Filmkritik: «Sonic the Hedgehog» – oder der Triumph Jim Carreys

Filmkritik: «Sonic the Hedgehog» – oder der Triumph Jim Carreys

Luca Fontana
Zürich, am 13.02.2020
Was nach dem Trailer-Debakel im Mai 2019 zum Scheitern verurteilt schien, kommt in einer Form ins Kino, die mich doch noch jubeln lässt. Das ist vor allem einem zu verdanken: Jim Carrey.

Eines vorweg: In der Review gibt’s keine Spoiler. Du liest nur das, was aus den bereits veröffentlichten Trailern bekannt ist.


Aufgewachsen bin ich mit einer Sony Playstation. Den ikonischen blauen Igel kenne ich trotzdem. Sonic – im Original Sonikku za hejjihoggu – löste mit seiner draufgängerischen Attitüde und seinen schnellen Beinen den anno 1991 als schlechte Mario-Kopie geltenden Alex Kidd als Maskottchen des Spieleherstellers Sega ab.

Nun kriegt Sonic seinen eigenen Film.

Strenggenommen ist es nicht ganz das erste Mal. Jedenfalls nicht, wenn du Zeichentrickserien und einen ziemlich miesen Anime-Film gelten lässt. Es ist allerdings das erste Mal, dass Sonic eine Live-Action-Verfilmung kriegt. Mit an Bord sind namhafte Schauspieler wie Jim Carrey und James Marsden. Gesprochen wird Sonic im Original von Ben Schwartz, den du am ehesten aus NBCs Comedy-Hit Parks and Recreation kennst.

Fragt sich: Ist der Film, der einfach nur «Sonic the Hedgehog» heisst, ein Unfall à la «Emoji Movie», oder eben doch eine positive Überraschung wie «Pokémon Detective Pikachu»?

I'm a shooting star, leaping through the sky

Worum geht’s? Der junge Sonic muss auf die Erde flüchten, weil er von «Typen» gejagt wird, die an seine Super-Sonic-Kräfte ran wollen. Welche Typen? Erklärt der Film nicht. Ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist sein Beutel voller goldener Ringe, die er als interplanetare Einweg-Portale nutzen kann – das gab’s in den Spielen so noch nie. Aber verliert Sonic den Beutel, verliert er die Möglichkeit, zum nächsten Planeten zu reisen, sollte er erneut entdeckt werden.

Zehn Jahre vergehen.

Kung-Fu-Sonic. Eine gute Idee für ein Sequel, oder?
Kung-Fu-Sonic. Eine gute Idee für ein Sequel, oder?
Paramount Pictures

Sonic macht das Beste aus seinem Exil. Düst zu Queens Don’t Stop Me Now durch die Wälder und Strassen Montanas. Lernt dort aus dem Verborgenen heraus seine neue Wahlheimat – das fiktive Green Hills – und dessen Bewohner kennen. Allen voran den gutmütigen Lokalpolizisten Tom Wachowski (James Marsden), den er insgeheim den Donutlord nennt. Bis Sonic eines Tages aus Versehen einen beinahe planetaren Stromausfall auslöst. Das ruft die Regierung auf den Plan.

Angeführt wird die Sonic-Such-Taskforce vom bösen Doctor Ivo Robotnik (Jim Carrey). Der will sowieso die Menschheit mit seinen Maschinen kontrollieren – und Sonic bietet genau die richtige Energiequelle dafür.

Rekonstruktion des Scheiterns

Machen wir’s kurz: «Sonic the Hedgehog» ist super. Und das sage ich als jemand, der mit uninspirierten Lizenz-Marketing-Maschinerien, die sich als Kinofilme tarnen, nicht viel anzufangen weiss. Filme wie «Angry Birds 1+2» oder «The Emoji Movie». Ist mir egal, dass sie sich hauptsächlich ans jüngere Publikum richten. Schlecht bleibt schlecht.

Dabei stand «Sonic the Hedgehog» anfangs unter einem schlechten Stern. Im Mai 2019 bekamen die ohnehin skeptischen Fans den ersten Sonic-Trailer aus dem Hause Paramount Pictures zu sehen – und mit ihm Sonics pseudo-realistisches Design aus der Hölle.

