Eine Reise zurück zur Tradition
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Eine Reise zurück zur Tradition

Carolin Teufelberger
Zürich, am 09.09.2019
Bilder: Thomas Kunz
Was früher Pflicht war, ist heute vom Aussterben bedroht: die Walz. Einer, der die traditionsreiche Reise wagt, ist Andrea Vetsch. Im besten Fall führt sie ihn bis nach China.

Die blonden Haare stehen im Kontrast zu dem dunklen Hut. Den schwarzen Hosen wie auch den Händen ist die harte Arbeit anzusehen. Auf dem weissen Hemd, das beinahe blendend heraussticht, ist dagegen auch nach längerem Betrachten kein Fleck zu finden. Die Füsse sind in klobige Militärschuhe gepackt, die bald neu besohlt werden müssen. Der Mann ist lange unterwegs. Wenn er durchhält, dann genau vier Jahre und ein Tag.

Andrea in dem Outfit, das er die nächsten vier Jahren dauernd tragen wird.
Andrea in dem Outfit, das er die nächsten vier Jahren dauernd tragen wird.

So lange dauert die Walz. Denn: «Die Wanderjahre müssen länger dauern als die Lehrjahre», erklärt mir Andrea Vetsch. Und da die Zimmermannslehre vier Jahre dauert, muss die Walz mindestens einen Tag länger dauern. Von diesem Ziel ist Andrea aber noch weit entfernt, da er seine Reise erst vor knapp drei Monaten begonnen hat. Zu diesem Zeitpunkt verlässt er Quarten am Walensee zu Fuss, nur mit einem Rucksack bepackt. Schon nach drei Kilometern wird er angequatscht und bekommt sein erstes Jobangebot. «Das musste ich leider ablehnen, da ich mich noch im Bannkreis befand.» Denn eine Regel der Walz besagt: Nähere dich deinem Heimatort nie mehr als 50 Kilometer.

Traum: Bambusgerüstbauer in China

Bis zur Industrialisierung ist die Walz für Handwerker Voraussetzung, um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden. Heute entscheidet jeder Geselle selbst, ob er auf Wanderschaft gehen will. Viele sind das nicht mehr, dafür sind unterdessen in einigen Schächten, also Handwerkervereinigungen, auch Frauen zugelassen. Dennoch wählen immer mehr Zimmerleute den Weg ganz ohne Schacht im Rücken, als Freireisende. So auch Andrea. Deshalb kann er seine eigenen Regeln für die Jahre der Wanderschaft aufstellen. «Die decken sich aber zu einem grossen Teil mit den allgemeingültigen Gesetzen.» So ist auch er ledig, kinderlos und unter 30. Ausserdem wird er sich im ersten Jahr ausschliesslich im deutschsprachigen Raum aufhalten. Und danach? «Am liebsten würde ich im Bambusgerüstbau in China arbeiten oder Blockhütten in Kanada bauen», sagt der 20-Jährige. Ich bin mir sicher, dass mir meine Verwunderung ins Gesicht geschrieben steht, denn Andrea fügt an: «Die Walz beschränkt sich nicht nur auf Europa, dir steht komplett frei, wohin du gehst.»

Noch heute ein Männerberuf, das unterstreichen die leichtbekleideten Damen an der Wand.
Noch heute ein Männerberuf, das unterstreichen die leichtbekleideten Damen an der Wand.

ÖV ist verpönt

Gehen ist dabei das richtige Stichwort, denn Gesellen auf der Wanderschaft sollen sich zu Fuss oder per Anhalter fortbewegen. Bis nach China dauert das eine Weile. «Solche grossen Distanzen dürfen wir ausnahmsweise mit dem Flugzeug zurücklegen, da das sonst echt schwierig wird», erklärt mir der Zimmermann. Dennoch würde er lieber mit der Transsibirischen Eisenbahn oder per Containerschiff reisen. «Aber so lange mich meine Beine tragen, will ich komplett auf Transportmittel jeglicher Art verzichten.» Bis jetzt war er erst drei Tage ohne Arbeit unterwegs. Bei Bissig Holzbau in Altdorf findet er seinen ersten Auftrag. Dort hat er angeklopft, angefragt und sofort Arbeit zugesichert bekommen. «Wegen diverser Ferienabwesenheiten war der Betrieb ganz froh, dass ich hereingeschneit kam», sagt Andrea.

Der Betrieb freut sich, dass zwei zusätzliche Hände anpacken.
Der Betrieb freut sich, dass zwei zusätzliche Hände anpacken.

