Cheats gehören zu Games wie das Amen in die Kirche. Quelle: RedEyeCheats
Cheats gehören zu Games wie das Amen in die Kirche. Quelle: RedEyeCheats

Cheats: vom perfekten Testing Tool zum Affront der Gamer-Branche?

Raphael Knecht
Zürich, am 25.04.2019
Videospiel-Entwickler testen ihre Spiele mit Cheats. Im Laufe der Jahre lief das Ganze aus dem Ruder – es entstand ein lukratives Geschäftsmodell. Des einen Freud ist des anderen Leid.

Einmal Gott spielen und jeden Boss problemlos zur Strecke bringen: Ein Satz, von dem viele Gamer insgeheim träumen. Für mich hingegen macht die Schwierigkeit eines Spiels gerade den Reiz aus. Ein klares Statement gegen Cheating. Es gibt aber auch Situationen, in denen Cheats Sinn machen – eine davon ist das Testen von Videospielen. Um diesen Prozess effizient zu gestalten, bauen Entwickler absichtlich Cheats ein. Ob Fluch oder Segen, Cheats haben in der Game-Industrie ihre Spuren hinterlassen.

Ein Cheat kommt selten allein

Seit es Videospiele gibt, existieren Cheats. Einer der ersten Codes war «603769», die Autonummer von Matthew Smith, dem Entwickler von «Manic Miner». Mit den sechs Zahlen aktivierten Spieler den Cheat Mode, um unbeschadet ins nächste Level zu gelangen. Die Symbiose von Cheats und Videospielen hat damit zu tun, dass Cheats den Entwicklern halfen, Spiele vor dem Release effizienter zu prüfen. So konnten sie durch Wände gehen, unbesiegbar sein oder Levels überspringen, um Bugs schneller aufzuspüren und zu beseitigen.

Es ging aber auch anders: 1983 bewarben die Macher von «Castle Wolfenstein» einen Editor, mit welchem der Spieler für 15 Dollar Zusatzskills erhalten hat: «Dieser Editor gestaltet jedes Feature des Spiels neu. Stoppe Startverzögerungen, Abstürze und lange Wartezeiten. Erhalte jeden Artikel, in jeder beliebigen Menge. Beginne in jedem Raum, in jedem Rang. Überliste die Zielfunktion. Und füge sogar eigene Elemente hinzu.»

Ein Screenshot aus Castle Wolfenstein aus dem Jahr 1981. Quelle: nerdbacon.com
Ein Screenshot aus Castle Wolfenstein aus dem Jahr 1981. Quelle: nerdbacon.com

Bereits vor über 30 Jahren reprogrammierten Spieler gezielt bestimmte numerische Werte, bevor sie ein Spiel starteten. Im Kontext von 8-bit-Computern, die Spiele vor dem Start in den Zwischenspeicher geladen haben, manipulierten die gewieften Zocker diese Daten, um mittels sogenannter POKE-Statements unendlich viele Leben, Geld, Munition oder Unsichtbarkeit zu erlangen. Eine weitere Möglichkeit des Cheatings war geboren. Beim Commodore 64, der Amstrad CPC-Reihe und dem ZX Spectrum konnten Gamer beispielsweise mittels Spezialkartuschen respektive -einschüben das laufende Programm einfrieren, POKE-Codes eingeben und dann weiterspielen.

Wo ein Geldbeutel ist, ist auch ein Weg

Nach und nach entstand ein profitables Business: Cheatbücher, Spieleguides und Spezialmodule machten ein ursprünglich ausschliesslich fürs Testing angedachtes Entwickler-Tool massen- und somit verkaufstauglich. Trotz des grossen Erfolges waren längst nicht alle Spieler entzückt. Cheating war bei vielen verpönt, da es nicht ihrer Idealvorstellung vom «richtigen», traditionellen Gameerlebnis entsprach. Bezüglich Guides, Walkthroughs und Tutorials sind sich Gamer bis heute nicht einig, ob diese Spielhilfen als nützliche Ergänzung oder böswilliges Cheating zu verstehen sind.

