Hintergrund

Diese Gartenschere ist eine Legende

Darina Schweizer
13.4.2026
Bilder: Christian Walker

Sie ist fast so legendär wie das Schweizer Sackmesser: die Felco-Gartenschere. Unzählige Gartenfreunde – auch die Obamas – benutzen sie. Und einige Fans tätowieren sich das Werkzeug sogar. Ich habe die Firma besucht.

Felco-Gartenscheren sind typisch Schweiz. Zyniker könnten behaupten, sie seien genauso teuer. Oder pedantisch, ja geradezu «bünzlig». Doch wer genau hinschaut, merkt: Dieses Vorurteil gehört gründlich zurechtgestutzt.

Ich habe es getan. In Les Geneveys‑sur‑Coffrane im Kanton Neuenburg bin ich der Frage nachgegangen, was Felco mit der Schweiz gemeinsam hat. Und warum ihre Gartenscheren bei uns im Shop Verkaufsschlager sind.

Präzision

Ich sitze im Zug ins Welschland. Als ich Biel passiere, wird mir bewusst: Die Firma hat ihren Sitz nicht irgendwo. Sie hat ihn im Tal der Schweizer Uhrmacherkunst. Dem Tal der Präzision. Zufall oder Absicht?

Das frage ich CEO Nabil Francis und Sales Manager François Davin eine Stunde später. «Zufall. Aber ein glücklicher», sagt Francis lachend. Der CEO erklärt, der Firmengründer Felix Flisch – der Grossvater seiner Ehefrau – sei für eine Lehre zum Feinmechaniker aus Graubünden hierher gekommen.

«Während der Arbeit kam er auf die Idee, eine Gartenschere mit austauschbaren Teilen anzufertigen. Doch sein Chef glaubte nicht daran.»
CEO Nabil Francis erzählt begeistert von Felcos Anfängen.
CEO Nabil Francis erzählt begeistert von Felcos Anfängen.

Also gründete er 1945 die Felco. In der Region Neuenburg fand er viele qualifizierte Arbeitskräfte – solche, die Fertigungstechniken aus der Uhrenindustrie mitbrachten. Präzision, wie man sie hier kennt. Nur eben im Grossformat.

Das will ich mir genau ansehen.

Hinter dem Empfangsgebäude (schwarz) liegt unser Ziel: die Produktionshalle.
Hinter dem Empfangsgebäude (schwarz) liegt unser Ziel: die Produktionshalle.

Als wir die Produktionshalle betreten, schlägt uns ein metallischer Geruch entgegen. Davin nimmt zwei Scherengriffe aus einer Kiste. Sie bestehen zu 70 Prozent aus recyceltem Luftfahrt-Aluminium. «Es ist besonders leicht und hochwertig. Deshalb geben wir darauf eine lebenslange Garantie», sagt er.

Leicht dank Luftfahrt-Aluminium: die Scherengriffe.
Leicht dank Luftfahrt-Aluminium: die Scherengriffe.

Die Klingen, die wir ein paar Schritte weiter anschauen, bestehen aus zu 95 Prozent recyceltem Kohlenstoffstahl. «Er ist besonders langlebig», sagt Francis. Ich werde hellhörig. In den Galaxus-Bewertungen habe ich von einer rostigen Klinge gelesen. Ich konfrontiere den CEO damit.

«Wir verwenden keinen rostfreien Stahl. Unser Kohlenstoffstahl ist härter und lässt sich besser schleifen. Wenn man die Schere sorgfältig aufbewahrt und pflegt, rostet sie nicht.»
Wer rastet, der rostet: Die Schere sollte nicht draussen liegen gelassen werden, sondern gehört ins Gartenhäuschen oder den Keller.
Wer rastet, der rostet: Die Schere sollte nicht draussen liegen gelassen werden, sondern gehört ins Gartenhäuschen oder den Keller.

Es klickt und klackt. Wir nähern uns den Stiften, welche die Klingen fixieren. Maschinen setzen sie mit einer Genauigkeit von einem Hundertstelmillimeter ein – etwa einem Zehntel eines menschlichen Haares. Nur so rastet die Klinge perfekt ein und sorgt für einen präzisen Schnitt. Das ist wichtig. Wenn die Schere den Pflanzenstiel quetschen würde, könnten Keime eindringen.

