Das ist kein Luftbefeuchter, sondern die neue Always Home Cam von Ring. Bildquelle: Golem
Das ist kein Luftbefeuchter, sondern die neue Always Home Cam von Ring. Bildquelle: Golem

Die Überwachungsdrohne für daheim: Was kann da schon passieren?

Raphael Knecht
Zürich, am 12.10.2020
Amazons neuester Smarthome-Wurf erhitzt die Gemüter. Die Ring Always Home Cam ist eine filmende Überwachungsdrohne für dein Zuhause – zur eigenen Sicherheit. Wer das glaubt, ist selber schuld.

Ich bin Smarthome-Fan. Und ich liebe Gadgets. Zudem gebe ich relativ wenig auf meine Privatsphäre. Ich besitze zwar Vorhänge, aber primär als Deko-Objekt und nicht als Sichtschutz. Wenn's nicht um meine Passwörter, Kredit- und Bankkarten-Daten oder Zugriffscodes geht, habe ich nicht viel zu verbergen. Keine Leichen im Keller, einen lupenreinen Betreibungsregisterauszug und vorbildliche Zeugnisse. Ich hätte schon fast das Zeug zum nächsten amerikanischen Präsidenten.

Daher stört es mich auch nicht, wenn mein Google Assistant in der Küche zuhört, wenn ich nach einem schwierigen Arbeitstag über den Chef lästere. Ich bin ein offener Mensch und habe keine Geheimnisse. Doch was Amazon mit der Ring Always Home Cam bietet, haut selbst mir den Nuggi raus.

Ein filmendes UFO

Ring, ein auf Smarthome-Geräte spezialisiertes US-Unternehmen, das Amazon gehört, glaubt, mit ihrem neuesten Gadget den nächsten Schritt in Sachen Heimüberwachung zu machen. Eine 250 Dollar teure autonome Drohne, die mit allen Ring-Produkten interagiert und sich so in jedes bestehende Ring-Netzwerk einfügt. Hergestellt, um die Sicherheit in Innenräumen aufs nächste Level zu heben. Vorbestellen kannst du das Teil noch nicht – zum Wohle der Menschheit, wie ich meine.

Vom technologisch Aspekt her kann sich das Ganze durchaus sehen lassen. Aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit glaube ich zu wissen, dass du bestimmt kein solches Exemplar zuhause haben willst. Dieser Meinung ist übrigens auch die Mehrheit der Smarthome-Community in den sozialen Medien.

Mit der Ladestation erinnert mich die Drohne an einen Duftdiffusor. Bildquelle: WinFuture
Mit der Ladestation erinnert mich die Drohne an einen Duftdiffusor. Bildquelle: WinFuture

Folgendes Szenario: Ein Dieb bricht am helllichten Tag in eine Wohnung ein, indem er ein offensichtlich nicht abgeschlossenes Fenster spielend leicht öffnet. Das registriert der Ring-Fenstersensor, leitet die Meldung an die Basis weiter, die die Always-Home-Cam-Drohne startet. Wie ein Mini-Helikopter auf Speed schiesst das Ding aus dem Hangar und fliegt auf den Einbrecher zu. Gleichzeitig erhält der Wohnungsbesitzer eine Meldung auf seinem Handy und kann beim Einbruch live dabei sein. Sofort ergreift der Kriminelle die Flucht und Ring hat der Polizei Arbeit abgenommen.

Das ist die Theorie des Herstellers. Zurück in der Realität, frage ich mich, was ich da gerade eben gesehen habe. Wieso der Fake-Einbrecher im völlig überzeichneten Werbevideo derart grosse Angst vor dem fliegenden Etwas hat, ist mir ein Rätsel. Was ist an diesem Ding so schreckenerregend anders als an einer herkömmlichen Überwachungskamera, die dich auf frischer Tat ertappt?

Schon nett, aber...

