Fährt das Velo der Zukunft ohne Kette?
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Fährt das Velo der Zukunft ohne Kette?

Michael Restin
Zürich, am 18.07.2018
Das Rad sprichwörtlich neu erfinden wollen viele. CeramicSpeed macht sich tatsächlich daran, den Velo-Antrieb zu revolutionieren. Keine Kette, keinen Zahnriemen, dafür 21 Kugellager und eine Kardanwelle – das ist neu und verdammt interessant.

Ein Velo ist ein Velo ist ein Velo. Mit einem Rahmen, zwei Rädern und irgendeiner Form von Kette. Ein Prinzip, das sich seit über hundert Jahren bewährt hat und das bislang nicht grundlegend in Frage gestellt wurde. Warum auch? Funktioniert ja prächtig. Natürlich wurde immer weiter experimentiert und optimiert, ovale Kettenblätter oder Zahnriemen verbaut – aber an der Grundidee des Antriebs zu rütteln? Das hielt niemand für nötig. Umso grösser ist das Aufsehen, wenn sich dann doch einer traut, die Sache von Grund auf neu zu denken. Genau das tun die dänischen Kugellager-Spezialisten von CeramicSpeed mit ihrem «Driven»-System, mit dem sie an der Eurobike im Mittelpunkt standen und einen Award abräumten.

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Kardanwelle mit Kugellagern: Das «Driven»-System verfolgt einen völlig neuen Ansatz.
Kardanwelle mit Kugellagern: Das «Driven»-System verfolgt einen völlig neuen Ansatz.

Wie das Konzept funktioniert

An ihrem Prototyp ist keine Kette gespannt, sondern eine Kardanwelle, die den vorderen Zahnkranz («Kettenblatt» ist in diesem Fall ja der falsche Begriff) mit der hinteren Zahnscheibe verbindet. Die Kraftübertragung erfolgt über 21 Kugellager aus Keramik und soll mit einem Wirkungsgrad von 99 Prozent auch den effizientesten Kettenantrieb in den Schatten stellen. Das wird möglich, weil die Kugellager dafür sorgen, dass im Vergleich zu einer Kette kaum Reibungsverluste entstehen. Um den magischen Wert von 99 Prozent zu erreichen, der sich sicher gut vermarkten lässt, musst du allerdings schon Wattzahlen wie ein Radprofi treten.

Der Wirkungsgrad liegt bei Driven (grün) deutlich höher als beim Dura-Ace-Kettenantrieb (blau).
Der Wirkungsgrad liegt bei Driven (grün) deutlich höher als beim Dura-Ace-Kettenantrieb (blau).

Geschaltet werden soll elektronisch

Ein Schaltwerk gibt es auch nicht, dafür soll ein Elektromotor in der Kardanwelle die Kugellager zwischen den Ritzeln hin und her schieben. Auch wenn daran noch weiter entwickelt wird, ist klar, dass die Elektronik Einzug hält. Wenn du also Freude daran hast, dass dein Rennvelo bislang rein mechanisch funktioniert und du bei Problemen selbst daran schrauben kannst, wirst du an dem Punkt vielleicht die Nase rümpfen. Zwar soll «Driven» vergleichsweise wartungsarm sein, aber Kinderkrankheiten hat jede neue Technik. Vorne kann bislang nur ein Zahnkranz verbaut werden, doch 13 Gänge und mehr sind mit dem System möglich, da an der hinteren Zahnscheibe alle Zahnreihen in einer Ebene angebracht sind. Dadurch entsteht kein ungünstiger Winkel, wie es bei Ritzelkassetten und Kettenantrieb der Fall ist.

Die Kettenstrebe sitzt höher, damit Platz für die Kardanwelle ist.
Die Kettenstrebe sitzt höher, damit Platz für die Kardanwelle ist.
Wie ein Kronkorken: Die Zähne sind nach innen gebogen, wo sie in die Kugellager greifen.
Wie ein Kronkorken: Die Zähne sind nach innen gebogen, wo sie in die Kugellager greifen.

Zukunftsmusik mit Potenzial

Neulich erzählte mir der Designer Gianluca Gimini zu seinem Projekt Velocipedia, wie viele Leute bei der Aufgabe, ein Velo zu zeichnen, einfach die Kette vergessen oder sie völlig falsch einzeichnen. Vielleicht sind sie alle Visionäre. Denn dass der Antrieb völlig neu gedacht werden kann und das System funktioniert, haben die Entwickler von CeramicSpeed bewiesen.

Naturgemäss wäre die Geschichte zunächst im High-End- und Profibereich zuhause, wobei dann die Traditionalisten in den Radsportverbänden ihr Regelwerk überdenken müssten. Für E-Bikes hat der Ansatz ebenfalls enormes Potenzial, da ist auch die Elektronik-Frage egal. Der Velo-Antrieb könnte effizienter, pflegeleichter und generell leichter werden, doch noch ist das alles Zukunftsmusik. Schliesslich braucht es auch eine spezielle Rahmenkonstruktion, um «Driven» integrieren zu können. Aber wer weiss: vielleicht hat das System eines Tages tatsächlich das Zeug dazu, das Kettenzeitalter zu beenden. Die Branchengrössen sollen an der Eurobike jedenfalls sehr genau hingeschaut haben.

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Michael Restin
Michael Restin
Editor, Zürich
Das Glück ist flüchtig, also bleibe ich in Bewegung. Auf dem Bike, am Ball (Grösse und Farbe egal) und bei allem, was der Fantasie zweier Kinder entspringt. Ich liebe es, meinen Spieltrieb auszuleben und Zufällen eine Chance zu geben. Denn wenn der Weg das Ziel ist, dann soll es ein schöner sein.

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