Ein Bett im Kornfeld – das uns alle vereint
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Ein Bett im Kornfeld – das uns alle vereint

Pia Seidel
Zürich, am 26.08.2020
Auf Social Media wimmelt es von Bildern mit Betten, die in malerischen Landschaften stehen. Was die einen als Kopie verhöhnen, sehe ich als Sehnsucht nach Freiheit, die uns zurzeit verbindet.

«Ein Bett im Kornfeld, das ist immer frei», singt der deutsche Schlagersänger Jürgen Drews in den 70ern. Er zelebriert im Titel das Schlafen «zwischen Blumen und Stroh». Er zeichnet damit ein Bild der Sehnsucht nach Freiheit in einem einfacheren, sorglosen Leben. Dieses Sujet lassen einige Gestalter*innen in den letzten Wochen wahr werden.

Unter freiem Himmel

Auf zahlreichen Fotos und Videos auf Social-Media-Plattformen sind Szenen von unterschiedlichen Schlafsituationen an ungewöhnlichen Orten zu sehen. Zum Teil mit Model und gar einem ganzen Bettgestell. Besonders wagemutige Fotografinnen wie Alice Grigoriadi schlagen ihr Lager im Wasser oder wie Elvira Valieva am Hang auf. Ob sie darauf wirklich schlafen, erfahren wir nicht. Wer die Idee als Erstes hatte, auch nicht. Was steckt hinter diesem Trend?

Open-Air-Betten dienen als Hotelzimmer-Ersatz in Zeiten des Social Distancings. Insta-Post: Alice Grigoriadi, «alice_grigoriadi»
Open-Air-Betten dienen als Hotelzimmer-Ersatz in Zeiten des Social Distancings. Insta-Post: Alice Grigoriadi, «alice_grigoriadi»

Nachahmung oder Sehnsucht nach mehr?

Die Fashionshow von Modedesigner Simon Porte Jacquemus ging vor Kurzem viral. Sie fand inklusive einem Bett und 100 glücklichen Gästen in einem Weizenfeld statt. Ob Jacquemus als Erstes die Idee dafür hatte, sei dahingestellt. Seither kursieren jedenfalls zahlreiche Fotos von Blogger*innen im Netz, die sich an ähnlichen Orten mal mit, mal ohne Bett ablichten lassen.

Einige Instagram-Accounts wie «Shitbloggerpost» widmen sich solchen Copycats. Sie zeigen auf, wie oft die vermeintlich kreative Szene voneinander abguckt. Wo die einen über die «geklauten» Posts lachen, schreibt die Nutzerin «Terriblehumanbeing»: «Das ist Hingabe ans Handwerk. Stell dir vor, wie lange es dauert, zu einem Weizenfeld zu fahren und Content zu kreieren.»

Viele Blogger*innen sind von der Jacquemus' Frühjahr-Sommer-Show 2021 inspiriert. Insa-Post: «jacquemus»
Viele Blogger*innen sind von der Jacquemus' Frühjahr-Sommer-Show 2021 inspiriert. Insa-Post: «jacquemus»
Sie kopieren den ländlichen Look. Insa-Post: Clara Luciani «jesuisclaraluciani» / «shitbloggerpost»
Sie kopieren den ländlichen Look. Insa-Post: Clara Luciani «jesuisclaraluciani» / «shitbloggerpost»

Auch wenn der Kommentar ironisch gemeint ist, ist etwas dran. Seit ich einige Fotoshootings als Stylistin begleitet habe, weiss ich, wie gross der Aufwand hinter solchen Bildern ist. Es braucht einen geeigneten Ort, das perfekte Licht und Arrangement sowie ein eingespieltes Team. Im Beispiel der Modenschau von Jacquemus kommt ein 600 Meter langer Holz-Laufsteg, der erst noch gezimmert werden musste, dazu.

Ähnlich ist es mit den Fotos von Betten im Freien. Blogger*in Alice Grigoriadi gibt Einblicke hinter die Kulissen ihrer Betten-Shootings: Mindestens zwei Personen tragen die Matratze an ungewöhnliche Locations und zum Teil auch auf Dächer. Das braucht Vorbereitungszeit, Manpower, Zeit und das nötige Kleingeld für den Transport.

Was keiner auf dem Insta-Post sieht: Die Open-Air-Betten werden extra fürs Foto von A nach B transportiert. Insta-Story: Elvira Valieva, «elvriatyt»
Was keiner auf dem Insta-Post sieht: Die Open-Air-Betten werden extra fürs Foto von A nach B transportiert. Insta-Story: Elvira Valieva, «elvriatyt»

Es spielt jedoch keine Rolle, wer von den kreativen Köpfen als Erstes die Idee mit dem Bett im Freien hatte. Selbst die Bilder von Betten im Netz, die mittels 3D-Rendering entstehen, sind aufwendig in der Gestaltung. Die Arbeit hinter all diesen Inszenierungen verdient Applaus, statt einem Account, der sich lustig macht. Ein Bett samt Kissen und Decke ins Kornfeld zu schleifen, macht schliesslich niemand einfach mal so.

Die Sehnsucht nach dem Freiheitsgefühl

Seit Beginn der Corona-Pandemie träumen viele von abgelegenen Orten. Das Reisen ist nach wie vor eingeschränkt. Deswegen sind die Sujets von Sehnsuchtsorten und Open-Air-Betten, die zum Teil auch imaginär sind, so beliebt. Fernab von jeglicher Zivilisation muss niemand Angst davor haben, die Social-Distancing-Regeln nicht einhalten zu können. Nur die Wenigsten machen sich jedoch auf die Suche nach verträumten Landschaften und verlagern ihr Bett dorthin. Wahrscheinlich machen das auch die Blogger*innen nicht. Vielmehr lassen sie uns teilhaben an dieser Sehnsucht nach etwas Freiheit, dem Bett im Kornfeld von Jürgen Drews, weit weg von jeglichem Alltagssorgen.

Betten sind auch als Motiv für 3D-Rendering hoch im Kurs. Insta-Post: Yomagick, «yomagick»
Betten sind auch als Motiv für 3D-Rendering hoch im Kurs. Insta-Post: Yomagick, «yomagick»

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Pia Seidel
Pia Seidel
Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein


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