Digital Detox

Die drei Monate beim Betrieb gehen nun zu Ende, Andrea muss weiterziehen. Denn mehr als 12 Wochen sollte sich kein Reisender am selben Ort aufhalten. «Wir sind schliesslich auf Wanderschaft.» Den nächsten Job hat er schon auf sicher. Es geht nach Schafisheim in den Aargau. «Eine Frau sah mich in Altdorf in meiner Kluft und hat mich gleich für den Umbau ihrer Küche angefragt.» Andrea macht sich aber nicht direkt auf den Weg dorthin, erst will er sich Uri und vielleicht auch noch das Wallis näher anschauen. «In Schafisheim bin ich dann, wenn ich dort bin.» Anders geht das auch kaum, denn auf der Walz gilt Handyverbot. Für die meisten Menschen der Generationen Y und Z wäre das Projekt spätestens jetzt gestorben. Andrea lebt bisweilen ganz gut damit. «Meine Familie rufe ich zwischendurch vom Festnetz an oder schreiben ihnen eine Karte.» Der Kontakt ist spärlich, vor allem zu Freunden. Der Zimmermann sieht’s positiv-pragmatisch: «So weisst du immerhin, wer dir wirklich zur Seite steht.» Zur Seite steht ihm fast sein gesamtes Umfeld, als er seinen Entschluss vor gut sechs Monaten verkündet. «Viele haben gesagt, dass sie das niemals könnten, es aber toll finden, das ich es mache.» Seine Mutter musste sich aber erst an den Gedanken gewöhnen, dass ihr Sohn nun vier Jahre nicht mehr nach Hause kommt. «Sie ist etwas sentimental, aber so sind Mamis halt», sagt Andrea schmunzelnd.

Der erste Stopp führt Andrea nach Altdorf zu Bissig Holzbau.
Der erste Stopp führt Andrea nach Altdorf zu Bissig Holzbau.

Und Isolationshaft ist die Walz nun auch nicht. Er hat Kontakt zu seinen Arbeitskollegen und vielen Menschen, die er auf der Strasse oder in Beizen trifft. «Durch die Begegnungen mit Fremden merke ich, dass die meisten Menschen doch nicht so übel sind, sondern dir Gutes wollen.» Was ihm bei all den Gesprächen auffällt: «Die meisten Leute sprechen mich auf Hochdeutsch an.» Das kommt nicht von ungefähr, da die meisten Zimmerleute auf der Walz Deutsche sind, auch in der Schweiz. «Soweit ich weiss, bin ich nur einer von drei Schweizern, die momentan auf Wanderschaft sind.» Neben diesen netten Gesprächen gibt’s auch immer wieder mal ein Bier oder ein 20er-Nötli. Wegen seiner Kluft wissen die meisten Leute sofort, was Sache ist. «So lange ich selber Geld verdiene, bitte ich Leute aber nie von mir aus um Almosen», sagt Andrea.

Alleinsein ist fester Bestandteil der Walz

Bei Bissig bekommt er den Mindestlohn eines Temporärangestellten. «Wegen der Gesamtarbeitsverträge, die wir in der Schweiz haben, wäre auf Kost und Logis gar nicht möglich.» Zusätzlich bekommt er ein kleines Zimmer ohne Schnickschnack gestellt. «Auf der Walz hast du auf einmal wahnsinnig viel Zeit. Kein Handy und kein Fernseher, die dich von deinen Gedanken ablenken.» Das habe ihn ruhiger gemacht, ihn geerdet. Andrea hört nun viel Radio und liest, was auch vorher schon seine grosse Leidenschaft war. «Ich hätte unbedingt mehr Bücher mitnehmen sollen. Momentan lese ich «Das grosse Zimmermannbuch», weil ich kein anderes habe», sagt der 20-Jährige, der sich sonst eher für Geschichte interessiert. Trotz kleiner Ablenkungen ist das Alleinsein aber definitiv eine Tugend, die man als reisender Geselle verinnerlicht haben sollte. «Ich konnte mich schon immer gut alleine beschäftigen, dennoch lerne ich von Tag zu Tag dazu», so Andrea.

Auch die Planung gehört zum Job eines Zimmermanns.
Auch die Planung gehört zum Job eines Zimmermanns.

Dazu gehört auch, nicht das ganze Wochenende mit Freunden zu verbringen, sondern zu waschen. «Momentan besitze ich nur eine Kluft, ich will mir aber unterwegs eine zweite massschneidern lassen.» Daneben schleppt er noch fünf Unterhosen, zwei Ersatzhemden, einen Schlafsack, eine zwei auf zwei Meter grosse Blache, Handwerkzeug und Hygieneartikel mit. Einen Luxus gönnt er sich dabei: «Ich trage die Sachen nicht wie üblich in ein Stofftuch eingewickelt sondern in einem Rucksack mit.» So gehen die vielen Märsche etwas einfacher vom Fuss. Und wenn es hart auf hart kommt, würde er sich auch eine Hotelübernachtung leisten. «Im strömenden Regen oder bei -20 Grad unter freiem Himmel zu schlafen, muss nicht sein.» So viel er auch für diese Reise in Kauf nimmt, am Ende soll sie ihm noch immer Freude bereiten und eine Bereicherung an Berufs- und vor allem Lebenserfahrung sein.

Niemand weiss, wohin die Reise noch führen wird. Auch Andrea selbst nicht.
Niemand weiss, wohin die Reise noch führen wird. Auch Andrea selbst nicht.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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