Beim perfekten Schnitt helfen auch verschiedene Scherengrössen. Auf einer Halterung sehen wir Modelle für grosse, mittlere und kleine Hände sowie für Rechts- und Linkshänderinnnen aufgereiht. Davin erklärt:

«Bei Gartenscheren gilt nicht: Je grösser, desto besser. Sondern: Je passender sie in der Hand liegt, desto weniger Kraft muss ich aufwenden.»
Damit die Scheren bequem in der Hand liegen, helfen neben der passenden Grösse auch Lederriemen.
Damit die Scheren bequem in der Hand liegen, helfen neben der passenden Grösse auch Lederriemen.

Beständigkeit

Wir schauen einer der 300 Mitarbeitenden über die Schulter. Geschickt setzt sie die Einzelteile einer Gartenschere zusammen. Felco lässt noch alle der jährlich über eine Million produzierten Werkzeuge von Hand zusammenbauen. Damit ist sie eine der letzten Schweizer Firmen für Gartenwerkzeuge, die das im Inland tut – und auch alle Einzelteile austauschen und reparieren kann.

Jede Felco-Schere ist Handarbeit: Eine Mitarbeiterin setzt die Einzelteile zusammen.
Jede Felco-Schere ist Handarbeit: Eine Mitarbeiterin setzt die Einzelteile zusammen.

Viele Felco-Scheren überdauern so Generationen und selbst jahrzehntelange Froststarren. «Eine Schere eines Walliser Hirten hatte ein halbes Jahrhundert unter einer Lawine gelegen», erzählt Davin beim Durchqueren der Produktionshalle. «Wir konnten sie nach 50 Jahren noch reparieren und ihm zurückgeben».

Dennoch hat die hohe Qualität auch ihren Preis. Durchschnittlich kostet eine Felco-Gartenschere auf Galaxus etwa 50 Franken – die teuersten Astscheren bis 300. Francis findet, man müsse das im richtigen Kontext sehen: Wenn man die lange Lebenszeit betrachte, seien die Scheren fast schon günstig.

«Ich sage gerne: Ich bin nicht reich genug, um billige Werkzeuge zu kaufen.»

Innovation

Beständigkeit ist gut, aber was ist mit Innovation? Wir gehen an den modernsten Werkzeugen vorbei: elektrische Gartenscheren für Profis. Ein kleiner Elektromotor öffnet und schliesst die Klinge. Einige Modelle können so Äste mit bis zu 4,5 Zentimeter Dicke durchschneiden. «Für Leute mit weniger Griffkraft ist das eine Erleichterung», sagt Davin. Die neuesten Scheren laufen auch kabellos per Akku. Kommt eine Hand dazwischen, stoppt der Motor automatisch.

François Davin erzählt, welche Vorteile elektrische Gartenscheren haben.
François Davin erzählt, welche Vorteile elektrische Gartenscheren haben.

Nebenan beobachten wir, wie geschäftige Roboter hin und her wirbeln. Einer bohrt gerade Löcher in die Griffe. Früher brauchte es sechs bis sieben Menschen dafür – heute sind die Personen in der Montage tätig. Davin erklärt, dass Felco die meisten Mitarbeitenden trotz Digitalisierung behalten konnte. «Die Handarbeit bleibt wichtig. Es wird immer um ein Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine gehen.» Unter diesem Motto prüft die Firma auch, inwiefern Künstliche Intelligenz in der Produktion helfen könnte.

Vorbildfunktion

Als wir die Produktionshalle verlassen, diskutieren wir über weitere Entwicklungen und kommen auf Felcos Konkurrenz zu sprechen. Die ist gross – und dreist. Francis sagt:

«Wir sind die weltweit am häufigsten kopierte Marke für Gartenscheren.»

Die meisten Fälschungen kommen aus Asien und werden online verkauft. Francis und Davin nehmen mich mit ins kleine Museum nebenan. Wir gehen an ausgestellten, alten Werkzeugen vorbei, wie auf einem Zeitstrahl durch Felcos Geschichte.

Die ersten Felco-Gartenscheren sahen noch einiges puristischer aus.
Die ersten Felco-Gartenscheren sahen noch einiges puristischer aus.

Vor zwei Gartenscheren bleiben wir stehen. «Erkennen Sie, welche das Original ist?», fragt Davin mich. Ich kneife die Augen zusammen und schüttle den Kopf.

