Funktionale Kunstwerke Teil Zwei
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Funktionale Kunstwerke Teil Zwei

Pia Seidel
Zürich, am 08.10.2021
An der Mailänder Designwoche gab’s unter anderem Wi-Fi-Router im Strickkleid oder einen Donut-Hocker zu sehen. Diese sechs «funktionale Kunstwerke» haben mich am meisten überzeugt.

Kreativen Köpfe haben am diesjährigen Salone del Mobile haben das Rad zwar nicht neu erfunden, aber es auf Hochtouren gebracht. Insgesamt sind mir zwölf Stücke besonders aufgefallen. Ich dokumentiere sie in zwei Teilen. Den ersten gab's gestern:

Sechs Besen für eine *sinnliche Erfahrung**, und mehr
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Sechs Besen für eine sinnliche Erfahrung, und mehr

1. Spin Vessel

Die 3D-gedruckten Sandobjekte von Rive Roshan wirken auf mich zart und durch die vielen Falten bewegt. Dennoch sind die Entwürfe wie «Spin Vessel» alles andere als soft: Ein Harzbindemittel bringt den Sand in die gewünschte Form und sorgt für den nötigen Halt. Mit dem 3D-Drucker fängt die Designerin «flüchtige Momente» ein, wie sie es nennt. Ihre «Motion»-Kollektion, bestehend aus acht Sammelobjekten, ist dabei erst der Anfang ihrer Forschung mit dem Material Sand.

«Spin Vessel» besteht zu 98% aus einem weichen weissen Quarz-Sand.
«Spin Vessel» besteht zu 98% aus einem weichen weissen Quarz-Sand.
Ausstellung: Rossana Orlandi, Milan Design Week 2021
Ausstellung: Rossana Orlandi, Milan Design Week 2021
Im Prozess nimmt der Sand durch das Bindemittel verschiedene Farben an.
Im Prozess nimmt der Sand durch das Bindemittel verschiedene Farben an.

2. Odyssey

Wenn Architektur und Design eine Einheit bilden, stelle ich mir das in etwa so vor wie den Aluminiumtisch «Odyssey» von Jiri Krejcirik, der ebenfalls bei Rossana ausgestellt war. Sechs säulenartige Beine tragen quasi das Dach – die Tischfläche. Der Tisch schimmert durch die spezielle Beschichtung golden, fast holografisch, passend zum Namen der Kollektion: «Eclecticism». Er ist von der griechischen Antike und dem slowenischen Architekten Jože Plečnik inspiriert, der für die Moderne steht.

Der Tisch schlägt eine Brücke zwischen der Moderne und der griechischen Antike.
Der Tisch schlägt eine Brücke zwischen der Moderne und der griechischen Antike.
Ausstellung: Rossana Orlandi, Milan Design Week 2021
Ausstellung: Rossana Orlandi, Milan Design Week 2021

3. Septum Vase

Bei dieser Vase der Studio-Lotto-Gründer, Mirko Ihrig und Casey Lewis, wirkt die Mischung aus Stahl und Glas ganz selbstverständlich. Dabei könnten die Materialien nicht unterschiedlicher sein: Das eine ist zerbrechlich, das andere fast unzerstörbar. Hier bilden sie eine Einheit. «Wir wollten Glas verwenden, da es im Industriedesign als tragfähiges Material etwas vernachlässigt wurde – vor allem kombiniert mit Metall», erklärt mir Casey. «Inspirierend fanden wir dabei alte Gegenstände aus Glas und Metall, wie zum Beispiel alte Teeservices.» Ursprünglich wollten die Designer die Griffe noch heiss in das Glas drücken, um eine «natürliche» Verbindung ohne Hardware herzustellen. Für den Salone konnten sie das allerdings nicht rechtzeitig umsetzen. Deshalb sind beide Materialien noch miteinander verschraubt. Künftig bilden sie aber nicht nur optisch eine Einheit, sondern verschmelzen buchstäblich miteinander.

Warum nur einen Griff, wenn du vier haben kannst?
Warum nur einen Griff, wenn du vier haben kannst?
Ausstellung: Super Salone, Milan Design Week 2021
Ausstellung: Super Salone, Milan Design Week 2021

4. Wired

Wo ich meinen Wifi-Router hinter der Zimmerpflanze verstecke, gestalten ihn andere neu: Interaction-Designerin Elsa Sier hält den Router für eine optisch einfallslose, aber wichtige Box. Sie wünscht sich, dass wir uns verbundener damit fühlen und ihn besser verstehen können. «Wir wissen wenig darüber, was er alles für uns macht», so Elsa. Im Gegensatz zu den harten Kunststoffgehäusen besitzt ihr Design eine organische Form. Mit einem gerippten Feinstrick umhüllt, wachsen ihrem Router unter anderem Beulen, je mehr Leute die Verbindung nutzen. Oder aber, er leuchtet dank der Durchlässigkeit des Stoffs rot auf, wenn die Verbindung gerade harzt oder gelb, wenn etwas downloadet. Nebenbei dient der Router auch als Aufbewahrungsgefäss.

Schick in Strick: Das Router-Redesign «Wire» macht Hardware softer.
Schick in Strick: Das Router-Redesign «Wire» macht Hardware softer.
Ausstellung: The Lost Graduation Show, Milan Design Week 2021
Ausstellung: The Lost Graduation Show, Milan Design Week 2021

5. Re-Construction

Die Installation von Yasuhiro Cúze ist eine Mischung aus Vase und Lampen. Durch Schnüre miteinander verbunden, rekonstruieren die einzelnen Objekte Formen und symbolisieren Gemeinschaft. Die Vasen bestehen aus Keramik – wobei mir einige durch ihre spezielle Glasur vormachen, aus Metall zu sein. Sie sind alle handgefertigt und deshalb Teil der «The Makers Show» am Salone, bei der es um Arbeiten und Experimente von selbstproduzierenden Designschaffenden geht.

Weder Fisch, noch Vogel: Die Hängekonstruktion ist Lampe, Vase und Wandschmuck.
Weder Fisch, noch Vogel: Die Hängekonstruktion ist Lampe, Vase und Wandschmuck.
Ausstellung: The Makers Show, Milan Design Week 2021
Ausstellung: The Makers Show, Milan Design Week 2021

6. Boa

Beim Anblick des Poufs «Boa» besteht Heisshunger-Gefahr: Er macht einen auf Donut und stammt von der Designerin Sabine Marcelis, die ihn für den Möbelhersteller Hem entworfen hat. Mit seiner skulpturalen und klobigen Form mischt er jedes Interieur auf. Gleichzeitig stellt er einen Meilenstein in der Polstermöbelherstellung dar: Sein Stoffbezug ist komplett nahtlos.

Mehr als nur zum Sitzen gemacht. Dieser Pouf ist auch ein Augenschmaus.
Mehr als nur zum Sitzen gemacht. Dieser Pouf ist auch ein Augenschmaus.
Ausstellung: Garden & Gallery, Milan Design Week 2021
Ausstellung: Garden & Gallery, Milan Design Week 2021
Eine nahtlose Oberfläche verleiht dem «Donut» den makellosen Airbrush-Effekt.
Eine nahtlose Oberfläche verleiht dem «Donut» den makellosen Airbrush-Effekt.

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Pia Seidel
Pia Seidel

Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein

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