So weit, so schlecht. Da es sich um ein Promotionsvideo handelt, drücke ich bis hierhin ausnahmsweise beide Augen zu. Könnte ich dank Ring dann auch, denn die Always Home Cam wird ja neu mein wachsames Augenpaar. Detaillierte Specs zur Drohne haben Amazon beziehungsweise Ring noch nicht veröffentlicht. Das Design lässt aber darauf schliessen, dass das Gerät einen Lidar nutzt, um die Wohnung zu kartographieren. Der Lidar ist eine dem Radar ähnliche Vermessungsmethode. Anstelle von Radiowellen wird dabei jedoch mit Laserstrahlen gearbeitet. Ausserdem ist auf den Bildern eine nach vorne gerichtete Kamera zu erkennen, die Bilder aufs Smartphone streamt. Foto- und Videoaufnahmen sind vermutlich auch möglich. Wie gesagt, ein cooles Teil ist die Always Home Cam allemal.

Irgendwie fancy, eine filmende Überwachungsdrohne inklusive Handy-Steuerung. Bildquelle: Total Daily
Irgendwie fancy, eine filmende Überwachungsdrohne inklusive Handy-Steuerung. Bildquelle: Total Daily

Laut Ring erstellst du vor dem ersten Flug eine Karte deiner Wohnung, inklusive Bereiche, die die Drohne nicht befliegen darf. Beispielsweise das Klo. Oder die Schatzkammer. Der Nutzer kann gemäss dem Hersteller die Drohne nicht frei pilotieren, sondern sie nur zu spezifischen Wegpunkten des Wohnungsgrundrisses führen. Dies soll Crashes reduzieren und vor Missbrauch in Form von Eindringen in fremden Luftraum schützen.

Eine kurze Batterielaufzeit dürfte dann dein geringstes Problem sein, wenn du nicht in einem Schloss wohnst und die Ladestation stets in Reichweite ist. Klar klingt das alles sehr vielversprechend und spannend. Es ist auch ein an sich realistisches Produkt und kann statische Überwachungskameras, wie sie bereits in vielen Haushalten verwendet werden, ersetzen. Aber zu welchem Preis?

Zurück in die Zukunft

Für die 250 Dollar kriegst du sechs bis acht sehr gute, problemlos funktionierende und einfach zu installierende Netzwerkkameras. Vorausgesetzt, du hast derart viele Räume oder Winkel, die du abgedeckt haben möchtest. In meinem Fall wären es höchstens das Wohnzimmer mit der TV-, Konsolen- und Sonos-Ecke, das Büro mit meinem PC und die Einbauschränke mit den Schuhen und Taschen meiner Freundin. Ich bräuchte also maximal drei bis vier Geräte, um all meine Wertsachen zu überwachen. Da ich zudem im zweiten Stock wohne, könnte ich auf zwei Kameras reduzieren, denn der Balkon und die Eingangstüre sind die beiden naheliegendsten Einstiegsmöglichkeiten. Daran ändert auch eine filmende Drohne nichts. Zudem sind statische Kameras sicherer. Denn was passiert, wenn der Ring-Helikopter keinen Akku mehr oder einen Ausfall hat und in meinen neuen Fernseher kracht?

All die Schritte, die dieses vermeintlich futuristische Gadget technologisch vorwärts macht, macht es, was die Sicherheit und Privatsphäre betrifft, doppelt und dreifach rückwärts. Ring proklamiert stolz, dass die Drohne absichtlich so designt wurde, dass die Privatsphäre stets im Hinterkopf der Ingenieure war. Deshalb summen beispielsweise die Motoren respektive Propeller sogar während des Fluges. What the f*%&? Logisch tun sie dies, denn das ist die Funktionsweise einer Drohne. Wenn's nicht lärmt, dann fliegt's auch nicht. Das hat absolut nichts mit dem Schutz der Privatsphäre zu tun.

