Hintergrund

Mein Besuch im Alpamare war kein Alptraum, aber…

Martin Rupf
23.11.2022

Ein Vierteljahrhundert war ich nicht mehr im Alpamare in Pfäffikon – bis letzten Sonntag. Weshalb es wieder so lange dauern könnte bis zum nächsten Besuch? Ein Erlebnisbericht.

Es muss so Mitte, Ende der 90er-Jahre gewesen sein, als ich als knapp 20-Jähriger das Alpamare das letzte Mal besucht habe. Danach stand mir als junger Erwachsener der Sinn nicht mehr nach Wasserrutschen oder Solebad. Und später als Jung-Vater waren meine Kinder schlicht zu klein, um die Attraktionen des Wasserparks in Pfäffikon (SZ) zu geniessen. Doch vergangenen Sonntag, ein knappes Vierteljahrhundert nach meinem letzten Alpamare-Besuch, war es wieder so weit.

Zusammen mit meinen zwei Kindern (8 und 10) und meinem guten Freund Dani sowie dessen Töchtern (6 und 9) begebe ich mich pünktlich um 10 Uhr zum Eingang des Alpamare. Wir wollen zu den Ersten gehören, die pünktlich zur Türöffnung Einlass in das Erlebnisbad erhalten. Der Plan geht tatsächlich auf: Nachdem wir uns in Windeseile in der Garderobe, die immer noch aussieht wie beim letzten Besuch, umgezogen haben, betreten wir die grosse Halle, in der sich das Wellenbad befindet. Weil das Wasser aber gerade ruht, tauchen wir in die 32 Grad warme Alpa Therme. Wobei «warm» relativ ist. Dani und ich schauen uns an und denken das Gleiche. Zwei, drei Grad mehr wären nicht verkehrt; uns fröstelt es bereits leicht.

Die langen Rot-Phasen nerven echt

Aber wir sind nicht wegen des Thermalbades hier, sondern wegen der Rutschen. Zwölf davon gibt es insgesamt mit einer Gesamtlänge von über zwei Kilometern. Doch so viel sei jetzt schon verraten: Wir werden in den nächsten vier Stunden nicht einmal die Hälfte von diesen ausprobieren können.

Als Erstes wagen wir uns auf die «Mini Canyon». Diese Rutschbahn gehört der blauen, also leichtesten Kategorie an. Genau richtig als Einstieg.

Obwohl es noch sehr wenig Besucher hat, dauert das Anstehen zu sechst relativ lange. Der Grund: Die Ampeln am Start verharren immer unglaublich lange auf Rot. Ich nerve mich bereits leise. Natürlich geht Sicherheit über alles und gerade bei schnellen Rutschbahnen macht eine lange Rot-Phase Sinn. Trotzdem bringen die Ampeln Dani und mich in die Bredouille. Sollen wir Vorbilder sein und brav abwarten, bis es Grün wird oder das Intervall auf ein für uns zulässiges Mass verkürzen? Wir lösen das Problem, indem wir die Kinder vor uns runterrutschen lassen.

Achtung: Die Rutschbahn-Kategorien sind nicht die gleichen wie die Skipisten-Kategorien

Unten angekommen, strahlen die Kinderaugen (noch). Die Aufregung bei den Kindern ist unvermindert gross (und gut hörbar). Alle vier schwatzen wild durcheinander, als es darum geht, sich für die nächste Bahn zu entscheiden. Dabei unterläuft uns beinahe ein folgenschwerer Fehler. In der Annahme, die Rutschbahn-Kategorien gleichen denen der Ski-Pisten, hätten wir als Nächstes fast eine rote Bahn gewählt. Doch Achtung: Hier im Alpamare bedeutet Rot nicht «mittel schwer», sondern «schwer». Deshalb geht's als Nächstes doch erst auf die gelbe, mittelschwere Wildwasserbahn «Alpabob». Die – wie es der Name verrät – auf einem Gummi-Bob bewältigt wird. Auch von dieser Bahn sind die Kinder angetan.

Dani und ich liebäugeln stattdessen bereits mit Bahnen, die etwas mehr Adrenalin versprechen. Doch weil wir auch aus taktischen Gründen nichts überstürzen wollen, geht’s zuerst nochmals mit der «IceXpress» auf eine Bahn der Kategorie Blau.

