Mountain Hardwear Phantom: Mit der Mumie auf Reisen
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Mountain Hardwear Phantom: Mit der Mumie auf Reisen

Michael Restin
Zürich, am 23.02.2021
Vier Länder. Vier Monate. Ein leichter Daunenschlafsack. Hat der Mountain Hardwear Phantom gehalten, was sich Lous und Julen auf ihrem Bike-Trip in den Osten von ihm versprochen haben?

Nächte am Meer. Nächte in Höhlen. Nächte im Stroh, in den Bergen, bei tropischer Hitze und klirrender Kälte. Auf ihrer monatelangen Reise in den Osten haben Lous und Julen Extreme erlebt. Von knapp 60 Grad in der prallen Sonne bis zu Temperaturen weit unter Null war alles dabei. Ihre Ausrüstung musste in je vier Satteltaschen Platz finden. Wer mit Muskelkraft unterwegs ist, liebt es leicht und kompakt. Jedes Gramm gespartes Gewicht, jeder nicht belegte Kubikzentimeter ist wertvoll. Trotzdem muss der Schlafsack auf einer Tour wie dieser auch bei Frost genug Wärme spenden.

Bikepacking ins Ungewisse: *«Bis auf die Grenzen ist alles offen»**
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Lous und Julen waren mit dem Phantom 15F/-9C von Mountain Hardwear unterwegs. Die Marke ist ein Tochterunternehmen von Columbia Sportswear und hat, wie der Name verrät, vor allem Alpinisten im Blick. Was diesen Schlafsack für Touren aller Art interessant macht: Er hat eine Daunenfüllung, ist je nach Länge plus/minus ein Kilogramm leicht und lässt sich im Kompressionssack extrem klein verpacken. Als Nachtlager war er eine Konstante auf der abwechslungsreichen Reise des Biker-Paars und hat ihre Ansprüche erfüllt. «Super!», urteilt Lous. «Er ist wirklich gut und es ist schön, dass er so kompakt ist.» Auch Julen ist zufrieden: «Ich habe auch keine Beschwerden, was den Schlafsack angeht. Der ist wirklich gut.» Damit ist alles gesagt, aber noch nichts erklärt. Blicken wir auf die Details des Modells, das für verschiedene Temperaturbereiche erhältlich ist.

Phantom 0F/-18C
522.–
Mountain Hardwear Phantom 0F/-18C
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Die Füllung: Was steckt drin?

Der Phantom ist mit Daunen gefüllt, die bessere Isolationseigenschaften im Verhältnis zu Volumen und Gewicht haben als Kunstfasern. Das Mischungsverhältnis von Daunen und Federn beträgt 90/10. Ein wichtiger Wert in Bezug auf die Isolationsleistung ist die «fill power» oder Bauschkraft. Er beschreibt, wie stark sich das Füllmaterial nach der Komprimierung ausdehnt. Angegeben wird er in «cuin», was für cubic inches oder Kubikzoll steht. Je höher der gemessene Wert, desto besser ist die Wärmedämmung im Verhältnis zum Packvolumen. Schlafsäcke oder Daunenjacken bekommst du in allen möglichen Qualitäten und dies ist einer der Unterschiede, der nicht sofort ersichtlich ist.

Der Phantom liegt mit einem Wert von 850 im Spitzenbereich und bleibt dadurch leicht und kompakt. Ein Schlafsack mit einer Bauschkraft von 500 müsste, um die gleichen Dämmeigenschaften zu erreichen, entsprechend mehr Füllung enthalten. Er wäre schwerer und voluminöser. Das wertvolle Naturmaterial im Phantom solltest du gut behandeln und immer vollständig trocknen einpacken. Das Obermaterial aus recyceltem Nylon ist wasserabweisend. «Morgens hatten wir oft Kondenswasser im Zelt», sagt Julen. «Das war kein Problem für die Beschichtung, aber wir mussten die Schlafsäcke immer gut trocknen lassen.» In diesem Punkt sind Kunstfasern überlegen, sie trocknen schneller.

Julen nach einer Nacht in Çadıryeri, die Schlafsäcke vorbildlich auf der Wäscheleine.
Julen nach einer Nacht in Çadıryeri, die Schlafsäcke vorbildlich auf der Wäscheleine.

Ein zweiter Gedanke, den du beim Stichwort Daunen im Kopf haben solltest: Woher stammt das Füllmaterial? Die Daunen im Phantom sind nach dem Responsible Down Standard (RDS) zertifiziert. Den gibt es seit 2014, er wurde von The North Face ins Leben gerufen und wird von der Non-Profit-Organisation Textil Exchange vergeben. Er ist der am weitesten verbreitete Standard in diesem Bereich. Im Kern besagt er, dass die Tiere angemessen gehalten, vor der Schlachtung betäubt und nicht lebend gerupft wurden. Die gesamte Lieferkette wird überprüft und zertifizierte Produkte dürfen ausschliesslich entsprechend gewonnene Daunen enthalten.

