Die Spassbremse sagt: Vater, setz dir einen Helm auf!

Die Spassbremse sagt: Vater, setz dir einen Helm auf!

Katja Fischer
Zürich, am 24.03.2022

Mein Redaktionskollege schrieb kürzlich, warum er als Vater keinen Bock auf Velohelmtragen und Vorbildsein hat. Der Aufschrei war gross. Auch ich kann seine Zeilen so nicht stehen lassen.

Eigentlich wollte ich dir die Leviten lesen, lieber Martin. Dafür, dass du im Beisein deiner Kinder nicht immer einen Velohelm trägst. Doch jetzt hast du für deinen Text schon von der Community zünftig aufs Dach bekommen. Du seist ein verantwortungsloser Vater, der nur provozieren will, deine Zeilen seien unangebracht und bescheuert. Weitere Kraftausdrücke, die in der Kommentarspalte fielen, teile ich lieber nicht noch einmal. Meine Ansicht aber gerne.

  • MeinungFamilie

    Deshalb trag ich als Papi auf der Velotour keinen Helm

Es geht um die elterliche Vorbildfunktion in deinem Meinungsartikel. Und im Grunde genommen sprichst du mir aus dem Herzen: Ich sollte meinen Kinder tagtäglich ein gutes Vorbild sein. Bin es aber oft nicht.

  • Ich fluche viel.
  • Ich schimpfe täglich mindestens einmal (zu) laut.
  • Ich flunkere meine Kinder regelmässig an.
  • Meine Screen Time ist definitiv zu hoch.
  • Manchmal schmatze ich beim Essen.
  • Oder spreche mit vollem Mund.
  • Und ab und zu liegt mein Smartphone mit auf dem Esstisch.
  • Apropos Tisch: Auf meinem Bürotisch im Homeoffice herrscht das pure Chaos.
  • Aufräumen gehört sowieso zu den Dingen, die ich gerne vor mich herschiebe.
  • Da fällt mir ein: Ich sollte längst wieder mal meinen proppenvollen Kleiderschrank ausmisten.
  • Und dringendst die Fotoalben meiner Töchter gestalten, bevor sie volljährig und ausgezogen sind.

Ich könnte die Liste lange weiterführen. Verschone dich (und mich) jedoch damit. Ich bin nicht stolz darauf. Was ich damit sagen will: In so vielen Dingen bin ich ein miserables Vorbild für meine Kinder.

Keine perfekte Mutter, (k)ein perfektes Vorbild

Aber weisst du was? Das ist okay. Und das zu sagen, musste ich erst lernen. Weil ich wie so viele Mamis lange den Anspruch hatte, nicht nur eine gute, sondern eine perfekte Mutter zu sein. Eine, die mühelos zwischen Familie, Job, Hobbys und Haushalt hin- und herjongliert und nebenbei dank täglicher Yoga-Routine auch noch ausgeglichen und entspannt ist. Guess what: Ich scheiterte kläglich.

Ganz genau, wir sind eben auch nur Menschen. Und vor allem dann Vorbild, wenn wir uns nicht immer vorbildlich verhalten – weil wir authentisch sind. Das hast du in deinem Text treffend geschrieben. Wichtig ist doch, dass die Kinder sehen, wie wir als Eltern mit Imperfektion und Fehlern umgehen.

A b e r – und da bin ich überhaupt nicht einig mit dir – es gibt Dinge, die du nicht einfach in die Authentizität-Schublade stecken kannst. Oder mit einem vermeintlichen Freiheitsgefühl als Begründung abtun. Dann nämlich, wenn es um das Thema Sicherheit unserer Kinder geht. Um Dinge wie das Helmtragen, wogegen du dich als Vater wehrst. Da hast du bei mir (und offensichtlich bei vielen anderen auch) eine rote Linie überschritten.

«Mit ‹weil ihr Kinder seid und ich nicht› kannst du argumentieren, wenn es ums Zubettgehen geht.»

Rotstift fürs Überschreiten der roten Linie

Warum sollen deine Kinder einen Velohelm tragen? Ganz einfach, weil er sie im Falle eines Unfalls schützen soll. Und warum solltest du als Vater dann keinen tragen? Eben. Mit «weil ihr Kinder seid und ich nicht» kannst du argumentieren, wenn es ums Zubettgehen geht. Oder um die Frage, warum du am späten Abend vor dem Fernseher noch Chips futterst. Aber nicht während der familiären Helm-Diskussion. Dass ein Unfall auch während einer «gemütlichen Velotour», wie du es nennst, passieren kann, brauche ich nicht zu erwähnen. Gesetz hin oder her: Du schnallst dich im Auto ja auch immer und vorbehaltlos an, oder?

Du hast deine erzieherischen Regeln und Vorschriften in drei Kategorien mit Beispielen unterteilt, die ich nachfolgend nochmals aufführe. Und nach meinem besten Wissen und Gewissen korrigiere:

  1. Regeln, die ich auch kinderlos befolgen würde. Zum Beispiel, keinen Abfall liegen zu lassen.
  2. Bedingt sinnvolle Regeln, die ich trotzdem befolge. Zum Beispiel bei einer roten Ampel stehen zu bleiben, wenn Kinder dabei sind. Auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist.
  3. Regeln, die einleuchten, die ich aber trotzdem nicht befolge. Regeln, über die es nichts zu diskutieren gibt, weil es um die Sicherheit und Gesundheit geht. Zum Beispiel, im Beisein der Kinder einen Helm zu tragen.

Du merkst, ich mutiere hier zur bevormundenden Ordnungshüterin. Lassen wir das, die Galaxus-Community hat dich schon gehörig zurechtgewiesen. Und du schreibst ja: Wenn du mit dem Rennvelo oder für längere Strecken unterwegs bist, trägst du paradoxerweise einen Kopfschutz. Und: «Rationale Gründe, keinen Helm zu tragen, gibt es in der Tat nicht.»

Spassbremsen und Holzköpfe

Die Frage, die du aufwirfst – ob das Nicht-Helmtragen vielleicht ein kleiner spätpubertärer Akt gegen die Verbots-, Regulierungs- und Sicherheitsgesellschaft deinerseits ist –, beantworte ich dir aber gerne: Ja! Ist es.

Das Phänomen beobachte ich indes auch an meinem Mann. Er wehrt sich ebenfalls gerne mal gegen Vorschriften, um sich ein Stück kindliche Rebellion zu bewahren. Ob das mit dem Geschlecht zu tun hat, lasse ich mal offen. In vielen Dingen ist sein Verhalten ja auch legitim. Aber nicht auf der Strasse oder auf der Skipiste. Punkt.

Da werde ich buchstäblich zur Spassbremse.

Ja, wir haben alle Ecken und Kanten. Und ein bisschen «Living on the Edge» täte vielen Eltern sogar gut. Aber eben nicht im Strassenverkehr. Sonst «bleibt nur zu hoffen, dass ich beim Velofahren ohne Helm keine Bekanntschaft mit Ecken und Kanten mache», schreibst du. Holzkopf anfassen.

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Anna-und Elsa-Mami, Apéro-Expertin, Gruppenfitness-Enthusiastin, Möchtegern-Ballerina und Gossip-Liebhaberin. Oft Hochleistungs-Multitaskerin und Alleshaben-Wollerin, manchmal Schoggi-Chefin und Sofa-Heldin.


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