Ausserdem kann die Drohne nur an einem Ort aufs Mal sein und je nach Entfernung zur Basis dauert das. Statische Kameras hingegen sind sofort einsatzbereit und informieren dich ohne Verzögerung, falls sie etwas Ungewöhnliches aufnehmen. Die Ring-Drohne muss zuerst auf den Ping des Senders warten, starten, den Weg zum Ziel finden, filmen und nach einigen Flugminuten wieder zurück zur Basis fliegen, um sich aufzuladen. Daher, liebe Damen und Herren bei Ring, erklärt mir doch bitte folgenden Sachverhalt: In welcher Utopie unterbricht ein Einbrecher seine Diebestour, bis die Drohne wieder vollgetankt und einsatzbereit ist?

Privatsphä… was?

Einen Vorteil – wenn er denn als solchen bezeichnet werden kann – hat die Drohne gegenüber statischen Kameras: Du merkst, wo und dass gefilmt wird. Wenn die Always Home Cam lautstark um dich herumschwebt, ist offensichtlich, dass du auf frischer Tat ertappt worden bist. Bei fix installierten Lösungen hingegen ist das oft schwierig bis unmöglich zu erkennen.

Hast du zuhause einen Raum, in dem du keine fixen Kamera wünschst, ihn aber im Notfall dennoch überwachen möchtest, dann wäre die fliegende Überwachungskamera eine Möglichkeit, diese Lücke zu schliessen. Beispielsweise, um dein Schlafzimmer aus der Ferne im Auge behalten und im Ernstfall vom streunenden Kater befreien zu können. Solange du nicht vergisst, die Türe offen zu lassen. Nicht für die Katze, sondern für die Drohne. Denn Türfallen betätigen kann die Ring Always Home Cam (noch) nicht – zum Glück.

An die Hochzeit, an der dieser Strauss geworfen wird, möchte ich nicht eingeladen sein. Bildquelle: ComputerBase
An die Hochzeit, an der dieser Strauss geworfen wird, möchte ich nicht eingeladen sein. Bildquelle: ComputerBase

Diese eine Chance, die sich mit der Überwachungsdrohne bietet, ist auch gleichzeitig ein grosses Risiko und zusätzlicher Zündstoff für häusliche Gewalt. Denn bei statischen Kameras weiss der Partner, Nachwuchs oder Mitbewohner, was überwacht wird und wo es tote Winkel und somit etwas Privatsphäre gibt. Diese Rückzugsorte gehen mit der Ring Always Home Cam flöten. Denn selbst wenn die Drohne zu hören und sehen ist, engt sie die überwachte Person massiv ein. Alles, was bleibt, ist das Verstecken in einem Raum, indem die Türe geschlossen wird. Oder du schnappst dir das Ding und wirfst es aus dem Fenster. Mit Amazons neuestem Gadget kann mit dem Smartphone die Partnerin zuhause überwacht, das Kind zu Aufgaben geknechtet und der Mitbewohner beim Date gestalkt werden. Sie hören und sehen die Drohne zwar kommen, meistens ist es dann aber schon zu spät und die Aufnahmen sind bereits in irgendeiner Cloud. Diese digitale Form von häuslicher Gewalt lässt die Alarmglocken von Datenschutzexperten und Beratungsstellen gleichermassen läuten.

Thanks, but no thanks

Hinzu kommt der – ich sag's mal leserfreundlich – eher zweifelhafte Ruf von Ring respektive Amazon bezüglich Privatsphäre und Sicherheit. Es geht nicht nur darum, die privaten Daten vor Hackern und Datensammlern zu schützen. Wie ein Artikel der Electronic Frontier Foundation vom Juli zeigt, arbeitet Ring in den USA eng mit der Polizei zusammen. Mit einem entsprechenden Beschluss kann dort die Strafverfolgungsbehörde Überwachungsmaterial direkt von Amazon konfiszieren, ohne das Einverständnis des Nutzers. Im Artikel ist zwar von der smarten Türglocke die Rede, ich sehe jedoch keinen Grund, weshalb das Ganze nicht auch für die Always Home Cam gelten sollte.

