Docs: Die Punks unter den Kultschuhen
HintergrundMode

Docs: Die Punks unter den Kultschuhen

Vanessa Kim
Zürich, am 06.12.2021

Dr. Martens gehen mit der Zeit: In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Gesundheitsstiefel zu einem Modeklassiker gemausert, obwohl das Unternehmen kurz vor dem Aus stand.

«Docs» sind Musik in unseren Ohren. Es gibt keinen anderen Schuh, der so stark in der Musikszene verankert ist. Von Madonna über Machine Gun Kelly, Green Day und Miley Cyrus bis zu The Who – die Boots sind in allen Genres vertreten. Kaum zu glauben, dass dahinter ein Arzt steckt, der vor 76 Jahren einen komfortablen Gesundheitsstiefel entwickeln wollte.

Das Geschäft mit der Luft

Augen zu und durch: Aus Mangel an Alternativen trägt der Arzt Klaus Märtens während des Zweiten Weltkriegs unbequeme Arbeitsstiefel mit harten Ledersohlen. Das stundenlange Stehen ist eine Qual. Als er sich dann auch noch den Fuss bricht, entsteht aus der Not eine Tugend – in Märtens Fall: eine Idee. Er entwickelt eine mit Luftkammern gefüllte Kunststoffsohle. Sie soll die Füsse entlasten, indem sie die Schritte beim Gehen abfedert.

Den ersten Prototyp bastelt er 1945 aus einer ausgedienten Schusterleiste und zeigt ihn seinem Kollegen und Maschinenbauingenieur Herbert Funk. Zusammen stellen sie fortan robuste, aber bequeme Sicherheitsstiefel aus ausgedienten Militärgütern her. Das Geschäft boomt.

Docs-Merkmal Nummer eins: die luftgepolsterte Sohle. Bild: Cineberg/Shutterstock
Docs-Merkmal Nummer eins: die luftgepolsterte Sohle. Bild: Cineberg/Shutterstock

Die britische Familie Griggs wird 1959 durch ein Inserat auf die Spezialsohle aufmerksam. Die Traditionsmarke ist in ihrem Heimatland für die Herstellung von langlebigen Arbeitsstiefeln bekannt. Sie sieht Potenzial in der luftgepolsterten Sohle und will damit in der hart umkämpften Schuhbranche aus der Masse rausstechen. 1959 erwirbt sie von Märtens und Funk eine Exklusiv-Lizenz.

Neben der Namensanpassung – aus Dr. Märtens (deutsch) wird Dr. Martens (englisch) – frisiert die Familie auch das Design der Stiefel. Zur gewölbten Zehenkappe kommt eine gelbe Steppnaht hinzu, sowie acht Ösen zum Schnüren der Schuhe. Am 1. April 1960 geht das Modell «1460» in Produktion und verkauft sich am Laufmeter. Die Arbeiterklasse reisst sich um den funktionalen und bequemen Sicherheitsstiefel.

Docs-Merkmal Nummer zwei: die gelbe Naht. Bild: Cineberg/Shutterstock
Docs-Merkmal Nummer zwei: die gelbe Naht. Bild: Cineberg/Shutterstock

Docs rocken die Clubs

Schliesslich entdeckt auch die Jugendszene die Stiefel für sich. Docs werden zum Sinnbild der Arbeiterklasse. Auch die Brit-Rockband The Who trägt zu deren Erfolg bei. Gitarrist Pete Townshend trägt die Boots während eines Auftritts auf der Konzertbühne. Die Schuhe werden über Nacht so berühmt wie Petes typischer Scherenschlag. Etwas mehr als ein Jahrzehnt später wird er die Docs in seinem Song «Uniforms» (1982) verewigen.

Dank Pete pogen und prügeln sich Punks und Skins in Underground-Clubs und dreckigen Hinterhöfen. Der bürgerlichen Gesellschaft werden die Docs zum Inbegriff von Verrohung und Gewalt. Statt ihrem Ruf zu schaden, macht es die steifen Stiefel erst recht cool und zum Anti-Establishment-Symbol. Ihren Höhepunkt erreichen die Boots in den Neunzigern in der Grunge-Szene. Zerrissene Jeans, Flanellhemden und Docs dominierten die Konzertsäle.

Danach folgt der Fall. Punk is dead, Grunge mit Kurt Cobain gestorben und in Underground-Clubs heisst es statt pogen mit Docs nur noch raven mit Buffalos. 2003 werden englische Fabriken geschossen und die Produktion nach Asien verlegt.

Docs-Merkmal Nummer drei: die gewölbte Kappe. Bild: Cineberg/Shutterstock
Docs-Merkmal Nummer drei: die gewölbte Kappe. Bild: Cineberg/Shutterstock

Von der Konzertbühne auf die Strasse

Dieser Entscheid rettet Dr. Martens vor dem Bankrott. Das britische Schuhlabel erholt sich zunächst wirtschaftlich. Das Comeback als cooler Jugend-Brand gelingt Dr. Martens nicht zuletzt, weil sie von Promis wie Avril Lavigne, Travis Barker oder Orlando Bloom gefeiert werden. Die Sängerin Miley Cyrus rekelt sich in ihrem Musikvideo zu «Wrecking Ball» sogar nackt auf einer Abrissbirne und trägt dabei nichts ausser weinrote Dr. Martens. Und seit Modehäuser wie Bottega Veneta oder Prada ihre Models in Combat Boots auf den Laufsteg schicken, sind Docs wieder dick im Geschäft.

Statt Underground und Punk heisst es jetzt einfach Mainstream und Pop. Nicht, dass sie jemals weg waren, aber sie sind in Vergessenheit geraten. Neben Celebrities und Influencer:innen latschen heute auch Herr und Frau Schweizer in Docs durch die Zürcher Bahnhofstrasse. So vielfältig und bunt wie die Träger:innen sind inzwischen auch die unzähligen Ausführungen des Stiefels – es gibt sie auch aus veganem Leder. In Zeiten von Nachhaltigkeit und Gender-Diskursen ist der langlebige und geschlechtsneutrale Stiefel das zeitlose Mass aller Dinge. Damit hat Doktor Märtens vor 76 Jahren bestimmt nicht gerechnet. Welches des Arztes Lieblingsmusik-Genre war, ist nicht überliefert.

Auftaktbild: Cineberg/Shutterstock

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Wenn ich mal nicht als Open-Water-Diver unter Wasser bin, dann tauche ich in die Welt der Fashion ein. Auf den Strassen von Paris, Mailand und New York halte ich nach den neuesten Trends Ausschau und zeige dir, wie du sie fernab vom Modezirkus alltagstauglich umsetzt. 


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