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Hintergrund

Mythos oder Wahrheit: Macht Fingerknacken die Gelenke kaputt?

Anna Sandner
28.1.2026

Fingerknacken ist ungesund. Diese Warnung hast du sicher auch schon mal gehört. Aber was passiert eigentlich wirklich, wenn du deine Finger knackst und musst du mit ernsthaften Konsequenzen rechnen?

Du sitzt im Meeting, in der Vorlesung oder beim gemeinsamen Filmabend und plötzlich fängt die Person neben dir an, mit ihren Fingern zu knacken. Das Geräusch ist irgendwie magisch, nervt aber auch. Wenn du selbst dem Fingerknacken verfallen bist, kennst du vermutlich die vorwurfsvollen Blicke deiner Mitmenschen. Oder hörst deine Mutter noch sagen: «Hör auf damit! Das ist ungesund.» Die gute Nachricht: Nein, ist es nicht. Die nervige Nachricht für deine Umwelt: Du kannst damit weitermachen, es schadet nicht.

Wie entsteht das Knackgeräusch?

Zugegeben: Das Fingerknacken klingt eher beunruhigend als gesund. Dabei kommt aber kein Knochen zu Schaden, das Geräusch wird stattdessen von kleinen Luftbläschen erzeugt. Und zwar so: Zwischen deinen Fingergelenken befindet sich eine Flüssigkeit – die sogenannte Synovialflüssigkeit. Die ist praktisch wie Schmieröl für deine Gelenke. In der Flüssigkeit sind Gase wie Stickstoff und Kohlendioxid gelöst.

Wenn du nun an deinem Finger ziehst oder ihn überdehnst, wird der Spalt zwischen den Gelenken größer. Dadurch sinkt der Druck auf die Synovialflüssigkeit und zwar ganz plötzlich. Fällt der Druck, kann die Flüssigkeit die Gase nicht mehr halten. Sie perlen aus – wie beim Öffnen einer Sektflasche.

Vor dem Knacken (links) und direkt danach (rechts): Im MRT ist nach dem Knack-Moment ein dunkler Hohlraum (Pfeil) im Gelenk erkennbar – das ist die Gasblase, die beim Knacken entsteht.
Vor dem Knacken (links) und direkt danach (rechts): Im MRT ist nach dem Knack-Moment ein dunkler Hohlraum (Pfeil) im Gelenk erkennbar – das ist die Gasblase, die beim Knacken entsteht.
Quelle: Kawchuk GN et al. (2015), PLOS ONE

Das Knackgeräusch entsteht also nicht, weil du dein Gelenk ausrenkst oder die Knochen brichst. Es ist das Geräusch der winzigen Gasbläschen, die sich gerade bilden. Das haben kanadische Forschende 2015 mit hochauflösenden MRT-Videos bewiesen – live beim Knacken gefilmt.

Nach dem Knacken bleibt der kleine Hohlraum zwischen den Gelenken sichtbar. Erst nach 15 bis 20 Minuten lösen sich die Gase wieder in der Flüssigkeit und deine Finger sind bereit für die nächste Runde. Deshalb kannst du denselben Finger nicht sofort wieder knacken.

Geht beim Knacken was kaputt?

Ich habe schon gespoilert, jetzt aber nochmal genauer: All die wohlgemeinten Warnungen waren unnötig. Deinen Gelenken schadet das Knacken nicht.

Einer, der es ganz genau wissen wollte, ist der amerikanische Allergologe Donald Unger. In einem wilden Selbstversuch hat er über 60 Jahre lang mehrmals täglich seine Finger geknackt – aber nur die an einer Hand. Die andere Hand ließ er komplett in Ruhe. Nach sechs Jahrzehnten zeigen Röntgenaufnahmen von beiden Händen keine Unterschiede. Keine Arthritis, keine Arthrose. Nichts.

Es gibt aber nicht nur diese eine Anekdote, sondern auch wissenschaftliche Untersuchungen dazu. Eine Studie mit über 200 älteren Menschen verglich Fingerknackende mit Nicht-Knackenden. Auch hier haben sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen gezeigt.

Medizinisch spricht nichts gegen das Fingerknacken.
Medizinisch spricht nichts gegen das Fingerknacken.
Quelle: Shutterstock

Eine neuere Studie von 2017 untersuchte außerdem, ob man unmittelbare Unterschiede nach dem Knacken sehen kann – Schwellungen, Kraftverlust, irgendwelche akuten Schäden. Auch hier: nichts. Im Gegenteil: Menschen, die knacken konnten, hatten sogar minimal bessere Beweglichkeit in den Fingern.

Wann solltest du es sein lassen?

Bevor du jetzt wie wild drauf los knackst und deine Umwelt in den Wahnsinn treibst, noch ein paar kleine Einschränkungen: Knacken sollte sich nie schmerzhaft anfühlen. Schmerz ist immer ein Warnsignal des Körpers. Das bedeutet, dass möglicherweise etwas mit deinem Gelenk nicht stimmt – eine Zerrung, eine Entzündung, oder eine andere Verletzung. Schwellungen sind auch kein gutes Zeichen. Das könnte ebenfalls auf eine Entzündung hindeuten. Wenn das Fingerknacken zwanghaft wird, könnte es ein Zeichen von Stress oder Angst sein. In diesen Fällen lohnt es sich, ärztlichen Rat einzuholen.

Das psychologische Element

Übrigens: Viele Menschen berichten, dass sich Fingerknacken entspannend anfühlt. Das ist nicht bloß Einbildung. Wenn du dein Gelenk dehnst, stimulierst du Nervenenden. Die senden Signale an dein Gehirn. Das Knacken selbst ist ein kleines sensorisches Event – dein Gehirn mag das. Und wenn du regelmäßig knackst, assoziiert dein Gehirn das mit Entspannung.

Medizinisch gesehen weist also alles darauf hin, dass dem Fingerknacken nichts im Weg steht. Was die Nerven deiner Mitbewohner und Familie betrifft, musst du eventuell andere Lösungen finden.

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Wissenschaftsredakteurin und Biologin. Ich liebe Tiere und bin fasziniert von Pflanzen, ihren Fähigkeiten und allem, was man daraus und damit machen kann. Deswegen ist mein liebster Ort immer draußen – irgendwo in der Natur, gerne in meinem wilden Garten.


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