Unter dem Deckmantel des Gesetzes kann Amazon bald nicht nur deine Daten von statischen Geräten sammeln, sondern dank der filmenden Überwachungsdrohne neu auch von mobilen Gadgets, überall in deinem Zuhause. Der Online-Riese hat damit sogar die Möglichkeit, den Radius zu erweitern, aus deinem Fenster zu schauen und deine Nachbarn zu beobachten.

Amazon, wir haben ein Problem – mit der Always Home Cam. Bildquelle: KotiMikro
Amazon, wir haben ein Problem – mit der Always Home Cam. Bildquelle: KotiMikro

Amazon versucht, mit all den Daten eine digitale Kopie von dir zu erstellen. Und die gesammelten Informationen von einer filmenden Ring-Drohne sind besorgniserregend intim. Nochmal: Das Ding fliegt in deiner Wohnung herum, sieht, was du siehst und hört, was du hörst. Nach einigen Rundflügen kennt es den Grundriss deines Zuhauses, weiss, wann du auf die Toilette gehst, was deine Kinder sich im TV ansehen und wieviel dein Hund frisst. Fix installierte und mit dem Internet verbundene Kameras bedeuten bereits einen Eingriff in die Privatsphäre. Dort wählst du allerdings, was sie zu sehen bekommen. Einen Kompromiss, den viele einzugehen bereit sind. Im Austausch für Seelenfrieden und Sicherheit, die statische Überwachungskameras liefern. Die Always Home Cam bietet dank ihrer Mobilität nur unwesentlich mehr Schutz als eine fixe Lösung, dafür aber umso mehr Gefahrenpotenzial.

Ich weiss, was du letzten Sommer getan hast

Eine fancy Indoor-Überwachungsdrohne, das klingt ebenso futuristisch wie dystopisch. Mein Smarthome- und Tech-Herz macht Freudensprünge. Ich gebe gerne Teile meiner Privatsphäre preis, um meinen Alltag zu automatisieren. Egal, ob eine smarte Wetterstation, intelligente Rollläden oder clevere Lichtschalter: Sofern die Dinger mir Arbeit abnehmen, stört mich die Vernetzung untereinander und die Anbindung ans Internet nicht. Ich will aber entscheiden, wo ich sie installiere und was sie sehen und hören können.

Amazon serviert mir als kaufkräftigen Gadget-Esel mit der Ring Always Home Cam eine fette Möhre am Stock auf dem Silbertablett. Mein erster Gedanke nach der Veröffentlichung: «Das Teil muss ich haben.» Genauso reagierten wohl die meisten Freaks und Nerds auf die News. Doch bei genauerem Hinsehen und Abwägen von Pros und Cons stellen sich selbst bei mir die Nackenhaare auf. Was Amazon da geschaffen hat, ist ein hinterlistiger Datenwolf im süssen Schafspelz. Bereit, naive Tech-Schäfchen zu täuschen, zu beobachten und zu reissen.

Der Online-Händler deines Vertrauens hat dich stets im Blick.
Der Online-Händler deines Vertrauens hat dich stets im Blick.

Du glaubst mir nicht und hörst selbst die Aluhut-Fraktion über meine Ausführungen lachen? Na dann, viel Glück mit der filmenden Überwachungsdrohne. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Wenn du das nächste Mal gemütlich auf dem Balkon sitzt, in einem Reisekatalog deinen Malediven-Urlaub planst und am Morgen danach online von Reisebüro-Bannern zugepflastert wirst, wundere dich nicht. Das hat dann nichts mit mir, Kuoni-Spionen, Hotelplan-Verschwörungen oder den Globetrotter-Illuminati zu tun.

Nein, dein Nachbar hat sich eine Ring Always Home Cam gekauft. Zu seinem Schutz. Und zu deinem… ob du willst oder nicht.

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Raphael Knecht
Raphael Knecht
Senior Editor, Zürich
Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne bergige Rennrad-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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