Formfaktor: Mumie

Um effizient zu wärmen, ist der Phantom mumienförmig und relativ eng geschnitten. Je enger er sich anschmiegt, desto weniger Wärme geht verloren und desto weniger Material wird benötigt. Für Touren wie die von Lous und Julen ist dieser Formfaktor die einzig logische Wahl. Die Füsse finden in einer Fussbox Platz. Der Schlafsack wird nach oben breiter und hat einen Wärmekragen. Also eine «Extrawurst» am Hals, die verhindert, dass Wärme entweicht. Dazu kommt eine aus vier Kammern bestehende Kapuze, in die du dich einschnüren kannst und die die Daunen gleichmässig verteilt halten soll. Während Lous und Julen anfangs vor allem bei Hitze unterwegs waren, ging es später hoch bis auf über 5000 Meter über Meer und im Herbst waren frostige Nächte in den Bergen dabei. «Nur auf dem Ararat habe ich nachts etwas gefroren», sagt Lous. «Aber dort hatte es sicher -10 Grad und wir waren sehr hoch oben, das war etwas extrem.» Ausserdem sei sie zu dünn gekleidet gewesen.

*Nach oben** ist der Himmel die Grenze
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Zu Lous Empfinden passt, dass die Komforttemperatur für Damen mit -5 Grad, für Herren mit -12 Grad angegeben wird. Diese Werte sind immer mit ein wenig Vorsicht zu geniessen, da wir eben nicht alle der Norm EN 13537 entsprechen. Am ehesten tust du das, wenn du ein 70 Kilogramm schwerer und 1,73 Meter grosser Mann von 25 Jahren oder eine ebenso alte Frau vom 60 Kilogramm und 1,60 Meter bist. Liegst du mit diesen Gardemassen in Unterwäsche und Mütze im Schlafsack auf einer Isomatte, solltest du bis zur angegebenen Temperatur komfortabel schlafen können. Mit der Rechnung (-5 + (-12)) x 1,73/1,60 kommst du dann auf die namensgebenden 15F/-9C dieses Modells. Oder so ähnlich. Im Ernst: Ganz genau darfst du diese Zahlen alle nicht nehmen, plane lieber ein paar Grad Kältepuffer mit ein. Für Lous und Julen hat der Komfort auch bei eisigen Temperaturen gepasst. Die Grenztemperatur des Phantom 15F/-9C liegt übrigens bei -31 Grad, in diesem Extrembereich geht es allerdings nur noch ums Überleben. Probier's lieber nicht aus.

Fast so wichtig wie die Wärmeleistung: Im Kompressionssack verschwindet der Phantom in der Satteltasche.
Fast so wichtig wie die Wärmeleistung: Im Kompressionssack verschwindet der Phantom in der Satteltasche.

Um das Leben im leichten Schlafsack noch leichter zu machen, hat Mountain Hardwear einen speziellen YKK-Zipper eingebaut, der nicht im dünnen Nylon der Aussenhülle hängenbleiben soll. Das kennt und hasst jede*r: Nichts ist nerviger als ein verklemmter Reissverschluss. Über den Zwei-Wege-Zipper solltest du dieses Modell ohne Fluchen bedienen und die Belüftung regulieren können. «Leider hat das nicht immer gut funktioniert, manchmal hatte ich Probleme damit», sagt Julen. Das Material habe jedoch keinen Schaden genommen. Ein Reflektor am Zipper sorgt dafür, dass du ihn in auch in der Dunkelheit findest. Ein weiteres Detail: Die Daunenkammern am Oberkörper verlaufen vertikal, damit die Füllung beim Ein- und Aussteigen nicht zur Seite verrutscht. Es ist also an ziemlich viel gedacht, was den Phantom zu einer hervorragenden Reise-Mumie macht.

Fazit

Der Mountain Hardwear Phantom ist nicht für den gelegentlichen Trip auf den Campingplatz gemacht, sondern mit seiner Daunenfüllung, dem geringen Gewicht und kleinen Packmass für sportliche Outdoor-Einsätze konzipiert. Entsprechend lässt er alles an Material weg, was nicht unbedingt sein muss und ist schmal geschnitten. Was übrig bleibt, ist sehr hochwertig und funktionell, aber nicht günstig. Die Ansprüche von Lous und Julen hat der Schlafsack in vielen Zeltnächten erfüllt. Er ist in verschiedenen Längen und für unterschiedliche Temperaturbereiche erhältlich. Hier gibt's die Daunenmodelle von Mountain Hardwear in der Übersicht.

Dieser Anblick lässt niemanden kalt. Und wenn die Sonne weg ist, wärmt der Schlafsack.
Dieser Anblick lässt niemanden kalt. Und wenn die Sonne weg ist, wärmt der Schlafsack.

Nicht das gesamte Equipment hat die Reise so unbeschadet überstanden wie die Schlafsäcke. Und für Lous und Julen endete sie mit einem kleinen Schock. Wie es nach der Überraschungsparty in Bulgarien weiterging, erzähle ich dir im nächsten Beitrag.

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Michael Restin
Michael Restin
Editor, Zürich
Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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