Hyper Casual Mobile Games lösen Klassiker wie «Pokémon GO» langsam aber sicher ab. Quelle: The Ascent
Hyper Casual Mobile Games lösen Klassiker wie «Pokémon GO» langsam aber sicher ab. Quelle: The Ascent
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Hyper Casual Mobile Games: Fesselnd, schnell und mit viel Werbung

Raphael Knecht
Zürich, am 20.06.2019
Egal, ob auf der Toilette oder vor dem Arzttermin: Das Smartphone als Spielgerät ist immer mit dabei. Ohne mobiles Gaming geht nichts mehr. Und Hyper Casual Games sind im Hoch – dank cleverem Spielprinzip und viel Werbung.

In einer Minute beginnt das Meeting, die letzten beiden Teilnehmer fehlen noch. Wieder einmal ist Warten angesagt. Schnell zücke ich mein Handy und spiele eine Partie Helix Jump. Nach 23 Sekunden ist der Spass bereits vorbei, es folgt eine Werbeeinblendung. Igitt, Werbung. Aber: Wenn ich mir den 30-Sekunden-Clip anschaue, kriege ich ein zusätzliches Leben. Na dann, wieso nicht? Für ein weiteres Spiel reicht die Zeit nicht, die Sitzung beginnt.

Die Genialität liegt in der Einfachheit

Erfolgreiche Handyspiele schaffen es, dass du sie immer und immer wieder spielen möchtest. Es geht primär nicht um die Spieldauer, sondern darum, wie oft du spielst. Weder PUBG Mobile noch Candy Crush Saga waren letztes Jahr das am häufigsten gedownloadete Mobile Game, sondern Helix Jump.

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Einfach, aber effektiv: Das Spielprinzip von Helix Jump überzeugt. Quelle: youtube.com

Bei Helix Jump steuerst du mit deinen Fingern eine springende Kugel, die sich über mehrere Plattformen hindurch ihren Weg ins nächste Level bahnt. Ziel ist es, den Boden zu erreichen – ja, it’s as simple as it sounds. Und es funktioniert: Im vierten Quartal 2018 spielten täglich durchschnittlich rund 25.6 Millionen Menschen das trendige Mobile Game des französischen Startups Voodoo.

So erstaunt es auch nicht, dass Goldman Sachs letztes Jahr 200 Millionen in die Pariser Spieleschmiede investiert hat. Die Spiele der Franzosen scheinen anzukommen: Ungefähr 150 Millionen regelmässige Gamer pro Monat und über 300 Millionen Downloads 2017 stehen in Voodoos Palmarès. Sobald irgendwo Geld zu holen ist, beissen auch die grossen Fische an. Und Hyper Casual Mobile Games sind inzwischen zu den Walhaien im Handygame-Genre geworden.

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Zauberer? Laurent Ritter (links) und Alexandre Yazdi, die Gründer von Voodoo. Quelle: OMR.com

Weshalb das Spielprinzip Erfolg hat

Ultrakurze Handyspiele zielen auf all jene freien Slots im Alltag ab, in denen du das Smartphone in die Hand nimmst. Sei es, ob du auf den Bus, im Restaurant aufs Essen oder auf der Toilette auf eine Offenbarung wartest – das Handy ist dein treuester Begleiter. Da du meist nicht genau weisst, wie lange du warten wirst, ist es von Vorteil, wenn ein Spiel kurz ist. Lieber spielst du zwei, drei weitere Partien, statt mitten im Level abbrechen zu müssen.

Trey Smith, Spieleentwickler und Autor von «Crushing Hyper Casual Games», meint: «Alles, von der Steuerung bis zur Grafik, ist darauf ausgelegt, ein möglichst breites Publikum mit schnellem, süchtig machendem Gameplay zu erreichen. Kurz gesagt, sind sie einfach zu erlernende, schwer zu meisternde Arcadespiele für ein Massenpublikum.» Oft steigt der Spieler direkt ins Spiel ein, ohne Intro, Tutorials oder Ähnliches. Die Steuerung ist so simpel wie möglich gehalten – meist geht es nur darum, irgendetwas anzuklicken oder wegzuswipen. Das macht diese sogenannten «tap to play»-Games derart populär.

