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«In der Stadt gibts viele, die kennen nicht mal den Unterschied zwischen Heu und Gras»

Kann man sich in der Stadt autark ernähren? Zwei ZHdK-Studentinnen haben das Experiment gewagt und schildern ihre Erfahrungen mit Hühnerhaltung, Pflanzenpflücken und Kaffee-Anbau.

Vier Wochen lang kann man die Trailer zu den unterschiedlichen Diplomarbeiten der ZHdK-Studenten im digitec-Shop in Zürich bestaunen. Auch Franca Frey und Seraina Mandra gehören zu den Bachelor-Absolventen. Ihr Projekt dreht sich um Ernährung im Grossstadtjungel. Sie wollten herausfinden, ob und wie man sich in der Stadt selbstständig ernähren kann. Ich habe mit den beiden über Tierhaltung, Foodwaste und Kaffee-Anbau gesprochen.

Woher kam die Idee?

Franca: Wir hatten beide die gleiche Erwartung an unsere Bachelorarbeit. Wir wollten etwas sinnstiftendes tun, wo man auch einen Prozess und nicht nur ein Produkt sieht – etwas Nachhaltiges.

Wart ihr vorher schon sensibel bezüglich Ernährungsthemen?

Seraina: Ich bin schon ein bisschen ein Ernährungshippie. Nicht so selbstversorgerisch, aber es ist mir wichtig, Nachhaltig zu leben. Bei Kosmetik und dergleichen achte ich bereits sehr drauf.

Seraina (l.) und Franca zerstampfen Kohl.

Seid ihr beide Vegetarierinnen?

S.: (nickt) F.: Ich nicht. Aber Nachhaltigkeit ist mir wichtig. Auch bei der Elektrizität, nicht nur bei Lebensmitteln.

Glaubt ihr, eurer Generation ist dieses Thema besonders wichtig?

S: Ich glaube, das ist bei jeder Generation ein Thema, aber es nutzt sich ab. Anfangs ist man voll dabei, aber dann hört man wieder auf. In unserem Alter gibt man sich noch sehr viel Mühe, ein paar Jahre später hat man diese Phase dann hinter sich.

Was war der Zweck eurer Arbeit?

F: Ein Bewusstsein zu schaffen und aufzuzeigen, dass man nicht aufs Land ziehen muss, sondern dass man auch in der Stadt so leben kann. In der Stadt ist erstaunlich viel Möglich.

S: Es war wichtig, dass nicht nur wir Experimente machen, sondern dass auch andere angeregt werden: «Hey, das könnte ich auch mal versuchen.»

Wie praktikabel sollte das Ganze sein?

S: Wir haben immer mit einem Extremfall gestartet. Wir dachten dann: Es ist unmöglich, Fischen zu gehen. Es ist unmöglich, Hühner zu haben. Aber man merkt schnell, dass vieles gar nicht so schwierig ist.

Was war das Speziellste, das ihr probiert habt?

F: Es gab einiges. Sammeln war sicher speziell. Welche Naturpflanzen gibt es in der Stadt, welche kann man ernten, wo wachsen sie, welche sind giftig? Das war sehr spannend. Im März als es noch kalt war, gab es bereits sehr viele Sachen. Das war sehr schön. Und anschliessend mit dem was man gesammelt hat, etwas zuzubereiten und anderen eine Freude machen, das war für uns beide ein Highlight. Ich bin kein Vegetarier. Aber da ich schon Fisch und Fleisch esse, wollte ich mal den ganzen Weg mitmachen. Wie ist es, einen Fisch zu fangen? Wie viel Zeit braucht man? Was heisst es, einen Fisch in der Hand zu haben und ihm eins auf den Kopf zu hauen und die Gurgel durchzuschneiden? Das war meine Challenge und das sollte jeder mal gemacht haben, der Fisch und Fleisch isst. Das war für mich ein schwieriges aber eindrückliches Erlebnis.

S: Der Bauernhof war sehr spannend. Wir waren zwei Tage auf einem Demeter-Hof. Dann sieht man mal, was es alles braucht, um Milch zu machen. Wir gingen auch auf den Schlachthof mit. Die Bauern hatten extremen Respekt vor den Tieren und der Umwelt. Das war schön anzuschauen. Erstaunlich war auch das Melken. Das stellt man sich ganz anders vor und dann kommt die Überlegung, wenn es schon auf Demeter-Bauernhöfen so aussieht, wie sieht es dann erst auf normalen Bauernhöfen aus.

