problem werden.
Macron und die Nationalversammlung wären sich einig – das EU-Recht könnte aber zum Problem werden.
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Frankreich plant ein Social-Media-Nutzungsverbot für unter 15-Jährige. Das Parlament hat entsprechende Gesetze verabschiedet, wobei Plattformen verpflichtet werden sollen, eine Altersüberprüfung technisch möglich zu machen. Die Herausforderung dabei: Wie lässt sich zuverlässig prüfen, ob ein Kind tatsächlich 15 ist, ohne persönliche Daten zu sammeln? Denn das Sammeln dieser Daten bei minderjährigen Nutzerinnen und Nutzern ist unter dem EU-weit gültigen Digital Services Act (DSA) sehr streng geregelt. Zudem widerspricht ein nationales Verbot möglicherweise EU-Recht, das Dienste innerhalb des Binnenmarktes harmonisiert – ebenfalls im DSA geregelt.

Frankreich arbeitet an technischen Leitlinien, hat aber noch keine funktionierenden Prüfmechanismen etabliert. Um dem Social-Media-Konsum einen zusätzlichen Riegel vorzuschieben, plant Frankreich, das bereits bestehende Handyverbot an Grund- und Mittelschulen auf Gymnasien auszuweiten.

Deutschland: Der Wille ist da

Kanzler Friedrich Merz' CDU fände Gefallen an regulierten Sozialen Medien.
Kanzler Friedrich Merz' CDU fände Gefallen an regulierten Sozialen Medien.
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In Deutschland hat die Debatte über ein Social-Media-Verbot für Kinder 2026 deutlich an Fahrt aufgenommen. Letzter Höhepunkt war der CDU-Bundesparteitag Mitte Februar. Die Delegierten sind der Ansicht, dass unter 14-Jährige keinen Zugang zu Plattformen wie TikTok oder Instagram bekommen sollen. Für 14- bis 16-Jährige sehen sie eine Art «Jugendmodus» vor – ohne personalisierte Feeds, ohne automatische Weiterleitung von Inhalten, mit strengeren Voreinstellungen. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann treibt das Thema voran, Bundeskanzler Friedrich Merz unterstützt den Kurs. Die SPD hat in einem Positionspapier ähnliche Forderungen formuliert und spricht ebenfalls von einer Altersgrenze und speziellen Jugendversionen.

Damit ist die Debatte in Phase zwei: vom Parteibeschluss zur möglichen Gesetzgebung. Doch Einigkeit herrscht nicht überall. In der Koalition gibt es unterschiedliche Akzente, zudem verweisen andere Akteure auf ihre Zuständigkeit im Jugendmedienschutz. Wie in Frankreich auch bleibt einerseits die Frage nach einer technisch gangbaren Altersprüfung, die keine Datenschutzprobleme schafft. Andererseits bestehen die erwähnten Konflikte mit dem übergeordneten EU-Gesetz. Eine Expertenkommission soll dazu im Sommer konkrete Vorschläge vorlegen. Phase drei wäre ein Gesetzentwurf. Die Bundesregierung plant, auf Basis der Empfehlungen ein Gesetz auszuarbeiten. Dieses müsste durchs Kabinett, dann durch Bundestag und Bundesrat. Parallel laufen Gespräche mit Ländern und Plattformbetreibern.

Spanien: EU-kompatible Regulierung geplant

Möchte Spaniens Gesetz mit der EU in Einklang bringen – Spaniens Präsident Pedro Sanchez.
Möchte Spaniens Gesetz mit der EU in Einklang bringen – Spaniens Präsident Pedro Sanchez.
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Die spanische Regierung will ebenfalls soziale Medien für Minderjährige regulieren, peilt eine Grenze von 16 Jahren an und will ein «Jugendschutzpaket» erstellen. Konkrete Gesetzesentwürfe stehen noch aus. María González Veracruz, Staatssekretärin für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in Spanien, erklärt, man brauche dies, um «sichere digitale Umgebungen» zu schaffen. Gleichzeitig hob sie die Investitionen der spanischen Regierung in digitale Bildung und Infrastruktur sowie die Ausbildung von Schülern mit digitalen Kompetenzen hervor.

Spanische Behörden prüfen, wie technische Lösungen für Altersnachweise EU-weit funktionieren könnten. Ziel ist es, eine einheitliche europäische Umsetzung zu erproben, bevor nationale Verbote eingeführt werden. Die technische Umsetzung bleibt jedoch offen. Klar ist aber: Der Support der Bevölkerung ist da. Gemäss der Nachrichtenagentur Reuters unterstützen 82 Prozent der spanischen Bevölkerung eine Regulierung.

EU-Recht als strukturelle Hürde

Unabhängig von nationalen Vorstössen steht die EU-Gesetzgebung im Raum. Der Digital Services Act und weitere Regelwerke regeln bereits Pflichten für Online-Dienste, etwa bei illegalen Inhalten, Werbung und dem Schutz Minderjähriger. Kritiker nationaler Regelungen verweisen zudem auf bereits existierende Initiativen im Europäischen Parlament, die ebenfalls ein Mindestalter für Social Media ins Auge fassen. Befürworter nationaler Lösungen halten dagegen, dass strikte europaweite Altersgrenzen gegen das Herkunftslandprinzip und die Dienstleistungsfreiheit im Binnenmarkt verstossen könnten. Ausserdem können Plattformen mit einem EU-weiten Gesetz nationale Altersverbote rechtswidrig umgehen. Etwa wenn ein Land ein geringeres oder höheres Mindestalter beschliesst als die EU. Eine Klärung durch den Europäischen Gerichtshof ist bislang ausstehend.

