Pia Seidel
Hintergrund

Die Schweiz recycelt brav – dieser Designer recycelt schön

Pia Seidel
24.3.2026
Bilder: Pia Seidel

Vielerorts in der Schweiz bündeln wir das Papier brav zu einem Stapel, um es zu entsorgen. Kevin Dizami macht daraus Kunst und erinnert uns daran, dass Schönheit oft genau dort lauert, wo wir sie am wenigsten erwarten.

Kennst du das Ritual? Jede Woche landet ein neuer Stapel Werbung, Gratiszeitungen und Flyer im Briefkasten. Du blätterst die Seiten kurz durch, seufzt, legst alles weg. Irgendwann werden die Blätter gebündelt, vor die Türe gestellt oder zur Sammelstelle getragen – und vergessen. Kevin Dizami hat dieses Ritual hinterfragt.

Der Schweizer Industriedesigner mit hispanisch-kongolesischen Wurzeln hat sein Studio in Zürich, wird von Basalto Collective und der Nov Galerie vertreten – und verarbeitet genau diesen Papierhaufen zu skulpturalen Beistelltischen. Jedes Blatt wird gestapelt, mit Porzellan beschichtet und gebrannt. Das Papier selbst verschwindet im Feuer, hinterlässt aber seinen Abdruck: verewigt in der Zeit, fast unverkennbar in seiner Herkunft.

Diese Werke verewigen das verstörende Nebeneinander zwischen der Flut unerwünschter Botschaften und der Gleichgültigkeit, mit der wir ihnen begegnen.
Kevin Dizami
Der Industriedesigner nimmt mit, was andere stehen lassen.
Der Industriedesigner nimmt mit, was andere stehen lassen.

Die Idee für den «A4—Side Table» kam ihm in Biel. Als er dorthin zog, bemerkte er zum ersten Mal die akkurat gestapelten Papierbündel auf den Trottoirs und war verblüfft. «Ich hatte das noch nie gesehen. Ich bin in Lausanne aufgewachsen. Vielleicht hatte ich einfach nie darauf geachtet.» Was ihn faszinierte: dass Menschen sich die Zeit nehmen, Abfall so sorgfältig zu stapeln. «Es ist Abfall. Aber genau das mag ich daran.»

Sein Projekt startete er allerdings nicht ganz ohne Unbehagen. Die perfekt gestapelten Bündel einfach mitzunehmen fühlte sich seltsam an. «Die Leute haben mich angeschaut: Was machst du da mit dem ganzen Papier?» Überraschend war dann, was er darin fand: Rechnungen, Mahnungen, vielleicht Lohnabrechnungen. Er hatte erwartet, dass solche Dokumente geschreddert werden – doch weit gefehlt. «Da ist alles drin», sagt er und lacht. Umso behutsamer ging er mit jedem einzelnen Blatt um.

Was folgte, war alles andere als einfach. Der Auftrag ist reine Handarbeit – meditativ, sagt er, aber auch nervenaufreibend. Das beschichtete Papier ist hauchdünn und entsprechend fragil: Die Temperatur muss graduell gesteigert werden, der Brand kann die ganze Nacht dauern. «Keramik brennen ist eine eigene Wissenschaft». Beim ersten Versuch explodierte trotzdem alles im Ofen. Bis zu den fertigen Stücken vergingen fast zwei Jahre.

Blatt für Blatt, …
Blatt für Blatt, …
… Mahnung für Mahnung.
… Mahnung für Mahnung.
Was im Feuer blieb, steht jetzt hier.
Was im Feuer blieb, steht jetzt hier.

Seine Haltung dahinter kommt aus einer Überzeugung, die sein gesamtes Schaffen prägt – und die er teilweise in seiner kongolesischen Herkunft verankert. Im Kongo kennt man den sogenannten Artikel 15, einen fiktiven, aber allseits bekannten Paragraphen, der so viel bedeutet wie: Mach mit dem, was du hast. Der kongolesische Musiker Pépé Kallé verewigte ihn in den 1980er-Jahren in seinem gleichnamigen Song – seither ist er Lebensphilosophie. Räder werden zu Möbeln, Stoffe zu Kostümen, Schrott zum Werkstoff. «Sie sehen das, was wir als Abfall betrachten als Ressource. Und genau das will ich in mein Design einfliessen lassen.»

Ich nehme etwas Bestehendes und gebe ihm eine andere Funktion. Ich erfinde nichts neu. Ich fange vielleicht bei zehn oder zwanzig an, statt bei null.
Kevin Dizami
Aus dem Altpapier ins Wohnzimmer: A4—Side Table.
Aus dem Altpapier ins Wohnzimmer: A4—Side Table.

Was Dizamis Arbeit so wirkungsvoll macht, ist nicht der erhobene Zeigefinger. Es gibt keine Nachhaltigkeitspredigt. Stattdessen stellt er etwas so Schönes hin, dass du unweigerlich innehalten musst – und dich fragst, warum du es nie aus seiner Perspektive gesehen hast.

Vielleicht sind wir alle ein bisschen faul. Ich auch. Aber die Ästhetik, die ich verfolge, ist: Ich nehme etwas Weggeworfenes und will, dass es am Ende neu wirkt.
Kevin Dizami

Wo die verkauften Tische heute stehen, weiss er nicht. «Vielleicht ist einer davon jemandes Couchtisch. Nur siehst du bei so einer hellen Oberfläche sofort jeden Kaffeefleck», meint er und schmunzelt. Nach Abschluss der letzten Stücke brauchte er erst einmal Abstand. So viel Zeit, so viele Emotionen – irgendwann muss man loslassen. Genau wie das Papier, das er gerettet hat: Es lebt jetzt sein eigenes Leben.

Titelbild: Pia Seidel

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Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit. 


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