
Hintergrund
Mit dem E-Bike ins Büro, Teil 2: Bei der ersten Fahrt werde ich so richtig nass
von Martin Jungfer

Seit 2002 entwickelt eine kleine Bike-Manufaktur in der Zentralschweiz Mountainbikes. Dabei entstehen in Handarbeit ausschliesslich Unikate. Ein Besuch bei Transalpes in Baar.
Es gibt diese Tage. Tage, an denen du dich wieder wie ein kleines Kind fühlst, das mit glänzenden Augen und feuchten Händen sein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk aus der bunten Verpackung pult. Heute ist so einer. Dabei ist es ein ordinärer Mittwoch Mitte März im Kanton Zug.
Ich stehe in der Bike-Manufaktur von Transalpes in Baar und bestaune die sorgfältig inszenierten Bike-Komponenten von Shimano, Sram und Co. Und dabei schlägt mein Herz fast ein wenig höher. Ich bin mit Geschäftsführer Michel Juhasz zum Interview verabredet, der mich mit einem Lächeln und einem frisch gebrühten Cappuccino aus der Siebträgermaschine – auf die Details kommt es an – begrüsst.

Im Jahr 2002 entwickelte Firmengründer Philipp Schranz mit dem «Mojo» ein revolutionäres Bikekonzept. Das Spezielle daran: Der Winkel des Sitzdoms konnte mit wenigen Umdrehungen verstellt werden. Dieser steilere Winkel ermöglichte zusätzlichen Druck auf das Vorderrad, was verbesserte Klettereigenschaften garantierte.
Heute, knapp 25 Jahre später, ist der unorthodoxe Sitzdom des «Mojos» Geschichte. Einerseits, weil diese Art Rahmen sehr teuer und zweitens die aussergewöhnliche Optik doch gewöhnungsbedürftig war. «Deshalb haben wir dieses Konzept im Jahr 2008 mit dem Mojo Longtravel verabschiedet. Seit 2010 produzieren wir klassische Mountainbike-Rahmen ohne das patentierte Mojo», wie Michel Juhasz weiter ausführt.
Die ursprüngliche Idee hinter Transalpes ist hingegen bis heute die gleiche geblieben: Kundinnen und Kunden wollen ein spezielles Velo, das sie zu 100 Prozent selbst konfigurieren. Ausserdem sind die Bikes aus Baar mit ihrer Rahmengeometrie und Kinematik auf die spezifischen Anforderungen der Schweizer Alpen ausgerichtet.

Bereits 2003 bot Transalpes die Möglichkeit, das Bike nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu konfigurieren. Damals noch mittels Excel-Tabelle, «heute mit unserem Online-Konfigurator», wie Michel mit einem Schmunzeln anfügt. Dabei werden die Bikerinnen und Biker in sieben Schritten durch das Angebot bis zum fertigen MTB oder E-MTB geführt.
In der Manufaktur in Baar kannst du dir dein Wunschbike aber auch quasi analog zusammenstellen. Von links nach rechts in sieben Schritten. Angefangen beim Fahrwerk, über den Antrieb und die Laufräder bis zur Sattelstütze und dem Sattel.

Eine weitere Eigenheit von Transalpes ist die Geometrie der Rahmen: steiler Sitzwinkel, flacher Lenkwinkel und kurze Kettenstrebe. So wie beispielsweise beim Modell C2, einem All-Mountain-Bike. Dieses sei, wie alle anderen Bikes der Marke, perfekt aufs Fahren in den Schweizer Alpen abgestimmt, wie mir Geschäftsführer Michel Juhasz erklärt. Das bedeutet viel Laufruhe in schnellen Passagen, agiles Handling in engen Kurven und hervorragende Klettereigenschaften.
Hergestellt werden die Rahmen seit 2017 von einer Partnerfirma in Taiwan. Es gäbe zwar in der Schweiz einen Rahmenbauer in Einsiedeln, der in Kleinserien produziert. Der Carbonrahmen «Made in Switzerland» alleine würde jedoch mehr kosten als ein komplettes Transalpes-Bike. Die günstigste Ausführung startet bei 4980 Franken, das E-MTB gibt es ab 6980 Franken. 80 Prozent der Wertschöpfung bei Transalpes finden gemäss Juhasz heute in der Schweiz statt. Das Ziel seien langfristig 100 Prozent. Auch der Rahmenbau soll ins Inland kommen. Bis es soweit ist und man hier hochwertige Carbonrahmen zu konkurrenzfähigen Preisen herstellen könne, würde es aber wohl noch einige Jahre dauern.
Ein wichtiger Kostenfaktor ist die Lackierung. Auch hier gibt es unzählige Möglichkeiten von der Standardausführung bis zur individuell gestalteten Farbgebung in Glanz oder Matt, mit oder ohne zusätzlich eingearbeitete Flakes. Die Varianten sind fast unendlich. «Wir haben zum Beispiel Kunden, die ihr Bike in derselben Farbe haben wollen wie ihr Auto», sagt Michel dazu. Lackiert werden die Rahmen in einem Spritzwerk in der Schweiz.
Die Lieferfristen liegen Off-Season zwischen rund zwei bis vier Wochen, während der Hauptsaison je nach Modell und Ausführung bei bis zu acht Wochen.


