Gönn mir doch meine Luxusprobleme

Gönn mir doch meine Luxusprobleme

Carolin Teufelberger
Zürich, am 15.10.2020
Sobald sich jemand über Dinge nervt, die Ländern mit hohem Lebensstandard vorbehalten sind, gibt es immer jene, die die Luxusprobleme lautstark entlarven. Ich finde: Schluss damit!

«Oh Gott, immer diese First World Problems!» Dieses Urteil erhielt ich neulich auf meine Ausführungen darüber, wie ich mich durch Corona in meiner Reiseplanung eingeschränkt fühle. Mit dem Zug von Zürich nach Tiflis war der Plan. Drei Wochen lang wollte ich quer durch den Balkan reisen, immer wieder kurze Stopps einlegen, um einen Eindruck von Land und Leuten zu erhalten. Die letzte Etappe sollte mit dem Bus von der Osttürkei über die Grenze nach Georgien führen. Mit Wehmut denke ich an diesen Plan. Und seit der Antwort meines Kollegen nun auch mit Scham.

Problem shaming

Ich fühlte mich nicht mehr dazu berechtigt, meinem Ärger über geplatzte Urlaubsträume Luft zu machen. Mich überkam das Verlangen, mich vor meinen Mitmenschen und mir selbst zu rechtfertigen. Es ginge ja nicht um einen Kuoni-Pauschalurlaub in Antalya, sondern um das Reisen. Um das Kennenlernen mir fremder Kulturen. Ich wolle Brücken schlagen, meinen Horizont erweitern, Neues erleben. In einer globalisierten Welt, in der Nationalismus und Abgrenzung auf dem Vormarsch sind, sei Reisen das beste Mittel, um mir aus der Nähe ein Bild zu machen und nicht aus der Distanz zu urteilen.

Als ich das Ganze Szenario sacken liess, mir Zeit für Selbst- und Fremdreflektion nahm, änderte sich meine Position zunehmend. Eine grundlegende Frage eröffnete sich mir: «Muss ich mich für Dinge, die ich als problematisch empfinde, rechtfertigen, gar schämen, weil es andere, objektiv gesehen gravierendere Probleme gibt?»

Jammern auf hohem Niveau

Zugegeben, Reisen ist nicht essentiell. Ich kann darauf verzichten und habe trotzdem ein privilegiertes Leben. Gerade momentan wiegt Solidarität höher als Individualismus. Deshalb habe ich meine Zugreise vor Wochen schon verworfen. Nichtsdestotrotz ist das Reisen für mich persönlich wichtig. Mir fällt es schwer, darauf zu verzichten. Ich bin genervt von den sich ständig ändernden Reisebestimmungen. Nicht, weil ich sie für falsch oder überzogen erachte, sondern weil sie meinen Träumereien einen Riegel vorschieben. Nicht nur die Reise bleibt mir verwehrt, sondern auch das Ausmalen derjenigen.

Sobald ich etwas als problematisch empfinde, ist es de facto ein Problem für mich. So einfach. Kohärente, referenzierte Argumentarien sind gar nicht notwendig. Ich lebe in einer Blase, in einem privilegierten Land, was all meine Probleme zu Luxusproblemen macht. Existent sind sie trotzdem.

Dabei bin ich mir stets über meine Privilegien und deren Zufälligkeit im Klaren. Anderen Menschen geht es dreckig, sie leiden Hunger und fliehen vor Kriegen. Solche Dinge habe ich nie erlebt. Sie können nicht der Massstab sein, an dem ich die Grösse meiner Probleme messe. Unterschiedliche Lebensumstände führen zu unterschiedlichen Problemen und unterschiedlichen Wahrnehmungen. Oder werden all meine Bedürfnisse nichtig, weil es anderen schlechter geht als mir?

Solange ich ein Bewusstsein für meine Situation habe und nicht mit dem goldenen Löffel im Mund über sozial oder wirtschaftlich schlechter Gestellte urteile, sollen auch mir meine Problemchen vergönnt sein. Corona ist hoffentlich nur eine vorübergehende Erscheinung und meine Bewegungsfreiheit bald wieder gegeben. Bis dahin wird aus dem Elfenbeinturm weiterhin ab und zu Gejammer zu hören sein. Wohlwissend, dass die wirklichen Probleme der Welt und der Menschheit nicht so schnell verschwinden werden.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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