Royole Flexpai im Test: What the Actual Fuck is This?

Zürich, am 11.09.2019
Das Royole Flexpai ist faltbar und sehr wahrscheinlich das schlechteste Phone des Jahres. Das liegt aber nicht am Konzept sondern der unterirdischen Umsetzung. Eines muss man dem Ding aber lassen: Es weckt den Spieltrieb.

Samsung und Huawei haben beide einen Rückzieher gemacht. Ihre Faltphones sind im Frühjahr gross angekündigt, dann aber wieder zurückgezogen oder verschoben worden. Eine chinesische Firma hat sich das zunutze gemacht und so landet das Royole Flexpai auf meinem Tisch.

Es ist eine Frechheit, dass dieses Teil auf dem offenen Markt angeboten wird.

Eins vorweg: Du wirst in diesem Artikel viele Bilder von einem verschmierten Bildschirm sehen. Warum ist der verschmiert? Weil es beinahe unmöglich ist, den zu putzen. Ich hasse den Bildschirm. Ich hasse dieses Phone. Verdammter Ziegel.

Der Bildschirm ist kaum sauber zu halten und schier unmöglich zu putzen.
Der Bildschirm ist kaum sauber zu halten und schier unmöglich zu putzen.

Aber gut, von vorne.

Wieso ist das Teil so langsam?

Das Smartphone wiegt ohne Sim-Karte 351 Gramm und läuft auf einem Snapdragon 855, dem aktuellen besten System-on-a-Chip (SoC) des Herstellers Qualcomm. Dazu 6GB RAM und 128GB interner Speicher. Klingt alles nicht allzu übel. Auf dem läuft eine abgeänderte Android-Version, die Hersteller Royole «Water OS» nennt. Water, da es fliesst. Wie Wasser.

Bullshit.

Ich weiss nicht genau wie, aber irgendwie hat es Royole hingekriegt, dass diese eigentlich guten Specs entweder komplett ausgelastet oder nicht total ausgenutzt werden. Denn das Flexpai ist langsam und behäbig. Wie kann das sein? Warum ist das so? Das sind verdammt nochmal Flaggschiff-Specs. Das muss doch besser sein, wenn denn das stimmt. Ich überprüfe die Specs mit CPU-Z. Die App checkt zwar die Sache mit dem Bildschirm nicht ganz, aber sonst stimmen die Angaben des Herstellers. Die Performance stimmt einfach nicht.

Google Apps sind nicht mitgeliefert, da The Great Firewall of China und die chinesische Regierung die Implementation von Google-Dingen verbieten. Oder so stark erschweren, dass es geradesogut ein Verbot sein könnte. Die grossen Hersteller veröffentlichen mehrere Versionen ihrer Phones. Eine für den chinesischen Markt ohne Google Apps, eine international mit Google Apps. Dass da keine Google Apps sind, und damit auch kein Play Store, ist kein Weltuntergang. Da gibt es Seiten wie FOSSHub oder APK Mirror, die Installationsdateien für Apps zum Download anbieten. Denn anders als die Phones der grossen Hersteller, sind die Google Apps auf dem Flexpai nur schwer nachzurüsten. In der Regel installierst du eine App von einer Seite wie OSCrunch und dann geht das. Beim Flexpai ist das leicht komplizierter und funktioniert dann irgendwann so halbpatzig und auch mehr zufällig.

Ich hasse das Teil jetzt bereits und habe das Phone noch nicht mal aufgeklappt.

Aufgeklappt auch nicht besser

Das Royole Flexpai hat ausgeklappt eine Bildschirmdiagonale von 7.39 Zoll, also 19.82cm. Das wäre ja toll, wenn da nicht die Fingerabdrücke und Schmierereien wären. Wäre das ein normaler Bildschirm, dann würde ich dem hart mit Fensterreiniger und einem Mikrofasertuch zu Leibe rücken. Beim Flexpai traue ich mich das nicht, denn der Screen ist nicht etwa eine glasige Oberfläche, sondern fühlt sich an wie die Plastikverpackung eines Spielzeugs. Ich bin mir nicht abschliessend sicher, ob das Phone Flüssigkeiten aushält. Die offiziellen Specs erwähnen nichts von wegen wasserdicht.

Der Screen ist uneben, hässlich und biegt sich. Die Auflösung ist schlecht, die Helligkeit ebenfalls. Die Touch-Empfindlichkeit ist abgründig, vor allem in der Biegung. Wenn es aufgeklappt ist, dann fühlst du die Wellen im Falz. Generell fühlt sich der Bildschirm, der idiotischerweise immer an der Aussenseite des Teils ist, billig an. Wie billiges Plastik. Ich traue mich nicht, ihn mit Feuchtigkeit in Kontakt zu bringen. Hat das bei Royole niemand getestet? Und wenn doch, wer hat das aus welchen Gründen abgesegnet?