Albanien: Nationale Regelung ausserhalb des EU-Rahmens

Albaniens Ministerpräsident Edi Rama meint, Social Media beinhalte nur «Dreck und Kot».
Albaniens Ministerpräsident Edi Rama meint, Social Media beinhalte nur «Dreck und Kot».
Quelle: Shutterstock

Albanien ist der EU voraus, begibt sich aber nun auf den Weg zurück. Der südosteuropäische Staat sprach Ende 2024 ein einjähriges, generelles Verbot der Videoplattform TikTok aus. Dies, nachdem ein 14-Jähriger bei einem Streit erstochen worden ist. Ein Streit, der sich aus gegenseitiger Provokation auf TikTok entspann. Der Ministerpräsident Edi Rama kündigte am 21. Dezember 2024 an, TikTok ab Anfang 2025 für mindestens ein Jahr zu sperren, um Kinder und Jugendliche vor schädlichen Inhalten zu schützen und begleitend Bildungsprogramme zu starten. Am 13. März 2025 erliess die albanische Behörde Electronic and Postal Communications Authority (AKEP) zusammen mit der National Cybersecurity Authority (AKSK) Anordnungen an Internetanbieter, die Plattform technisch zu blockieren.

Kritiker warnten in einem offenen Brief vor Zensur und Einschränkung der Meinungs- und Informationsfreiheit, besonders im Vorfeld der Parlamentswahl im Mai 2025. Trotz des offiziellen Verbots wurde die Sperre vielfach umgangen und am 6. Februar 2026 wieder aufgehoben. Die Behörden arbeiten laut Medienberichten aber weiterhin an Filter-Schutzmassnahmen für junge Nutzer.

Vereinigtes Königreich: «Keine Plattform bleibt verschont»

Verfolgt seit den Vorfällen um Grok einen strengen Kurs – Premier Keir Starmer.
Verfolgt seit den Vorfällen um Grok einen strengen Kurs – Premier Keir Starmer.
Quelle: Shutterstock

Die britische Regierung unter Premierminister Keir Starmer will die Online-Sicherheit für Kinder und Jugendliche deutlich verbessern und prüft ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Dafür soll der bestehende Online Safety Act 2023 weiterentwickelt und um neue gesetzliche Befugnisse ergänzt werden. Geplant ist eine dreimonatige öffentliche Konsultation ab März 2026, in der Altersgrenzen für soziale Netzwerke, Altersverifikation, eine Zeitbeschränkung beim «Doomscrolling» und ein Verbot der Nutzung von VPNs durch Kinder erörtert werden. Die Regierung will auch KI-Chatbots wie z. B. xAI’s Grok strikt in die Regulierung einbeziehen, nachdem diese zur Erstellung problematischer Inhalte genutzt wurden.

Im Januar 2026 stimmte das House of Lords einem Antrag zur möglichen Beschränkung für unter 16-Jährige zu. Starmer betont, ein komplettes Verbot sei noch nicht endgültig beschlossen, bleibe aber eine Möglichkeit. Er fordert zugleich stärkere Pflichten für Online-Plattformen zum Schutz von Minderjährigen.

Schweiz: «Wir beobachten»

Der Schweizer Bundesrat zeigt sich aufgeschlossen, prüft aber noch.
Der Schweizer Bundesrat zeigt sich aufgeschlossen, prüft aber noch.
Quelle: Florian Bodoky

In der Schweiz verfolgt der Bundesrat einen moderaten Kurs. Hier wird über Social-Media-Altersbeschränkungen und Verbote für Kinder und Jugendliche diskutiert, aber es gibt kein gesetzliches Verbot auf nationaler Ebene. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (SP) erklärte im Dezember 2025 allerdings, dass sie für ein Verbot sozialer Medien für Kinder offen sei und kündigte eine vertiefte Prüfung an. Damit rennt sie mancherorts offene Türen ein: So verlangt eine Petition, Social-Media-Plattformen für unter 16-Jährige unzugänglich zu machen. Über 60’000 Unterschriften unterstützten dieses Ansinnen.

Ins gleiche Horn bläst der Präsident des Verbands Schulleitungen Schweiz (VSLCH), Thomas Minder. Er verlangte im Oktober 2025 ein Verbot für Jugendliche. Auch ein parlamentarisches Postulat fordert die Prüfung eines TikTok-Verbots für Jugendliche. Demgegenüber sprach sich die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) im November 2025 gegen pauschale Verbote aus und plädierte für Regulierung, Prävention und Medienkompetenz.

Derweil ist das «Bundesgesetz über Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen» (KomPG) auf dem Weg. Die Vernehmlassung zum Gesetzesentwurf endete Mitte Februar. Allerdings befasst sich dieser Entwurf mit der Regulierung besonders grosser Plattformen generell, ohne sich speziell dem «Kinder- und Jugendaspekt» zu widmen. Er orientiert sich eher am Digital Services Act der EU.

Im Zusammenhang mit den Verbots- und Regulierungsdiskussionen kommt oft das Thema Alters- und Identitätsnachweis zur Sprache. Kritiker sorgen sich um den Datenschutz, falls eine solche Pflicht eingeführt würde. Die baldige Einführung der E-ID kann diese Sorgen nicht zur Gänze zerstreuen. Das teilweise fehlende Vertrauen in die Sicherheitsstruktur der E-ID dürfte nach dem neuerlichen Bekanntwerden der Sicherheitsprobleme noch mehr genährt werden.

Titelbild: Shutterstock

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Seit ich herausgefunden habe, wie man bei der ISDN-Card beide Telefonkanäle für eine grössere Bandbreite aktivieren kann, bastle ich an digitalen Netzwerken herum. Seit ich sprechen kann, an analogen. Wahl-Winterthurer mit rotblauem Herzen.


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