«Für Laien sind Fälschungen schwer erkennbar. Meist merken sie es erst, wenn die Scheren nicht mehr schneiden.»

Wer genau hinschaut, kann jedoch erkennen: Fälschungen haben lockere Verschlüsse und Schrauben statt Stifte. Ausserdem sind sie ungenauer verarbeitet, das Logo ist zum Beispiel nicht scharf definiert und Verschlüsse ragen über die Griffe. Das schadet Felcos Image. Um Fälschungen aus dem Verkehr zu ziehen, hat die Firma eine Vollzeitstelle geschaffen und arbeitet mit Anwälten zusammen. Auf ihrer Webseite gibt es ausserdem Hinweise auf gefälschte Felco-Scheren.

Bescheidenheit

Wir verlassen das Museum und treten nach draussen. Es ist strahlend schön. Mein Blick fällt auf ein Dach der Felco, das mit Sonnenkollektoren bedeckt ist. «Wir nutzen zu 100 Prozent grüne Energie. Für die Herstellung einer Gartenschere brauchen wir nur 2,3 Liter Wasser und recyceln unseren gesamten Metallabfall», sagt Francis. Ebenso stolz ist die Felco darauf, 25 Menschen mit Beeinträchtigung in der Verpackung zu beschäftigen.

Die Schere ist aus einem Aluminiumstück ausgestanzt. Das Überbleibsel wird recycelt.
Die Schere ist aus einem Aluminiumstück ausgestanzt. Das Überbleibsel wird recycelt.

Ich staune. Davon habe ich noch nicht gehört. «Ja, im Marketing sind wir nicht die besten», gibt Davin lachend zu. «Womit würden Sie denn werben, wenn Sie es wären?», frage ich. Davin sagt:

«Ich könnte zum Beispiel erwähnen, dass sich einige Kunden Felco-Scheren tätowieren. Oder dass auch Michelle Obama unsere Gartenscheren nutzt.»
Manche Felco-Fans verewigen die Gartenschere sogar auf der Haut.
Manche Felco-Fans verewigen die Gartenschere sogar auf der Haut.
Quelle: felco_official/Instagram

Wir kehren zum Startpunkt unseres Rundgangs zurück. Vor einem Pflanzenbeet geht Davin in die Knie und nimmt einen Zweig in die Hand. Ist das eine Rose? «Eine Felco-Rose», präzisiert der Sales Manager. Acht Jahre hat die Firma gezüchtet – und passend dazu einen Schnitthalter für Rosen herausgebracht. Er hält den Stiel fest, damit die Dornen nicht in die Hände stechen.

Ich verabschiede mich von den beiden Männern. Noch ein letztes Mal schaue ich mir die Felco-Rose an. Sie ist innen weiss und aussen rot. Wie das Firmen-Logo. Und wie die Schweizerflagge.

Typisch Felco, typisch Schweiz: die Felco-Rose in Rot-Weiss.
Typisch Felco, typisch Schweiz: die Felco-Rose in Rot-Weiss.
Quelle: Felco

Welche Gartenschere benutzt du? Verrate es in einem Kommentar. Oder schicke mir gleich ein Foto deines Felco-Werkzeugs in Aktion an darina.schweizer@digitecgalaxus.ch

2 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Ich liebe alles, was vier Beine oder Wurzeln hat – besonders meine Tierheimkatzen Jasper und Joy sowie meine Sukkulenten-Sammlung. Am liebsten pirsche ich auf Reportagen mit Polizeihunden und Katzencoiffeurinnen umher oder lasse in Gartenbrockis und Japangärten einfühlsame Geschichten gedeihen. 


Garten
Folge Themen und erhalte Updates zu deinen Interessen

Pflanzen
Folge Themen und erhalte Updates zu deinen Interessen

Hintergrund

Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

Alle anzeigen

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

  • Hintergrund

    Duschbrause made in Switzerland: Wie viel Heimat steckt wirklich drin?

    von Stefanie Lechthaler

  • Hintergrund

    In diesem Hotel nippen Katzen Pawsecco

    von Darina Schweizer

  • Hintergrund

    Zitronengemälde und Kartoffelspiralen: Ich war an der Kreativmesse

    von Stefanie Lechthaler

Kommentare

Avatar