Folgenschwer Sturz in der pechschwarzen Rutschbahn

So, spätestens jetzt sind wir aber ready für das nächste Level. Doch das Unheil nimmt seinen Anfang. Erst gibt es Tränen, weil sich die Kinder nicht auf eine Bahn einigen können, sich aber auch nicht aufteilen wollen. Schliesslich entscheiden Dani und ich uns Kraft unserer elterlichen Autorität für die «Thriller»-Bahn (Kategorie Gelb). Ausgestattet mit drei Doppel-Bobs begeben wir uns zum Start. Doch leider durchkreuzen unsere beiden älteren Kinder unseren Plan, wonach sie zusammen einen Bob hätten benutzen sollen. Alle Kinder wollen partout mit einem Erwachsenen runterrutschen. Der Stresspegel steigt: Während Dani und ich die Kinder zu überreden versuchen, bildet sich hinter uns bereits eine lange Warteschlange. In der Not entscheiden wir uns schliesslich, je zu dritt auf einen Bob zu gehen, indem wir Erwachsenen ein Kind auf den Schoss nehmen.

Das Rutschen mit einem Zweier-Bob könnte so lustig sein, wenn nicht …
Das Rutschen mit einem Zweier-Bob könnte so lustig sein, wenn nicht …

Dummerweise verläuft ein Grossteil der Strecke im Dunkeln. Weil ich dadurch die erste Kurve nicht antizipieren kann, kippen wir bereits dort vom Bob und schlagen mit Kopf, Schulter und Ellbogen gegen die Röhre. Nicht schlimm zwar, aber der Schock sitzt. Hinzu kommt noch, dass wir die nächsten 15 Sekunden – es fühlt sich wie Minuten an – in völliger Dunkelheit rutschen. Vorne höre ich die Tochter weinen, wo genau sich der Sohnemann befindet, weiss ich nicht. Machen kann ich nicht viel. Unten angekommen, gilt es erst einmal, die Kinder zu beruhigen. Denn die dunkle Rutschbahn hat auch der jüngeren Tochter von Dani, obwohl nicht vom Bob gefallen, einen ordentlichen Schrecken eingejagt.

Plötzlich ist eines der Kinder nicht mehr da. Aber wo ist es!?

Wir legen erst mal eine Pause ein und suchen zu diesem Zweck einen etwas ruhigeren Ort. Einfacher gesagt als getan, da eigentlich überall im Innenbereich konstanter, ohrenbetäubender Lärm von Kindern und Jugendlichen herrscht. Wir flüchten in die kleine Cafeteria oberhalb des Wellenbads. Die Kinder wollen Chips und Süssigkeiten. Dass das kleinste Pack Chips mit stolzen drei Franken zu Buche schlägt, bringt uns nicht mehr gross aus der Fassung, nachdem wir schon 230 Franken Eintritt für vier Stunden Badeplausch ausgegeben haben (eine Tageskarte für alle hätte uns 280 Franken gekostet).

Immer zur vollen und halben Stunde setzen im Bad die Wellen ein. Kaum haben die Kinder die Snacks verdrückt, springen sie ins Wasser. Dani und ich stehen im knöcheltiefen Bereich und beobachten das Treiben. Plötzlich sehen wir seine jüngste Tochter nicht mehr. Zuerst Nervosität, gefolgt von Unruhe und dann leiser Panik. Schnell wird klar, dass sie nicht mehr im oder noch schlimmer unter Wasser ist. Aber wo sonst? Nach langen zwei Minuten entdecken wir sie friedlich planschend im warmen Thermalbad. In einem kurzen Moment der Unachtsamkeit muss sich die Kleine davon geschlichen haben.

Das Wellenbad lockt immer zur vollen und halben Stunde mit grossen Wellen.
Das Wellenbad lockt immer zur vollen und halben Stunde mit grossen Wellen.

