

Kodak Charmera: Der charmante Nichtskönner
Die Leute kaufen die Kodak Charmera, als ob es kein Morgen gäbe. Doch warum? Nach dem Test weiss ich nur: An der Leistung der Mini-Kamera kann es nicht liegen.
Fast allen, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine funktionierende Mini-Kamera sehen, huscht ein Lächeln übers Gesicht. Ist das nicht niedlich? Ein witziges Gadget, ein charmantes Geschenk – die Dinger von der Grösse einer Praline verkaufen sich wie blöd.
Aber irgendwann möchte man vielleicht auch etwas mit dem Ding machen. Ein Foto zum Beispiel. Und dann ist es vorbei mit dem Lächeln. Es ist eben nicht immer der erste Eindruck, der zählt.
Das gilt auch für die Kodak Charmera. Das Ding ist winzig, wiegt nichts und lässt sich als Schlüsselanhänger verwenden. Mein graues Exemplar erinnert mich an einen Radiergummi, auch von den Abmessungen her (58×25×20 mm). Du kaufst eine «Blind Box», das heisst, du weisst beim Bestellen nicht, welches der sieben Designs du erwischst. Das hat etwas von einem Glücksspiel, und die machen bekanntlich süchtig. Die Charmera steht derzeit auf Verkaufsrang Nummer eins in der Kategorie Kamera.
Unterirdische Bildqualität
Schade nur, dass du bei diesem Glücksspiel immer nur den Trostpreis gewinnst. Es fällt mir schwer, die Bildqualität zu beschreiben, ohne Fäkalausdrücke zu verwenden. Sie ist einfach das Letzte. Sogar verglichen mit meinem alten Nokia-Telefon von 2011 fällt sie noch ab. Die nominelle Auflösung beträgt 1440×1080 Pixel, die tatsächliche Auflösung liegt weit darunter.


Die Kamera hat offensichtlich einen Fixfokus und ist nicht in der Lage, auf Objekte in der Nähe scharfzustellen. Das fällt meist kaum auf, weil eh alles unscharf ist. Hier sieht man es deutlich.

Helle Flächen sind praktisch immer überbelichtet; es braucht dafür weder hartes Licht noch Spiegelungen. Dieses Foto wurde an einem Nordfenster aufgenommen: weiches Licht, perfekte Bedingungen. Aber nur schon der Umstand, dass der Apfel auf einer dunklen Fläche liegt, überfordert den Sensor bereits.

Bei den Videos stört die geringe Bildqualität weniger. Die kann man noch eher akzeptieren.
Nutzloser Sucher und andere Schwächen
Was genau ich ablichte, sehe ich auf dem Mikro-Bildschirm kaum. Der ist nicht mal einen Zoll gross, die Auflösung ist unbekannt, aber bestimmt niedrig. Die Kodak Charmera hat einen optischen Sucher, oder besser gesagt ein Guckloch. Das könnte eine Alternative für die Bildkomposition sein. Leider zeigt das Guckloch nicht annähernd den korrekten Bildausschnitt an. Sehe ich im Sucher nur den Kopf einer Person, ist auf dem Foto anschliessend fast der ganze Körper drauf.
Das Fach für die microSD-Karte ist etwas zu tief im Gehäuse. Das macht es sehr schwer, die Karte ein- und auszustecken. Man muss sie mit dem Daumennagel oder einem kleinen Gegenstand ins Gehäuse reindrücken.
Negativ fallen ferner die kurze Akkulaufzeit und der nicht austauschbare Akku auf. Aber das wäre nur relevant, wenn jemand diese Kamera lange benutzt, was sicher nicht der Fall sein wird.
Exif-Daten schreibt das Gerät keine, die Herstellerangaben sind minimal. Das «Objektiv» hat angeblich einen Kleinbild-äquivalenten Bildausschnitt von 35 Millimetern und eine Blende von f/2,4. Die Brennweitenangabe stimmt sogar; die Blende kann ich nicht überprüfen und ist irgendwie auch egal.
Nicht besser als andere Mini-Kameras
Der Rollei Mini-Kamera habe ich 2025 drei Sterne vergeben. Das war sehr grosszügig und lag am oben beschriebenen Charme-Effekt von Mini-Kameras. Dieser nutzt sich jedoch schnell ab. Heute ist das Konzept nicht mehr neu; es gibt selbst in unserem Shop zahlreiche weitere solche Gadgets.
Diese Mini-Kameras sind alle mehr oder weniger gleich. Der Bildschirm hat immer die gleichen Abmessungen. Der Sensor ist immer 1/4 Zoll gross. Und bei allen lässt sich die microSD-Karte nur sehr schwer wieder herausnehmen.

Im Vergleich mit der EasyPix MiniPro XS1 finde ich die Kodak Charmera sogar noch schlechter. Das EasyPix-Modell ist deutlich kleiner und die Bildqualität eher etwas besser. Trotz drei statt fünf Tasten ist es einfacher zu bedienen. Bei der Kodak Charmera muss ich nach dem Einschalten jedes Mal erst wählen, ob ich Fotos oder Videos machen will. Ebenso, wenn ich vom Wiedergabemodus in den Aufnahmemodus wechsle.


Warum gerade die Kodak Charmera so ein Verkaufsschlager wurde, erschliesst sich mir nicht. Mit dem Gerät selbst hat es nichts zu tun; vielleicht liegt es am Design-Glücksspiel oder an der grösseren Medienaufmerksamkeit.
Fazit
Nichts weiter als ein kurzlebiger Gag
Wie jede Mini-Kamera ist auch die Kodak Charmera auf den ersten Blick ein witziges Ding – aber nach fünf Minuten ist der Spass vorbei und das Gerät staubt nur noch vor sich hin. Abstriche in der Bildqualität nehme ich bei den geringen Abmessungen gern in Kauf. Aber nicht in diesem Ausmass. Die Kodak Charmera erreicht nicht einmal das Niveau eines alten Nokia-Handys.
In keinem Punkt ist die Kodak Charmera besser als andere Mini-Kameras. Die Bildqualität ist bei allen etwa gleich mies. Die Bedienung macht auch gar keinen Spass, trotz mehr Tasten; der Sucher erweist sich wegen seines völlig falschen Bildausschnitts als nutzlos. Das einzig Besondere gegenüber anderen Mini-Kameras ist, dass du beim Kauf nicht weisst, welche Designvariante du bekommst.
Pro
- niedlich
- Überraschungseffekt beim Design
Contra
- katastrophale Bildqualität
- Sucher zeigt falschen Ausschnitt
- umständliche Bedienung
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.
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