Das Flexpai ist das erste faltbare Phone auf dem offenen Markt mit einigermassen grossem internationalem Appeal. Ist das der Grund, weshalb wir dieses Desaster in Phone-Form haben? Damit Royole sagen kann «wir waren die Ersten»? Royole, ihr seid nicht die Ersten, ihr seid die Hinterletzten. Wir wollen faltbare Phones, wir hoffen darauf, dass die Phones mit dem Falz die Zukunft werden. Das Samsung Galaxy Fold sieht gut aus, das Huawei Mate X auch. Und dann so ein Schrotthaufen? Es kann ja mal vorkommen, dass ein Hersteller ein schlechtes Phone auf den Markt bringt, aber ich bin mir sicher, dass bei Royole entweder Indifferenz oder aktive Boshaftigkeit im Spiel war. Die Hoffnungen von Smartphone-Fans auf der ganzen Welt wurden enttäuscht. Denn egal, was da noch kommt, das Flexpai wird immer mein erstes Falt-Phone bleiben.

Water OS ist ein Schlag ins Wasser

Dann ist da Water OS, eine Android-Version, die von Royole angepasst wurde. Besser soll sie sein, fliessen wie Wasser. Brackwasser vielleicht. Oder so etwas sumpfig. Android ist ja ein Betriebssystem, das original auf Englisch veröffentlicht wird. Wie ist es dann überhaupt möglich, dass einige Teile der Software nicht auf Englisch übersetzt werden, selbst wenn du das System dazu zwingst, Englisch zu sprechen?

Das Scharnier ist seltsam gummig. Und mit Schrauben. Wieso auch nicht?
Das Scharnier ist seltsam gummig. Und mit Schrauben. Wieso auch nicht?

Die Software des Herstellers des Falt-Phones kommt zudem nicht mit dem eigenen Produkt klar. Es checkt manchmal nicht, welche Seite des Screens gerade oben ist. Oder, ob du das Flexpai hoch oder quer hältst. Oder, ob es auf einer Seite des Bildschirms liegt und du auf der hochstehenden Seite ein Youtube-Video schauen willst. Sprich: Du kriegst einfach irgendwas und darfst dann darauf herumdrücken. Mit etwas Glück nimmt das Phone deinen Input sogar an, vor allem im Bereich des Falz.

Aber: Ein Hingucker

So sehr ich den Ziegel verabscheue und am liebsten gar nie mehr anfassen will, eines muss ich ihm lassen: Er interessiert. Im Büro kann ich das Flexpai kaum auf dem Tisch liegen lassen oder herumtragen, ohne dass jemand das Flexpai anfassen und es mal auf- und zuklappen will. Oft sage ich den Satz: «Es biegt sich nur in eine Richtung und nur, bis es flach ist.» Es ist spannend zu sehen, wie sich Menschen, die Smart Tech gewohnt sind, mit neuer Technologie auseinandersetzen. Ich beobachte einen Spieltrieb, Neugierde und eine fast schon kindliche Freude ob den Entdeckungen.

«Das Phone biegt sich nur in eine Richtung und nur bis es flach ist.»
«Das Phone biegt sich nur in eine Richtung und nur bis es flach ist.»

Denn wenn ich dem Royole Flexpai eines lassen muss, dann das. Es bringt den Entdecker und nicht nur den Nutzer in uns allen hervor. Davon sähe ich generell gerne mehr.

Generell aber spreche ich mich nicht gegen das Konzept des faltbaren Smartphones aus. Ich spreche mich aber ganz bestimmt gegen das Royole Flexpai aus. Ob das Samsung Galaxy Fold oder das Huawei Mate X die Sache besser machen, wird sich zeigen. Es ist aber wahrscheinlich, denn das Flexpai setzt die Messlatte extrem tief. Denn sowohl Hardware wie auch Software sind Schrott. Da sich aber sogar Google selbst für das Modell des faltbaren Phones ausspricht und daher Support der Technologie in Stock Android verbaut hat – etwas, das mit dem Notch nie passiert ist –, dürften die Faltbaren die Zukunft sein.

So. Fertig. Ich pack das Teil mal in den Schrank, reg mich ab und warte auf das Fold oder das Mate X. Dann kann ich direkt vergleichen.

29 Personen gefällt dieser Artikel


Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren