Schlitteln, joggen, biken, ausrutschen: Ein ganz normaler Sonntag auf dem Hausberg

Livia Gamper
Zürich, am 01.02.2022

Auf dem städtischen Hausberg geht’s am Wochenende rund. Die halbe Stadt verbringt auf engem Raum ihre Freizeit. Besonders der Winter zeichnet ein diverses Bild an Aktivitäten – und einen Querschnitt unserer Gesellschaft.

Ich laufe mit den Trekkingschuhen der Hauptstrasse entlang und komme mir blöd vor. Habe ich es mit der Schuhwahl für meinen Sonntagsausflug übertrieben? Beim Instagram-Post eines Bekannten habe ich gesehen, dass noch Schnee auf dem Hausberg liegt und mich dementsprechend auf meinen grösseren Spaziergang vorbereitet.

Der Weg ist steil und ich bin nicht die einzige mit der Idee, an einem Sonntag den städtischen Hausberg zu erklimmen. Viele Pärchen hat es, Familien mit Kindern, mit und ohne Kinderwagen und einige Hunde. Die Pärchen umgehen Hand in Hand die matschigen Stellen, die Kinder rennen voraus, Eltern rufen ihnen lauthals hinterher. Der Weg ist steil, aber dank Kies auch für die diejenigen mit Turnschuhen kein Problem.

Bis zu einer Waldlichtung. Da liegt er, der Schnee.

Winterwonderland Hausberg

Schlittler fahren abwärts, Biker aufwärts – eine getrennte Wege gibt’s nicht. «Obacht!» höre ich einen älteren Herrn rufen, der beinahe von einem Kind mit Bob umgekarrt wird. Etwas weiter vorne verfolgt ein Hund einen Tennisball.

Ich schlängle mir einen Weg durch das bunte Treiben und verlasse die Weggabelung, nachdem ich einem Kind mit Schlitten den Vortritt gewährt habe. Es geht weiter aufwärts im Schnee. Ich bin froh, meine Trekkingschuhe angezogen zu haben. Ich sehe schon die ersten Füsse mit Turnschuhen, die ins Rutschen geraten. Eine Frau fällt hin, sie lacht und hat sich zum Glück nicht wehgetan.

In diesem Waldteil fahren die Bikes auf einem eigenen Weg im Schnee.
In diesem Waldteil fahren die Bikes auf einem eigenen Weg im Schnee.

Endgegner Eistreppe

Das nächste Problem sehe ich schon von Weitem. Eine steile Treppe, auf deren Stufen der Schnee durch die vielen Turnschuhtritte zu Eis geworden ist. Zum Glück ist hier niemand und ich kann mein Glück unbeobachtet versuchen. Auch mit meinem vermeintlich guten Schuhwerk gerate ich ins Wanken. Gottseidank hat sich die Stadt etwas überlegt und ein Geländer angebracht. Mithilfe von diesem und einem uneleganten Seitwärtsgang komme ich langsam hoch. Hinter mir höre ich, wie sich zwei Männer nähern. Die beiden gehen die Treppe hoch, als wenn es kein Problem gäbe.

Ich lasse die beiden überholen. Sie tragen Steigeisen. Mit festen Griff ums Geländer blicke ich neidisch auf die gute Ausrüstung der beiden.

Dass die eisige Treppe mit «Wanderweg» beschriftet ist, macht die Sache nicht besser.
Dass die eisige Treppe mit «Wanderweg» beschriftet ist, macht die Sache nicht besser.

Glühwein, Eis und Aussicht

Ich schaffe es ohne Sturz nach oben. Auf der Aussichtsplattform mischen sich die Schlittler, Biker und Hündeler mit all jenen, die mit der Bahn angekommen sind. Fellmäntel, Sonnenbrillen, schöne Handtaschen und schicke Stiefeletten treffen auf Funktionskleidung.

Auf dem Boden liegt Schnee und Eis, gespickt mit Kies. Ein Mann fährt trotz Verbotsschild mit seinem E-Bike durch den Eingang der Aussichtsplattform. Der Hund von vorhin mit dem Tennisball ist auch schon da. Eine Frau mit hohen Schuhen und zwei vollen Pappbechern bahnt sich ihren Weg vom Kiosk zurück durch die Menge. Ein junger Mann läuft mit einem riesigen Gleitschirmrucksack zielstrebig an allen Ausflüglern vorbei.

Ich stelle mich in die Schlange und hole Glühwein. Ein Rennvelofahrer schiebt sein dünn bereiftes Velo durch die Leute. Wie ist der hier hochgekommen?

Alles Gute kommt von unten

Kurz überlege ich mir, mit der Bahn nach unten zu fahren. Die Eistreppe will ich nicht nochmals angehen. Wenn ich schon aufwärts Mühe habe, wirds runter nicht besser. Aber es gibt noch andere Wege zurück in die Stadt.

Ich laufe am Wegrand und werde von einigen Schlitten überholt. Ob deren Fahrer:innen wissen, dass nach einigen Kurven kein Schnee mehr liegt? Der gelbe Wanderwegweiser sagt, ich soll links abbiegen. Ich halte mich an den Vorschlag und gelange auf einen schmaleren Weg, weg von den Schlittlern. Der Weg führt immer steiler nach unten. Vor mir geht ein junges Pärchen mit schönen Asics-Turnschuhen. Mit jedem Meter geraten sie mehr ins Schlittern.

Meine Schuh-Wahl
Meine Schuh-Wahl

Und dann kommt doch wieder eine Treppe. Sie ist noch eisiger und steiler als die beim Aufstieg und mitten im Wald. Das Pärchen hat sichtlich Mühe. Er geht voran, kann sich noch knapp an den herunterhängenden Ästen halten. Sie rutscht hinterher, hält sich an ihm fest, dann fallen sie beide. Sie lachen, es ist nichts passiert.

Mir ist nicht nach Lachen. Ich stehe noch immer oben und überlege, wie ich hier ohne Sturz herunterkomme. Ich entscheide mich wieder für seitwärts, rutsche aber schon auf der dritten Stufe und falle hin. Immerhin lande ich weich auf meinen Rucksack, in dem sich Schal, Handschuhe und Trinkflasche befinden.

Ich denke an die beiden Herren mit den Steigeisen. Denen wäre das nicht passiert. Gleichzeitig ist es auch etwas peinlich, so übertrieben ausgerüstet auf den Hausberg zu ziehen. Da stecke ich lieber einen Sturz in Würde ein.

Nach wenigen Metern finde mich an der Waldlichtung wieder. Für mich ist der mühsame Teil damit beendet. Für Scharen von Schlittlern, Bikern und überzeugten Turnschuhträgern, die mir entgegenkommen, beginnt das Abenteuer erst jetzt. Ich wünsche viel Erfolg und Geduld.

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Experimentieren und Neues entdecken gehört zu meinen Leidenschaften. Manchmal läuft dabei etwas nicht wie es soll und im schlimmsten Fall geht etwas kaputt. Ansonsten bin ich seriensüchtig und kann deshalb nicht mehr auf Netflix verzichten. Im Sommer findet man mich aber draussen an der Sonne – am See oder an einem Musikfestival. 


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