Das schwarze Modul in der Mitte mit der 8 ist der sogenannte Gameshark, ein Cheatmodul für den Nintendo 64. Quelle: Gameshark
Das schwarze Modul in der Mitte mit der 8 ist der sogenannte Gameshark, ein Cheatmodul für den Nintendo 64. Quelle: Gameshark

Später lösten Trainer – Zusatzprogramme für bestimmte Spiele – und Cheat Codes die POKE-Statements ab. Einige Entwickler rechtfertigten Codes damit, dass Games so auch für Gelegenheitsspieler zugänglicher, ansprechender und einfacher würden. Dasselbe galt für die Programmierer von Trainern.

In the long run, we're all dead

Heute beinhalten die wenigsten Games Cheats – ausser, wenn die Entwickler sie explizit für geheime Boni einbauen. Sobald der Spieler beispielsweise gewisse Errungenschaften bewältigt oder ein bestimmtes Level erreicht hat, schalten einige Games Belohnungen frei. Die Spielercommunity ist auch hier zweigeteilt und versteht solche Extras teilweise als Cheats. Bei Onlinemultiplayer-Titeln hingegen existiert nur eine Meinung: In Krachern wie «Fortnite» oder «Apex Legends» ist Cheating verpönt und führt zu Bans.

Schliesslich waren es ebenjene Online-Titel mit ihren Highscores, Achievements und anderen Errungenschaften, die Gamer auf eine Linie brachten. Denn es ging und geht bei solchen Spielen nicht mehr darum, sich selbst übertreffen zu wollen, sondern dank Real-Time-Vergleichbarkeit mit der Konkurrenz mitzuhalten oder diese zu übertreffen. Cheats sind bei derartigen Spielen übrigens nicht nur verhasst, sondern bewegen sich auch am Rande der Legalität. Und trotzdem floriert in China das Online-Cheating-Business mehr denn je.

Ein Aimbot, wie hier in CSGO, zeigt dem Spieler die Location seiner Gegner an und hilft beim Zielen. Quelle: Insanity Cheats
Ein Aimbot, wie hier in CSGO, zeigt dem Spieler die Location seiner Gegner an und hilft beim Zielen. Quelle: Insanity Cheats

Doch wenn sich eine Türe schliesst, öffnet sich irgendwo eine andere. Nach diesem Motto fanden auch Game-Entwickler eine völlig neue Art von Cheats: Mikrotransaktionen. Solche In-Game-Käufe bieten immer wieder mächtig Zündstoff in der Szene. Die Gamer-Community lässt kein gutes Haar an Spielen beziehungsweise Entwicklern, die solche Features einbauen. Denn sobald sich ein Gamer mit Geld einen klaren Vorteil verschaffen kann, hat das nichts mehr mit Fairness und Wettbewerbsgeist zu tun.

Ein zweischneidiges Schwert

Auch wenn im Vergleich zu den 90ern viel weniger Cheating-Möglichkeiten im Umlauf sind: Cheats in Videospielen sind eine nie enden wollende Diskussion. Zu unterschiedlich sind die Argumente beider Parteien und zu lohnend das Geschäft. Die Befürworter sehen Cheating als Mittel zum eigenen Vergnügen oder weil es ihnen gefällt, in Online Games andere Spieler gezielt fertig zu machen. Cheats sollen zudem Gelegenheitsspielern eine Chance geben, auch ein längeres Spiel durchzuspielen. Last, but not least ist es zu einem rentablen Business geworden.

Die Gegner hingegen sprechen von Betrug, Wettbewerbsverfälschung und Feigheit. Wer cheatet, habe in der Gaming-Welt nichts verloren. Es zählt einzig, was der Spieler für Fähigkeiten mitbringt – nur so zeigt sich, wer der Beste ist.

