Hintergrund

Mein E-Bike-Test endet mit einem Rüffel vom Velo-Mech für mich

Martin Jungfer
24.10.2022

Nach sechs Monaten gebe ich mein Test-E-Bike zurück und lasse mir zeigen, wie gut es nach 750 Kilometern noch in Schuss ist.

Es ist die letzte Fahrt mit «Tarzan», meinem E-Bike, das ich vom Hersteller Ego Movement für einen Langzeittest ausleihen durfte. Noch einmal fahre ich die rund 14 Kilometer vom Greifensee in Richtung Zürich-City über Velowege, durch den Wald am Rande des Zürichbergs und dann bergab Richtung Limmat und Sihl.

Mein Ziel ist das Service Center von Ego Movement in der Löwenstrasse. Mitten in der Stadt, in einem ehemaligen Brillenladen, werden hier an vier Arbeitsplätzen E-Bikes gewartet, geputzt und repariert. Meines ist nach einem halben Jahr in Gebrauch ziemlich schmutzig. Ich schäme mich ein bisschen, dass Tommaso Arzilla, Chef des After Sales in der Schweiz, so ein dreckiges Gefährt zum Durchchecken bekommt. Aber Veloreinigung gehört einfach nicht zu den Dingen, die ich besonders gern mache.

Trotzdem darf das Bike auf den Veloständer. Zusammen mit Tommaso und Ego-Movement-CEO Daniel Meyer schaue ich mir an, wie es um Bremsen, Kette und Kassette und um den Akku steht. Werkstatt-Check für «Tarzan».

Ich habe die Bremsbeläge geschlissen

Ich putze Velos nicht nur ungern, ich schraube auch nicht selbst an ihnen herum. Meine Kenntnisse zu Teilen und Funktionen eines Velos sind deshalb rein theoretischer Natur. Beim Fahren mit dem E-Bike habe ich zuletzt immerhin bemerkt, dass mit der hinteren Bremse etwas nicht stimmt. Sie packt nicht mehr richtig zu. Und tatsächlich bestätigt Tommaso, dass die Bremsbeläge gewechselt werden müssen. Ich frage, ob das nach 750 Kilometern nicht etwas früh sei. Bei E-Bikes seien aufgrund des höheren Gewichts und höherer Geschwindigkeit ja doch stabilere Bremsbeläge verbaut. Stimmt in der Theorie, sagt der Experte, aber wenn der Fahrer – also ich – eben falsch bremst, nutzen sich die Beläge eben schneller ab.

Vordere und hintere Bremsbeläge im Vergleich: Hier zeigt sich klar, welche ich stärker beansprucht habe.
Vordere und hintere Bremsbeläge im Vergleich: Hier zeigt sich klar, welche ich stärker beansprucht habe.

Der sanfte Rüffel ist angekommen. Bei Fahrten bergab habe ich in der Tat fast immer nur mit der hinteren Bremse gearbeitet, aus Angst, vorne über den Lenker zu stürzen, wenn ich das Vorderrad zu heftig abbremse. Korrekt wäre es, mit beiden Bremsen gleichzeitig zu arbeiten. Das hätte den frühen Verschleiss vermieden.

Elvedes Bremsbeläge E-Bike XT/Deore Semi-Metallisch/Stahl (Tektro, Shimano, Semi-Metallisch)
Bremsbeläge
18.40

Elvedes Bremsbeläge E-Bike XT/Deore Semi-Metallisch/Stahl

Tektro, Shimano, Semi-Metallisch

2
Elvedes Disc-Pad metallic-carbon E-Bike, XTR 2011 (Shimano, Semi-Metallisch)
Bremsbeläge
19.10

Elvedes Disc-Pad metallic-carbon E-Bike, XTR 2011

Shimano, Semi-Metallisch

Als Nächstes nimmt sich Tommaso Kette und Kassette vor. Die Kette ist auch nicht gerade blitzblank sauber, aber ich bekomme ein kleines Lob, dass sie nicht trocken ist, sondern gut geschmiert. Ich habe ja auch brav immer wieder mal den bei der Übergabe mitgegebenen Kettenspray aufgetragen. Die Spannung der Kette wird vermessen. Bei einem E-Bike ist sie ein besonders stark beanspruchtes Bauteil, weil nicht die Kraft meiner Muskeln auf sie einwirkt, sondern die des Elektromotors dazukommt. Trotzdem hält so eine Kette bis zu 3000 Kilometer Laufleistung durch. Jedenfalls bei einem E-Bike, das du zum Pendeln in die Arbeit nutzt und mit dem du nicht sportliche Höchstleistungen anstrebst. Bei Mountainbikes mit Elektroantrieb oder auch bei E-Bikes mit einer Unterstützungsleistung bis 45 km/h ist ein Kettenwechsel schon auch mal nach weniger als 1000 Kilometern fällig.

Ziemlich schmutzig: Kette und Kassette des E-Bikes vor der Reinigung.
Ziemlich schmutzig: Kette und Kassette des E-Bikes vor der Reinigung.