Parkdirektor: «Eine Anpassung der Eintrittspreise ist nicht ausgeschlossen»

Uns bleibt noch eine knappe Stunde, ehe wir das Bad verlassen müssen (ansonsten zahlen wir drauf). Die Kinder, immer noch gezeichnet vom Unfall-Schock, wollen nur noch die zwei Rutschbahnen der Kategorie Blau und die offenen Wildwasserbahnen rutschen. Das heisst, wir haben an diesem Tag von zwölf möglichen Rutschen gerade mal fünf ausprobiert, aber was solls. Übrigens sind unter der Woche seit Mitte Oktober immer jeweils zwei Rutschen abwechselnd für eine Stunde ausser Betrieb, um Strom und Energie zu sparen. Laut Parkdirektor Julian Lämmler seien auch weitere Massnahmen denkbar. «Bis jetzt haben wir etwa die Eintrittspreise nicht erhöht, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass wir eine Anpassung vornehmen müssen.» Eine weitere Möglichkeit, Energie zu sparen, wäre es, die Wassertemperaturen zu senken. Ist das eine Option? «Auch hier ist alles noch offen», sagt Lämmler. «Uns ist es wichtig, dass wir das Erlebnis für unsere Gäste nicht schmälern.» Nach den ersten Testwochen des neuen Rutschbahn-Fahrplans an Wochentagen sei man sehr zufrieden und fokussiere sich viel eher auf weitere Investitionen bezüglich der Wasseraufbereitung.

Bei meinem Besuch ertappe ich mich ausserdem beim Gedanken, ob allenfalls die Heizungen in den Innenräumen heruntergedreht wurden. Denn mit nassem Körper ist die Temperatur vor allem im Bereich der Rutschen-Enden eher zu tief – uns fröstelt’s. Dazu hält Parkdirektor Lämmler aber fest: «Nein, das ist nicht der Fall. Die Temperatur schwankt auch in den Innenräumen an einzelnen Tagen etwas, aber das hat keinen Zusammenhang mit Sparmassnahmen.»

Die längste geschlossene Racing-Rutschbahn Europas

Weil die Kinder inzwischen selbstständig und ohne Angst den «IceXpress» bewältigen können, stürzen Dani und ich uns wenigstens zweimal die «Cobra» (Kategorie Rot!) runter. Zum Schluss gebe ich mir mit der «Jungle Run» noch die schnellste Bahn im Alpamare. Nur etwas mehr als 30 Sekunden benötige ich für die 220 Meter lange Strecke. Die «Jungle Run» ist die längste geschlossene Racing-Rutschbahn Europas. Die beiden Rutschen haben in Sachen Action gehalten, was sie versprechen. In meinem Fall ist es manchmal sogar etwas zu viel Action. Der Grund: Immer vor grossen Kurven muss ich die Augen schliessen, damit es mir vom spritzenden Wasser nicht die Kontaktlinsen aus den Augen spült. Quasi im Blindflug muss ich so die Kurven meistern.

Apropos Zeit: Höchste Zeit, duschen zu gehen, wollen wir das 4-Stunden-Limit nicht überschreiten. Weil sich das Duschen und vor allem das Föhnen der langen Haare der Mädchen in die Länge zieht, verlassen wir das Erlebnisbad prompt eine Viertelstunde zu spät. Zu unserer grossen Freude müssen wir aber nicht draufzahlen. Die Mitarbeiterin erlässt uns aus Kulanz die Überzeit.

Die Kinder und vor allem Dani und ich sind erledigt und gezeichnet von den letzten vier Stunden. Es hätte bestimmt entspanntere und vor allem billigere Möglichkeiten gegeben, einen Sonntag zu verbringen. Und doch hat sich der Besuch, allen Kindertränen zum Trotz, gelohnt, wie sich beim abschliessenden Zvieri im Autobahn-Mac zeigt. Die Kinder schwelgen bereits in Erinnerungen und werden diesen Tag – positiv wie auch weniger positiv – noch lange in Erinnerung behalten. Ob und wann ich das Alpamare wieder besuchen werde, weiss ich nicht. Gut möglich, dass es wieder 25 Jahre dauern könnte. Doch mit dannzumal 70 Lenzen werde ich mich wohl nicht mehr auf die «Cobra» getrauen. Zum Glück gibt es ja noch den «IceXpress».

Titelbild/Bilder: Alpamare

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Zweifachpapi, nein drittes Kind in der Familie, Pilzsammler und Fischer, Hardcore-Public-Viewer und Halb-Däne. Was mich interessiert: Das Leben - und zwar das reale, nicht das "Heile-Welt"-Hochglanz-Leben.


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