So funktioniert die Augensteuerung der Canon EOS R3

So funktioniert die Augensteuerung der Canon EOS R3

David Lee
Zürich, am 01.11.2021

Bei der Canon EOS R3 lässt sich der Fokus mit dem Blick steuern. Genauer gesagt: Das Fokusfeld. Das ist eine nützliche Ergänzung zur Motiverkennung.

Die Augensteuerung der Canon EOS R3 ist ein bemerkenswertes Feature, das sich momentan nirgendwo sonst findet. Sensoren registrieren die Bewegung deiner Pupille, wenn du durch den Sucher guckst. Dadurch weiss die Kamera, an welche Stelle im Sucherbild du hinschaust – und kann den Fokuspunkt auch gleich dort hinverschieben.

Canon hat eine Augensteuerung bereits in den Neunzigerjahren in analogen Kameras eingebaut. Die Idee an sich ist also nicht neu. Heute allerdings sind Autofokussysteme viel komplexer und leistungsfähiger. Kein Vergleich zu damals also.

Zuerst kalibrieren

Vor der ersten Benutzung muss die Augensteuerung auf mein Auge eingestellt werden. Die Kalibrierung ist schnell und einfach erledigt: Ich muss lediglich in der Bildmitte und an allen vier Seitenrändern einen Punkt fixieren. Anschliessend kann die Kalibrierung verfeinert werden, um die Präzision zu erhöhen. Bei der Verfeinerung wird das Prozedere ein oder mehrere Male wiederholt.

Manchmal meldet die Kamera, dass sie das Auge nicht erkannt habe, weil Licht zwischen Auge und Sucher fällt. Ich solle doch bitteschön den Sucher ganz dicht ans Auge halten. Seltsamerweise erscheint die Meldung bei mir, wenn ich den Sucher besonders nahe ans Auge halte. Mache ich es wie gewohnt, funktioniert es fast immer auf Anhieb.

Bei meinen ersten beiden Versuchen ist der Punkt nicht genau dort, wo ich hinschaue, sondern etwas zu weit rechts. Ich wiederhole die Kalibrierung so lange, bis es wirklich stimmt.

Es gibt sechs Speicherplätze für Kalibrierungen. Es können also mehrere Personen die gleiche Kamera mit der Augensteuerung benutzen. Bei Bedarf auch mehr als sechs, denn die Kalibrierungseinstellungen können auf der Speicherkarte gesichert und von dort wieder geladen werden.

Ich habe die Speicherplätze benutzt, um mehrere Kalibrierungen für mich anzulegen. Der Grund: Bei einer neuen Lichtsituation kann sich die Steuerung anders verhalten. Es ist aber nicht so, dass ich bei jedem Shooting zuerst neu kalibrieren müsste.

Der Pointer

Leider kann ich die Augensteuerung nicht im Betrieb zeigen. Denn sobald ich ein HDMI-Kabel für ein Screen-Recording anschliesse, schaltet sich das Sucherbild aus. Und ich muss durch den Sucher schauen – das Bild auf dem LCD nützt mir nichts.

Dieses Bild habe ich durch den Sucher hindurch mit dem Smartphone fotografiert. Du siehst darauf einen orangen Kreis – das ist der Pointer, der anzeigt, wo ich hinschaue. Oder genauer: Wo ich hingeschaut habe, bevor ich das Smartphone an den Sucher gehalten habe.

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Der Pointer kann durch zahlreiche Einstellungen modifiziert werden. Ich kann die Farbe von orange auf lila oder weiss wechseln, die Form zu einem Fadenkreuz ändern, die Grösse einstellen oder ihn ganz ausblenden.

Zudem lässt sich die Empfindlichkeit des Pointers in fünf Stufen einstellen. Mir ist er in der Standardeinstellung etwas zu träg, ich schraube die Empfindlichkeit aufs Maximum. Voraussetzung für eine hohe Empfindlichkeit ist aber, dass die Kalibrierung genau passt.

Das Funktionsprinzip

Da das Sucherbild nicht aufgezeichnet werden kann, bleibt mir nur der Verweis auf ein Demo-Video, das Canon veröffentlicht hat. Ab Sekunde 37 siehst du die Augensteuerung im Betrieb.