Ja, so guckte ich auch rein, als ich den Sonic-Trailer zum ersten Mal gesehen hatte.
Ja, so guckte ich auch rein, als ich den Sonic-Trailer zum ersten Mal gesehen hatte.
Paramount Pictures

Die Befürchtung, dass Paramount bloss aufs schnelle Geld aus war, schien berechtigt. Der damit verbundene Aufschrei der Fans fiel entsprechend heftig aus. So heftig, dass sich Regisseur Jeff Fowler und die Studioverantwortlichen der Kritik annahmen: Der Kinostart wurde um drei Monate nach hinten verschoben und dazu zusätzliche 35 Millionen Dollar Budget locker gemacht, um Sonics Design zu überarbeiten.

Das heisst: Neu hat Sonic viel grössere Augen, ein knallig-blaueres Fell und keine muskelbepackten Beine mehr. Dazu ein Torso, der so dreieckig ist wie das Original. Zu guter Letzt ersetzen grosse Handschuhe weisses Fell an den Händen.

Kurz: Der neue Sonic ist perfekt.

Danke, liebe VFX-Künstler, fürs neue Design.
Danke, liebe VFX-Künstler, fürs neue Design.
Paramount Pictures

Denn Sonics weniger realistischer, aber cartoonhafter Look ist deutlich ausdrucksstärker als vorher. Und vor allem: Sonic hat Gesichtszüge, in denen sich Freude, Wut und Trauer spiegeln. Verschwunden ist die verstörende Wachsfiguren-Visage, die noch im Mai 2019 den Trailer unsicher gemacht hat.

Für den Film ist das ungemein wichtig: Sonic ist nie eine phrasendreschende Figur, die auf cool macht und lustige Sprüche klopft, damit die Kinder was zu lachen haben. Denn Ben Schwartz, im Original der Synchronsprecher, bringt genau die richtige Mischung zwischen jugendlich-draufgängerisch und emotional-verwundbar. Ich mag diesen Sonic. Sehr sogar. Vor allem nervt er mich nicht. Und damit umschifft «Sonic the Hedgehog» schon mal ein erstes, ganz grosses Hindernis, das den Film zum Scheitern verurteilt hätte.

Das zweite Hindernis: Die Chemie zwischen CGI-Sonic und Polizist Tom.

Richtig okay – entgegen meinen Erwartungen

Ein süsses Paar, die beiden.
Ein süsses Paar, die beiden.
Paramount Pictures

Tom und Sonic funktionieren, als ob Sonic am Set gewesen wäre und mit Schauspieler James Marsden gespielt hätte. Das rechne ich vor allem Marsden hoch an: Es ist nicht einfach, mit einem Tennisball zu schauspielern, der später via Computer durch Sonic ersetzt wird. Aber Marsden am Set und Schwartz im Tonstudio inszenieren ihre wachsende, zugegebenermassen sehr vorhersehbar verlaufende Männerfreundschaft so, dass ich sie ihnen jederzeit abnehme. Selbst, wenn sie nichts anderes tut, als Klischee-Checkboxen abzuhaken.

Apropos inszenieren: Action gibt’s in «Sonic the Hedgehog» zuhauf. Innovativ inszeniert ist sie allerdings nicht. Teilweise wird sogar geklaut, dass es kracht. Etwa, wenn Sonic sich in scheinbar normalem Tempo durch eine scheinbar eingefrorene Menschenmenge bewegt. Eingefroren ist sie nicht. Im Verhältnis zu Sonic bewegt sie sich bloss viel langsamer. Das ist ein visuelles Stilmittel, das du genau so in «X-Men: Days of Future Past» oder «X-Men: Apocalypse» gesehen hast.

Das soll nicht heissen, dass der Film kein Spass machte. Solid umgesetzt sind die Action- und Überschall-Szenen trotzdem. Die meisten Witze zünden. Und wenn es etwas schnulzig wird, dann nicht lange genug, um zu stören. Story? Kaum vorhanden. Egal. Sie ist gut genug, um zu rechtfertigen, dass eine Szene die nächste ablöst. Nicht mehr, nicht weniger. Abgesehen davon hat «Sonic the Hedgehog» ein Riesen-Ass im Ärmel:

Jim Carrey.