Im Endeffekt ging es euch aber darum zu schauen, was alles in der Stadt möglich ist. Wo gab es auch klare Grenzen?

S: Alles mit Tieren. Tierhaltung würden wir nicht empfehlen. Es kommt natürlich darauf an, wo man lebt. Wenn man einen grossen Garten hat, kann man problemlos Hühner halten. Aber der Aufwand vervielfacht sich enorm. Milch kann man vergessen. Fleisch fällt auch fast weg. Man kann zwar Fischen gehen, aber sonst ist Tierhaltung praktisch unmöglich.

Wie weit kann man sich denn in der Stadt autark ernähren?

S: Vegan geht. Es wird jedoch fast zu einem Vollzeitjob, Selbstversorger zu sein. Ich würde es eher als Ergänzung empfehlen, damit man sein Essen wieder mehr schätzt.

F: Man kann es auch als schönes Hobby sehen. Wenn man ein kleines Gärtchen hat, muss man Abends Wasser geben und im Internet recherchieren, was die Pflanzen brauchen. Die wachsen nicht einfach so! Es ist aufwändig, aber auch ein grosses Plus. Man wird sich viel mehr bewusst, wie lange etwas braucht. Wir sind beide auf dem Land aufgewachsen. Wir kennen uns ein bisschen aus, aber in der Stadt gibts viele, die nicht mal wissen, wie Milch entsteht oder was der Unterschied zwischen Heu und Gras ist.

Was geht gar nicht?

F: Am wenigsten machbar ist Kaffee. Theoretisch ist er anpflanzbar. Aber nur schon bis man genug hat, braucht es Jahre. Es war dennoch schön zum sehen, dass es geht. In Bern macht das jemand in einem Tropenhaus. Der Kaffee ist aber glaube ich nicht der beste (lacht).

S: Wir sind auch an unsere eigenen Grenzen gestossen. Fisch töten, das ging noch. Aber ein Huhn schlachten, das ging uns zu weit. Es wäre pervers gewesen, nur für unsere Bachelorarbeit ein Huhn zu töten.

Der schlimmste Moment war, als ich eines Morgens aufgewacht bin, es war irgendwann im März und der Schnee hatte das Hühnergehege eingedrückt. Die Hühner waren wie wild am Gackern. Also ging ich Barfuss in die Kälte, habe den Schnee weggeschaufelt und den Zaun wieder aufgerichtet. Die Hühner sind dann aber nur ganz kurz aus dem Stall gekommen, haben sich den Schnee angesehen und sind gleich wieder im warmen Stall verschwunden (lacht).

Was ist euch vom Projekt geblieben?

F: Ich hab immer noch ein Gärtchen und mache das auch weiter.

S: Ja, das wird mir ebenfalls bleiben. Ich hätte extrem gerne Hühner, aber es ist als hätte man ein Kind – ein sehr unkompliziertes Kind, aber dennoch. Der Respekt vor dem Essen ist geblieben. Ich schätze es jetzt viel mehr, wenn ich beispielsweise etwas mit Ei esse. Ich versuche auch viel weniger Tierprodukte zu essen. Der Produktionsaufwand ist einfach riesig.

F: Foodwaste ist auch immer noch krass. Das kennt man zwar bereits, aber es ist einfach pervers, was alles weggeschmissen wird. Das muss man sich auch in der Stadt bewusst sein oder mit den eigenen Augen sehen.

Welche Tipps gebt ihr Menschen, die etwas für die Umwelt tun wollen?

S: Lebensmittelverschwendung. Jeder macht es. Wir auch. Man muss es sich einfach immer wieder ins Bewusstsein rufen.

F: Da kann jeder etwas tun. Auch mit den Plastiksäcken. Dann packt man die Sachen einfach in einen Rucksack. Und wenn das jeder regelmässig macht, Hilft das bereits ein bisschen.

S: Ein einfaches Experiment ist auch Wildpflanzen pflücken. Das dauert nicht lange, ist kein Aufwand und macht extrem viel Spass und man sieht die Stadt anschliessend aus einem völlig neuen Blickwinkel.

Hier gehts zu den Trailern der ZHdK-Abschlussarbeiten

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Philipp Rüegg

Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, um mehr Leistung rauszukitzeln, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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