Die Kamera stellt nicht automatisch auf den orangen Punkt scharf. Das geschieht erst, wenn ich mit der AF-Taste oder dem Auslöser fokussiere. Das ist wichtig, sonst wäre das Feature unbrauchbar. Denn der Blick bleibt nicht immer und jederzeit auf dem Motiv haften. Er schweift öfters umher, als du denkst – auch unabsichtlich.

Wann ist die Steuerung sinnvoll?

Die Augensteuerung zu verstehen und zu benutzen, ist grundsätzlich sehr einfach. Es ist die wohl intuitivste Art, einen Fokusbereich auszuwählen. Schwieriger war für mich, herauszufinden, in welchen Situationen mir die Steuerung einen klaren Vorteil bringt.

Im Video-Modus funktioniert die Augensteuerung nicht. Es ist ein reines Foto-Feature.

Im Foto-Modus kann die Augensteuerung mit jeder anderen Fokus-Einstellung kombiniert werden. Mit jeder Feldgrösse, mit oder ohne Motiverkennung.

Ich probiere zuerst den Spot-Autofokus aus – ein ganz kleines AF-Feld, ohne Motiverkennung. Durch die Augensteuerung kann ich den Spot viel schneller und präziser auswählen als durch Herumschieben mit dem Joystick und so gezielt ein Detail anfokussieren.

Ein Ersatz für die Motiverkennung ist das aber nicht. Denn die Motiverkennung hält das Motiv im Fokus, sogar wenn ich mal kurz wegschaue. Ausserdem ist die Augensteuerung auch bei guter Kalibrierung nicht immer präzise genug für den Spot-AF.

Sinnvoller ist daher die Verwendung in Kombination mit der Motiverkennung. Mit dem Augen-Autofokus legst du blitzschnell fest, in welchem Bereich die Kamera nach dem Motiv suchen soll. Du verschiebst also das Fokusfeld, das je nach Einstellung unterschiedlich gross ist. Die eigentliche Fokussierung übernimmt dann die Kamera mittels Motiverkennung.

In Situationen, wo nur ein Fahrzeug, Mensch oder Tier auftaucht, braucht es die Augensteuerung nicht. Dann wählst du das ganze Bild als AF-Bereich und die Motiverkennung erledigt den Rest.

Bei mehreren möglichen Motiven ist die Augensteuerung jedoch hilfreich. Zwar ist die Motiverkennung in der Lage, mehrere Motive gleichzeitig zu erkennen und mit dem Joystick kannst du zwischen den erkannten Motiven switchen. Mit der Augensteuerung wählst du aber gezielter aus und vor allem klappt es auch, wenn die Kamera nicht sämtliche Motive auf dem Bild sofort erkennt.

Im Video oben sollte die Kamera mehrere Hundegesichter erkennen. Zwischendurch tut sie das auch – nämlich dann, wenn du zwei weisse Pfeile neben dem Fokusrahmen siehst. Dann kann ich mit dem Joystick zum nächsten Hund springen. Ich weiss aber nicht, welches der nächste Hund ist und das wechselt laufend. Wenn es schnell gehen muss, ist das unbrauchbar.

Mit der Augensteuerung klappt es viel besser: Ich blicke einen bestimmten Hund an, drücke den Auslöser leicht, und der betreffende Hund wird als Motiv erkannt. Das funktioniert auch dann, wenn ich den gesamten Bildbereich als AF-Punkt definiere. Leider kann ich davon aus den erwähnten Gründen kein Video machen.

Fazit: Eine nützliche Ergänzung

Die Augensteuerung funktioniert gut. Mit ihr bin ich viel schneller, als wenn ich das Fokusfeld mit dem Joystick verschieben muss. Geschwindigkeit ist das A und O bei einer Sport- und Action-Kamera.

Sinnvoll ist die Augensteuerung vor allem in Kombination mit der Motiverkennung. Du gibst der Kamera einen Hinweis, in welchem Bereich des Bildes sie nach einem Motiv suchen muss. Dadurch erkennt sie es besser. Gleichzeitig verhinderst du, dass die Kamera auf das falsche Motiv fokussiert, wenn mehrere Personen, Tiere oder Fahrzeuge im Bild sind.

Die Augensteuerung macht die Motiverkennung aber nicht überflüssig. Ganz im Gegenteil, sie ist darauf angewiesen. Ob eine Kamera sport- und actiontauglich ist, hängt weiterhin stark davon ab, wie gut die Motiverkennung ist. Die Augensteuerung dient nur zur Unterstützung.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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