Wir stehen vor der Wand mit den Komponenten, Michel Juhasz erklärt die Möglichkeiten, die Transalpes anbietet. Dabei erwähnt er immer wieder die Bedeutung des Einsatzzweckes. All-Mountain-Bikes haben beispielsweise ein Fahrwerk mit anderem Federweg als Enduro- oder Trailbikes. Dann musst du dich entscheiden, ob du mechanisch oder elektronisch schalten willst und von welchem Hersteller die entsprechenden Komponenten kommen sollen. Die einen schwören dabei auf Produkte von Shimano, andere sind Sram-Anhänger.
Auch die Bremsen werden schnell zu einer Glaubensfrage und dann stehen wir vor den Laufrädern. «Die Bedeutung von hochwertigen Rädern für den richtigen Einsatzzweck kann gar nicht oft genug betont werden», sagt Michel dazu. «Das Rad ist bewegte Masse. Wenn du bei der Felge zehn Gramm Gewicht einsparst, entspricht das etwa 100 Gramm beim Rahmen oder anderen Teilen.» Kein Wunder, gibt es Laufräder, die teurer sind als ein komplettes Bike im mittleren Preissegment. Es gibt laut Juhasz nichts, was wichtiger ist beim Velo als die Wahl der richtigen Räder. Wobei aber hier nicht einfach möglichst wenig Gewicht im Fokus steht, sondern die Frage nach dem Einsatzzweck.
Transalpes bietet einerseits Standardräder an, andererseits können Kundinnen und Kunden im hauseigenen Radbauatelier Laufräder nach ihren spezifischen Wünschen aufbauen lassen.
Die Bikes aus Baar sind allesamt Unikate. Es gibt dasselbe Velo kein zweites Mal. Die Farbauswahl und die Auswahl der einzelnen Komponenten machen es einzigartig. Entsprechend stelle ich mir vor, dass du als Bikerin oder Biker möglichst lange mit deinem Traum-MTB fahren möchtest. Transalpes setzt denn auch alles daran, dass du möglichst lange Freude an deinem Bike hast.
Sollte dies einmal nicht mehr der Fall sein, kannst du es zurückgeben und der Hersteller verkauft es für dich auf Kommission. Eine weitere Möglichkeit ist die Spende. Transalpes arbeitet hierzu mit Velafrica zusammen. Seit 1993 sammelt diese Organisation ausgediente Velos, stellt sie in sozialen Einrichtungen instand und exportiert sie danach zu Partnerunternehmen in Afrika.
Zum Ende unseres Rundgangs durch die Transalpes Manufaktur lenkt Michel Juhasz meine Aufmerksamkeit nochmals aufs Thema Farben. Wir stehen vor einer Wand mit bunten Kassetten, Ketten, Radnaben, Griffen, Ventilen und Pedalen. Je nach Rahmenfarbe, Farbe der Logos und Schriftzüge oder auch einer möglichen Kashima-Beschichtung der Fox Federgabel in ihrem markanten Kupferlook, lässt sich mit den anderen Komponenten farblich spielen.
Mir wird fast schwindelig vor lauter Kombinationsmöglichkeiten und vor meinem geistigen Auge tauchen die Puristen auf, die alles andere als Schwarz in Zusammenhang mit Mountainbikes dahin wünschen, wo der Pfeffer wächst. Aber nur der Schwarze, nicht etwa der Grüne oder gar der Rote.

Vom Radiojournalisten zum Produkttester und Geschichtenerzähler. Vom Jogger zum Gravelbike-Novizen und Fitness-Enthusiasten mit Lang- und Kurzhantel. Bin gespannt, wohin die Reise noch führt.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
Alle anzeigen