Ein dunkler Fleck auf Ubisofts weisser Weste: Die Microtransactions in «For Honor». Quelle: VG247.com
Ein dunkler Fleck auf Ubisofts weisser Weste: Die Microtransactions in «For Honor». Quelle: VG247.com

Ein Beispiel, das die Argumentation der Cheating-Gegner untermauert, ist Ubisofts «For Honor». Alle Upgrades, Skills und Fortschritte, die deine Charaktere stärker machen, sind auch gegen echtes Geld erhältlich. Da das Multiplayer-Spielprinzip von «For Honor» auf PVP (player versus player) beruht, wird durch die Mikrotransaktionen die Ausgeglichenheit des Spiels arg beeinträchtigt. Mit den In-Spiel-Käufen hat sich Ubisoft selbst ins Knie geschossen. Ein Game, das ursprünglich dazu gedacht war, faire Wettkämpfe zu bieten, hintergeht sich selbst und verkauft die eigenen Werte an zahlungswillige Cheater.

Einen komplett anderen Blickwinkel haben die Entwickler bei Avalanche Studios: Mit «Rage 2» produzieren sie ein Spiel, bei dem Cheats als Werbemittel dienen. Bereits vor der Veröffentlichung sprachen die Entwickler von sechs Cheats und stellten diese im Detail vor. Mit dem «He’s on Fire»-Cheat beispielsweise kommentiert Tim Kitzrow, der legendäre NBA-Jam-Sprecher, das Spielgeschehen. Vorbesteller erhalten direkten Zugriff auf diesen Cheat. In der Deluxe-Version sind zudem weitere drei Cheats enthalten. Alle anderen Extras musst du während des Spiels freischalten. Fun fact: Die Cheats erhältst du im Spiel selbst von einem Hexer – gegen nicht käufliche In-Game-Währung, versteht sich.

«Rage 2» will damit Gelegenheitsspieler anlocken, die sich das Game ohne Codes nicht kaufen würden oder überfordert wären. Zudem äussern sich selbst Profizocker positiv zu dieser Marketing-Strategie – es sei längst an der Zeit, dass Cheating in dieser unterhaltsamen Form zurückkehrt. Dennoch steht auch hier die Geldmacherei im Vordergrund: Denn mit Vorbestellungen und Deluxe-Editionen verdienen sich die Macher eine goldene Nase.

Spielst du noch oder cheatest du schon?

Auch ich bin der Meinung, dass solche Fun Cheats ein Revival verdient haben. Denn wer kennt ihn nicht, den Moment bei «Grand Theft Auto», in welchem Geld keine Rolle spielt? Einfach rumballern, als gäbe es kein Morgen – mit unendlich vielen Patronen im Holster. Je mehr Möglichkeiten und je weniger Konsequenzen, desto witziger.

Einst halfen Cheats den Entwicklern beim Testing, ehe gewiefte Programmierer sie für die breite Öffentlichkeit nutzbar machten. Vom cleveren Hilfsmittel über eine hinterlistige Betrugsmöglichkeit bis hin zur gewinnbringenden Geldmaschine – Cheats haben die Gaming-Branche entscheidend mitgeprägt.

Wie stehst du zum Thema «Cheating»? Gehörst du zu den Anhängern der Spielhilfen oder kämpfst du mit allen Mitteln gegen Cheats? Du hast einen persönlichen Lieblingscheat? Dann lass es mich in der Kommentarspalte wissen. Und falls du keine weiteren spannenden Hintergrundstorys aus der Tech-Welt verpassen möchtest, folge mir mit einem Klick auf den Folge-Button.

Cheating

Was hältst du von Cheats?

  • Pfui! Wer cheatet, ist kein echter Gamer.
    47%
  • Ich cheate nicht, wäre manchmal aber froh drum.
    7%
  • Cheats sind nützlich, weil ich keine Zeit für ein komplettes Spiel habe.
    6%
  • Ohne Cheats könnte ich nie mit anderen Gamern mithalten.
    1%
  • Wenn ich ohne Konsequenzen rumalbern will, dann sind Cheats willkommen.
    35%
  • Ich brauche Cheats, weil ich selbst Spiele entwickle.
    2%

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

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Raphael Knecht
Raphael Knecht
Senior Editor, Zürich
Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne bergige Rennrad-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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