#FaceTheDepression stellt sich dem Tabuthema

#FaceTheDepression stellt sich dem Tabuthema

Simon Balissat
Zürich, am 10.03.2021
Rund ein Viertel aller Schweizer*innen leidet unter depressiven Störungen und trotzdem sprechen wir selten darüber. Auf Twitter zeigen Betroffene ihr Gesicht und gehen an die Öffentlichkeit. Ein grosser und wichtiger Schritt.

«Ach komm, du bist doch immer so gut gelaunt und witzig drauf, das ist doch keine Depression». Diesen Satz habe ich vor fünf Jahren oft gehört und er hat mich immer tiefer in den Strudel gezogen. Ich konnte mit Lachen und Witzchen meine Depression ganz gut verstecken, oder eher verdrängen. Zum Glück holte ich mir Hilfe, als ich damals nicht mehr weiter wusste. Viel zu spät, aber ich ging den Schritt zum Psychiater. «Ich steh’ das schon selbst durch, ich bin doch kein Weichei!», dachte ich mir und lag komplett falsch. In den wenigsten Fällen können depressive Personen ihre Krankheit selbst heilen. Sie brauchen Hilfe von Profis. Nicht von selbsternannten Schamanen, nicht von Geistheilern und auch nicht aus dem Internet.

Ein gebrochenes Bein braucht einen Gips, um wieder schön zusammenzuwachsen. Eine Depression braucht eine Therapie und (in meinem Fall) Medikamente, um zu heilen. Das Problem ist, dass die Depression von aussen nicht zu erkennen ist. Und im Vergleich zu einer körperlichen Krankheit ist es auch viel schwerer, sich selbst einzugestehen, dass man krank ist. Gibt ein Gips meinem Umfeld unmissverständlich zu erkennen, dass ich nicht gesund bin, fehlt diese optische Hilfe bei einer seelischen Erkrankung. Ein Twitter-Hashtag will Depressionen nun aus dem tiefen Loch an die Oberfläche bringen.

«Ich war auch schon traurig…»

Der Hashtag #FaceTheDepression versucht, Depressionen ein Gesicht zu geben. Hier stellen Twitter-Nutzer*innen, die unter einer Depression leiden, ein Foto von sich online. Viele lachen, wirken fröhlich und glücklich. Dass sie alle unter einer Depression leiden, ist nicht zu erkennen. Einzig ihre Kommentare geben Aufschluss darüber. «Ich in der dunkelsten Phase meiner Depression», steht da zum Beispiel. Oder: «Nicht jeder der lacht, lacht!».

Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass allein das Wissen darum, dass es anderen Personen gleich ergeht, ein wichtiger Schritt zur Normalität ist.

Der richtige Umgang ist schwer

Mitleid von nicht Betroffenen hingegen ist sehr schwer zu verdauen. Sätze wie «Ich war auch schon traurig und konnte mich zusammenreissen» sind Öl ins Feuer einer lodernden Depression. Bestimmt habe ich diesen Satz vor meiner Krankheit gegenüber Depressiven geäussert, schliesslich wusste ich es nicht besser. Ohne Erfahrung ist der Umgang mit depressiven Mitmenschen sehr schwierig. Ich kann schliesslich nicht wissen, wie du dich fühlst und was dir gut tut. Im Internet findest du aber einige wertvolle Informationen, wie du depressiven Personen helfen kannst.

Die Wahrscheinlichkeit, dass du jemanden mit einer Depression kennst, ist gross. Laut einer Studie litten 2017 ein Viertel der Schweizer*innen zumindest schon einmal unter leichten Depressionen, Zahl steigend.

Depression ist eine Krankheit

Heute geht es mir wieder sehr gut. Ich weiss, wo ich Hilfe holen kann und hole sie mir auch, sobald ich den Anflug einer Depression verspüre. Was ich für mich gelernt habe, ändert aber nichts daran, dass es massiven Aufklärungsbedarf gibt. Bei der Familie, bei Freunden, bei Arbeitskollegen und beim Arbeitgeber.

Bei einer Grippe oder einem gebrochenen Bein ist klar, dass du zuhause bleibst. Aber wie kommt das an, wenn du sagst du bist wegen einer Depression ein paar Tage raus? Das müsste eigentlich genau so funktionieren, oder? Ohne Fragen zu stellen. Ein Hashstag bei Twitter ändert an der Problematik nicht viel. Er ist aber ein Schritt in die richtige Richtung, die Depression als das zu sehen, was sie ist: eine Krankheit, die wir behandeln können und über die wir sprechen sollten.

In diesem Sinne hier ein Bild aus meiner depressivsten Zeit.

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#FaceTheDepression

Denkst du manchmal daran, dir das Leben zu nehmen? Bist du verzweifelt und hast die Hoffnung verloren? Erscheint dir das Leben sinnlos oder die Situation ausweglos? Dann wende dich bitte an Anlaufstellen, die dafür da sind, Menschen in diesen Situationen zu helfen. Dazu zählen zum Beispiel Notfallambulanzen von Kliniken, Hausärzte sowie niedergelassene Psychotherapeutinnen und Psychiater.

Die Telefonseelsorge in der Schweiz ist rund um die Uhr auf der Nummer 143 erreichbar. Auch auf dem elektronischen Weg erreichst du die dargebotene Hand: www.143.ch.

In Deutschland erreichst du die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 – auch online kannst du nach Beratungsstellen suchen.*

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Simon Balissat
Simon Balissat
Teamleader Editorial, Zürich
Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell.

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