Jim Carrey kehrt ins Rampenlicht zurück

«Für mich ist Comedy wie Klippenspringen, als wenn ich einer von diesen Typen in Acapulco wäre: Wenn die Flut reinkommt, kannst du springen und überlebst. Aber wenn du den Moment verpasst, zerschellst du auf den Felsen und stirbst. Mit Comedy fühlt es sich genau so an.»

Das hat Jim Carrey im Interview zu Deutschlandfunk Nova gesagt. Er hätte seine Art von Comedy nicht besser beschreiben können. Denn in «Sonic the Hedgehog» spielt er so richtig herrlich knapp an der Grenze des Främdschämens over-the-top, wie nur er es kann. Carrey schneidet Grimassen, als ob da 40 Millionen Gesichtsmuskeln wären. Bewegt seinen Körper, als ob er aus Gummi bestünde. Tanzt gar einmal, als ob er am Filmset von «The Mask» wäre – die Szene an sich trägt nichts zum Film bei, ist aber doch zu gut, um der Schnittschere zum Opfer zu fallen.

Da ist er endlich wieder, der Jim Carrey, der sichtlich Freude am Schauspielern hat.

Genauso überdreht, wie nur Jim Carrey spielen kann, ohne fremdschämig zu sein. Meistens.
Genauso überdreht, wie nur Jim Carrey spielen kann, ohne fremdschämig zu sein. Meistens.
Paramount Pictures

Denn die Freude – die hatte er zwischenzeitlich verloren. Nicht zum ersten Mal. Schon nach «Man on the Moon» fiel er 1999 in eine tiefe Sinneskrise. Sich selbst bezeichnete er oft als viel ernsteren Menschen, als ihn die Öffentlichkeit wahrnimmt; mit «Kick-Ass 2» verurteilte er wegen der gezeigten Gewalt sogar seinen eigenen Film. Und seit Carreys letzten Kinoauftritt – dem düsteren «True Crimes» – sind mittlerweile vier Jahre vergangen.

Der Höhepunkt einer Dekade, die es mit ihm nicht gut gemeint hat.

Vor «True Crimes» gab’s nämlich noch «Dumb and Dumber To» – noch so ein Film, wo Carrey nicht so recht wusste, was er mit seiner Karriere genau soll. Kein Wunder, wenn Rohrkrepierer wie «Mr. Popper’s Penguins» oder «Yes Man» zu seinen erfolgreicheren Projekten der letzten zehn Jahren gehören.

Aber in «Sonic the Hedgehog» ist Carrey wieder Carrey, der überdrehte Komiker, wie wir ihn in «Ace Ventura» oder «Bruce Almighty» kennen und lieben gelernt haben. Und vor allem der Carrey, dem es Spass macht, vor der Kamera zu stehen und ulkig zu sein, als ob er Zuhause vor dem Spiegel stünde und Frisuren aus Schaum bauen würde.

Ganz ehrlich? Ich weiss nicht, ob ich den Film ohne Jim Carrey genauso gut finden würde. Aber umso sicherer bin ich, dass niemand den Robotnik hätte besser geben können, als er. Ich verbeuge mich vor einer Performance, in der sich der mittlerweile 58-jährige Jim Carrey für nichts zu schade ist.

Fazit: Kein Überfilm, aber trotzdem spassig

Was gibt’s noch zu sagen? Dass «Sonic the Hedgehog» kein Film ist, der Oscars und Emmy Awards gewinnen wird – und schon gar keine fürs beste Drehbuch –, wird dich kaum überraschen.

Was dich womöglich doch überraschen könnte, ist, dass der Film keineswegs so schlecht ist, wie ein gewisser Trailer im Mai 2019 befürchten liess. Zu verdanken ist das den Schauspielern, die das absolute Maximum aus einer manchmal wirren Story rausholen, die gerade gut genug ist, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen. Allen voran Jim Carrey, der Komiker, der endlich aus seiner Sinneskrise raus zu finden scheint.

18 Personen gefällt dieser Artikel


Luca Fontana
Luca Fontana
Editor, Zürich
Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren