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Projekt Velocipedia: Die schönsten Velos, die nie gebaut wurden

Ein Papier, ein Stift, eine einfache Aufgabe: Zeichne ein Herren-Velo. Der italienische Designer Gianluca Gimini war überrascht, wie viele daran scheitern – und verwandelte die auf den ersten Blick verkorksten Skizzen in ein wunderbares Kunstprojekt.

Alles begann in einer Bar, was immer ein guter Ausgangspunkt für eine Geschichte ist. Gianluca Gimini tauchte mit einem Freund in Schulerinnerungen ein, als ihm eine Szene aus dem technischen Unterricht in der Mittelstufe in den Sinn kam: «Ein Klassenkamerad wurde von unserem Lehrer ausgefragt. Er schlug sich nicht gut und war den Tränen nahe.»

Die gut gemeinte Idee des Lehrers, er möge doch stattdessen einfach sein Velo beschreiben, machte es nicht besser – im Gegenteil: «Der arme Junge geriet in Panik und konnte sich nicht mal daran erinnern, ob es vom Vorder- oder Hinterrad angetrieben wird.» Die Geister der Vergangenheit sorgten für Gelächter in der Bar, damals, 2009 in Bologna. Giminis Freund war der Meinung, wie ein Velo aussieht, müsse doch jeder wissen, der mal auf einem sass. Welch ein Irrtum. «Er versuchte, eines auf einer Serviette zu zeichnen und scheiterte komplett», erzählt Gimini. Das war der Tag, an dem er Zeichnungen zu sammeln begann.

Eine Galerie der blühenden Fantasie: Über die Jahre sind 376 Zeichnungen zusammen gekommen.

Wie gut kennen wir alltägliche Dinge?

Mit Stift und Papier überraschte er fortan Freunde und Fremde, immer mit derselben Bitte: Zeichne doch mal schnell aus dem Gedächtnis ein Herren-Velo. Aus einer kleinen Idee wurde ein grosses Projekt, denn neben einigen mechanisch korrekten Zeichnungen sammelte er hauptsächlich ein Kuriositätenkabinett, das ihn mehr und mehr faszinierte. Seine Testpersonen verzettelten sich und die kleine Aufgabe entwickelte sich zur grossen Sozialstudie mit Teilnehmern zwischen 3 und 88 Jahren. Nach sieben Jahren des Sammelns machte es sich Gianluca Gimini zur Aufgabe, die in den Skizzen verborgene Schönheit freizulegen. Das Projekt Velocipedia war geboren.

Von der Skizze zum Kunstwerk

Egal wie schräg und fehlerhaft die Zeichnungen auch waren, Gianluca Gimini entdeckte etwas Einzigartiges und Neues darin. Eine Fülle von Ideen, auf die ein einzelner Designer niemals kommen könnte. Als er beschloss, am Computer das verborgene Potential zu heben, sass er im Schnitt 14 Stunden an jedem einzelnen Velo, um es Schritt für Schritt von einer flüchtigen Skizze in ein Kunstwerk zu verwandeln, das gleichzeitig irritiert und fasziniert. Wie der Prozess aussieht, kannst du dir hier im Schnelldurchlauf anschauen. Die fertigen Grafiken sind stilvoll, stimmig – und das Velo in den meisten Fällen total dysfunktional.

Jedem Fehler wohnt ein Zauber inne

Die Modelle würden zusammenbrechen oder sich nicht steuern lassen, einfach nicht tauglich sein jemals über eine Strasse zu rollen. Aber sie sind anders, und sie sind schön. Und diese Schönheit hätte wohl kaum einer der verzweifelnden Zeichner von sich aus in seiner Skizze entdeckt. Gimini hat sie sichtbar gemacht und damit nicht nur ihnen einen neuen Blick auf die Dinge ermöglicht.

«Sie stimmten zu, dass in ihren Erfindungen viel Schönheit war – versteckt in den Zeichnungen und sichtbarer in der fertigen Grafik.»

Verzettelt zwischen Kette und Rahmen

Neben den Zeichnungen sammelte Gianluca Gimini auch interessante Erkenntnisse. Männer neigten dazu, alles viel zu kompliziert zu machen und ständig zu verschlimmbessern, wenn sie bei der Rahmenkonstruktion nicht weiter wussten. Frauen verbanden die Kette gerne mal mit dem Vorderrad oder gleich mit beiden – sie waren sogar für fast 90 % dieser mechanischen Sündenfälle verantwortlich. «Meine Sammlung gibt sicher nicht wieder, wie viele Leute ernsthaft denken, dass die Kette am Vorderrad oder sogar an beiden Rädern befestigt ist», sagt Gimini. Viele würden im Panikmodus Dinge machen, von denen sie eigentlich wüssten, dass sie falsch sind.

«Ich würde niemals in eine Quizshow gehen wollen, seit ich das weiss.»

Bilder, die aus dem Rahmen fallen

Alter, Geschlecht und auch die eigene Velo-Vorgeschichte waren im Grunde egal: «Ich habe viele nicht funktionsfähige Designs von Leuten gesammelt, die selbst fast täglich mit dem Velo unterwegs sind», sagt Gimini. Das Einzige, was helfe, um die Velo-Anatomie zu kennen, sei bei der Reparatur selbst Hand anzulegen. Ansonsten kümmert sich der Kopf offensichtlich nicht weiter darum, worauf der Körper sich fortbewegt. Bei Gianluca Giminis Modellen wäre das sicher anders, würden Mechanik und Physik mitspielen und sie über die Strassen rollen. Die Designs fallen aus dem Rahmen und erregen Aufsehen. Ihre Zukunft sieht der Künstler im Museum: «Das wäre grossartig. Und ich arbeite daran!»

Zur Person

Der Designer Gianluca Gimini lebt in Bologna und lehrt auch Produktdesign an der Universität Ferrara. Weitere Werke von ihm findest du hier. Er ist selbst gerne auf dem Velo unterwegs und besitzt vier davon – darunter ein fast 80 Jahre altes Modell von dem er sagt: «Es braucht nie Wartung und ist das wahrscheinlich am besten konstruierte Velo, dass ich je gesehen habe.»

Gianluca Gimini auf Facebook // Instagram

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Das Glück ist flüchtig, also bleibe ich in Bewegung. Auf dem Bike, am Ball (Grösse und Farbe egal) und bei allem, was der Fantasie zweier Kinder entspringt. Ich liebe es, meinen Spieltrieb auszuleben und Zufällen eine Chance zu geben. Denn wenn der Weg das Ziel ist, dann soll es ein schöner sein.

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