Die Kette meines «Tarzan» darf ein Bad nehmen. Das Wasser ist mit Bakterien versetzt und Tommaso reinigt die Stahlglieder mit Bürste und sanftem Wasserstrahl. Die Kassette wird dank Spezialspray vom Dreck befreit. An der Abnutzung der Ritzel erkennt der Fachmann, dass ich zumindest beim Schalten nichts falsch gemacht habe. Eine gleichmässige Abnutzung zeigt, dass ich alle Gänge benutzt habe. E-Bike-Fahrer tendieren ansonsten nämlich dazu, vorrangig in den beiden höchsten Gängen zu pedalieren, sogar beim Anfahren. Dann aber wirken hohe Kräfte auf Kette und Ritzel, die sich dann schneller abnutzen. Wer vernünftig fährt, kann mit der Kassette 3000 Kilometer zurücklegen.

Akku-Pflege leicht gemacht

Der letzte Check gilt Motor und Akku. In meinem E-Bike steckt ein Akku mit 672 Wattstunden Kapazität, der dem Motor bis zu 95 Newtonmeter Antriebskraft liefert. Als Reichweite sind offiziell 140 Kilometer angegeben. Das aber ist eher ein theoretischer Wert, abhängig von der gewählten Unterstützung, Aussentemperatur und Steigungen auf der Strecke. In der Werkstatt können die Daten zu meinem Akku per Computer ausgewertet werden. Hier zeigt sich, dass ich den Akku 17-mal voll geladen habe. Eigentlich hing er öfter am Strom, der Wert gibt volle Ladezyklen an, also von Null auf 100 Prozent.

Wobei ich den Akku nur einmal in die Nähe von null Prozent gefahren habe. Und ich habe es bitter bereut, weil unter 20 Prozent Akkukapazität die Tretunterstützung automatisch nach unten geht. «Damit verhindern wir, dass der Akku tiefentladen wird», erklärt mir Daniel Meyer. Das wäre für seine Haltbarkeit der worst Case. Deshalb also schwitzte ich mit dem 25 Kilogramm schweren Tarzan im Juli auf den letzten fünf Kilometern nach Hause. Der Elektromotor war da nur noch Ballast, weil ihm der Akku fast keine Energie mehr geben konnte.

Mein Akku, so sagt der Computer, ist nach sechs Monaten im Einsatz, fast so frisch wie am ersten Tag. Was nicht verwundert, weil er sich bei Temperaturen zwischen zehn und maximal 40 Grad am wohlsten fühlt. Kritisch wird es für E-Bike-Fahrer und -Fahrerinnen im Winter. Wenn du dich von der Kälte nicht abhalten lässt, wirst du wissen, dass der Akkustand schneller nach unten geht als im Sommer. Du musst also häufiger laden. Und wenn du das E-Bike im Winter nicht fährst, solltest du den Akku am besten nicht draussen in der Kälte lassen, sondern in die Wohnung oder ins Haus mitnehmen. Idealerweise sollte er dabei zwischen 60 und 80 Prozent geladen sein.

Der Akku-Test würde defekte Batteriezellen finden. In meinen Fall ist alles in Ordnung.
Der Akku-Test würde defekte Batteriezellen finden. In meinen Fall ist alles in Ordnung.

Fazit: Service, der sein muss

Von April bis Oktober war ich im Durchschnitt mindestens jede Woche einmal mit «Tarzan» unterwegs. Die 750 Kilometer, die ich gefahren bin, liegen eher unter dem Durchschnitt anderer E-Biker, verrät mir Ego-Movement-CEO Daniel. Kundinnen und Kunden würden pro Jahr etwa 2000 Kilometer fahren. Ich könnte also fleissiger sein, lautet die Botschaft. Meine Sportlichkeit würde bedeuten, dass ich einmal pro Jahr das E-Bike zum Service bringen sollte, was mich um die 200 Franken kosten würde – auch abhängig von den benötigten Ersatzteilen. Teurer wird es, wenn die Profis das Velo noch komplett reinigen. Das ist es mir wert, weil ein gut gepflegtes E-Bike viel Freude macht und für mich aus Sicherheitsgründen ein Muss ist. Auf meine Bremskünste allein verlasse ich mich nicht. Zu Recht, wie ich jetzt nach dem Rüffel des Profis weiss.

Wenn du die bisher publizierten Beiträge zu meinen Erfahrungen mit dem E-Bike lesen willst, findest du diese hier:

  • Hintergrund

    Mit dem E-Bike ins Büro, Teil 1: Welches Modell ist das richtige?

    von Martin Jungfer

  • Hintergrund

    Mit dem E-Bike ins Büro, Teil 2: Bei der ersten Fahrt werde ich so richtig nass

    von Martin Jungfer

  • Hintergrund

    Mit dem E-Bike ins Büro, Teil 3: So motiviert mich «Tarzan» zu mehr Bewegung

    von Martin Jungfer

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Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln. 


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