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Sobald Wartezeiten entstehen, springen Hyper Casual Games in die Bresche. Quelle: CGTN America

Werbesequenzen zwischen den einzelnen Spielabschnitten sorgen dafür, dass solche Spiele auch finanziell lukrativ sind. Denn Preismodelle wie bei Konsolen- oder PC-Games gibt’s im Handy-Business nicht. Viele Spielehersteller glaubten, ohne Werbung und nur durch In-Game-Transaktionen überleben zu können. King, der Branchenführer in der Handy-Game-Branche, beispielsweise verzichtete ab 2013 auf Werbung, musste diese 2017 dann aber wieder einführen.

Spiel, Spass und Werbung

Hyper Casual Mobile Games sind der Beweis, dass sich bei Smartphone-Spielen auch ohne kostenpflichtige Apps, dafür mit cleverer Werbeschaltung, einen Haufen Geld verdienen lässt. Der Trick ist, die Werbung nicht als solche zu präsentieren: Kriegst du fürs Anschauen eines Videos ein zusätzliches Leben, willst du den Spot sogar freiwillig sehen. Dass es sich um Werbung handelt, nimmst du je nachdem nicht wahr. Werbung in Mobile Games darf auf keinen Fall den Spielspass behindern oder gar zum Abbruch des Spiels führen. Denn: Hyper Casual Mobile Games sind zwar schnell gespielt, aber auch schnell wieder beendet und gelöscht.

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Spiele wie Fortnite haben wegen Hyper Casual Games einen immer schwierigeren Stand. Quelle: theverge.com

Ziel der Entwickler ist zudem nicht, dass Spiele wie Helix Jump über Jahre hinweg gespielt werden. Während das Spiel vom Thron der meist gedownloadeten Handyspiele 2018 grüsst, sind schon drei neue Games veröffentlicht worden und weitere befinden sich in der Pipeline. Auch wenn kein Spielehersteller gerne in die «Casual Gaming»-Schublade gesteckt wird, gewinnen Hyper Casual Mobile Games diverse Awards. Die Gewinner geben mit einem Augenzwinkern als Antwort, dass diese Schubladisierung nur bedeute, dass ihre Spiele für jede Person, jeden Ort und jede Stimmung geeignet seien.

Um mit dem Boom mitzuhalten und mobile Spiele am Laufmeter produzieren zu können, setzen die Programmierer selten auf aufwendige 3D-Technik. Solche Spiele müssen in kürzester Zeit produziert und veröffentlicht werden. Gemäss Trey Smith sind seine «Spiele darauf ausgelegt, in kurzer Zeit entwickelt zu werden. Ich kann nicht so lange an einem Projekt arbeiten, weil es zu risikoreich ist.»

Ein Blick in die Zukunft

Hyper Casual Mobile Games schiessen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Deren Entwickler werden sich daher immer wieder neue Features überlegen müssen, um Spieler zu halten beziehungsweise für sich zu gewinnen. Da bei dieser Art von Games mit Werbung sehr viel Geld zu holen ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass sich der Hype bald wieder legen wird. Auch werden Hyper Casual Games andere Spielarten wohl nie verdrängen oder ablösen.

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Was wirst du künftig auf der Toilette mit deinem Smartphone spielen? Quelle: todotech20.com

Ultrakurze Handyspiele sind eine weitere Nische, die nach deren Entdeckung gnadenlos ausgeschlachtet und monetarisiert werden. Welche weiteren Subformen das mobile Spielen am Smartphone noch hervorbringt, wird die Zukunft zeigen. Denn so schnell sich der Gaming-Markt entwickelt, so rasant ändert sich auch die Technologie von Smartphones.

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Raphael Knecht
Raphael Knecht
Senior Editor, Zürich
Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne bergige Rennrad-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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