Die beschwerliche Reise eines Gartenstuhls zu Corona-Zeiten
Hinter den Kulissen

Die beschwerliche Reise eines Gartenstuhls zu Corona-Zeiten

Stephan Kurmann
Zürich, am 16.03.2021
Eine boomende Nachfrage gepaart mit knappen Rohstoffen, Produktionsengpässen und horrenden Frachtkosten – unsere Lieferkette wird in Pandemiezeiten gehörig auf die Probe gestellt. Davon betroffen ist auch unser Möbelsortiment. Wir begleiten einen Gartenstuhl auf seiner Reise von Vietnam in die Schweiz – Stolpersteine inklusive.

Die Schneeglöckchen spriessen, die Vögel zwitschern – der Frühling steht vor der Tür. Und viele von uns fragen sich, ob der Schranz im Liegestuhl bald nachgibt oder ob die Gartenstühle nur noch shabby und ganz und gar nicht mehr chic sind.

Mangels Balkon oder Garten brauche ich (leider) keine Gartenmöbel. Trotzdem interessiert es mich, wie die Reise eines solchen aussieht, bis es bei dir auf dem Balkon steht. Du weisst schon: Galileo-Style. Angefangen bei der Produktion über die Verschiffung bis hin zur Ankunft in unserem Lager und dem anschliessenden Versand an deine Adresse. Ich nehme also die Lieferkette (neudeutsch: Supply Chain) genauer unter die Lupe. Dabei zeige ich dir, wo es in Corona-Zeiten am meisten harzt.

Zusammen begleiten wir nun den Gartenstuhl «Davao», einen stylischen Vierbeiner aus unserer Giardimo-Familie – so heisst unsere Gartenmöbel-Eigenmarke. Er und seine sechs Geschwister – von der Gartenlounge bis zum Liegestuhl – eignen sich als Beispiele, da die Davao-Linie in Vietnam produziert wird. Und bevor der Shitstorm in der Kommentarspalte ausbricht: Mehr zum Thema Möbelproduktion in Asien erfährst du am Ende des Artikels.

Pain Point Produktion

Bei der Produktion drückt der Schuh in Pandemiezeiten besonders: Viele Hersteller sind ob der explosionsartig gestiegenen Nachfrage überfordert und kommen mit der Produktion nicht hinterher. Zudem hapert es oft bei den Zulieferern von Rohstoffen und Halbfabrikaten, die ebenfalls an ihre Grenzen stossen. Lieferengpässe sind programmiert und die ganze Kette kommt ins Stocken. «Glücklicherweise haben wir die Bestellungen für diese Saison frühzeitig in die Wege geleitet. Unsere Lieferanten haben uns die bestellte Ware zugesichert», sagt David Widmer, Senior Buyer bei Galaxus, und fügt an: «Kleinere Lieferverzögerungen können wir aber nie ausschliessen.»

Heiss begehrt und sauteuer: Fracht-Container

Einmal produziert, machen sich Gartenstuhl & Co auf die Reise in die Schweiz. Unser Weltenbummler Davao wird in der Nähe von Ho Chi Minh City hergestellt, dort in einen Container gepackt und aufs Frachtschiff verladen. Interessantes Detail für alle Freizeit-Juristen: Sobald sich die Ware in den Containern an Bord des Frachters befindet, gehört sie uns. Für den Weg von der Produktionsstätte bis zum Schiff sind unsere Lieferanten verantwortlich.

Ein grosses Problem seit Corona: Die Verschiffung ist wesentlich teurer geworden. Die beiden zentralen Fragen lauten zurzeit: Gibt es noch leere Container? Falls ja, zu welchem Preis? Die Container-Knappheit und der damit verbundene Preisanstieg machen den Händlern das Leben schwer. Dies stellt auch Widmer fest: «Diese Entwicklung ist schon krass. Wir bezahlen zurzeit fast das Dreifache für einen Container im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten.»

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Die Mehrkosten sind aber nicht das grösste Problem. Manchmal gibt es schlicht keine leeren Container an den Frachthäfen, was logischerweise zu Lieferverzögerungen führt. Die Ursache liegt in der stockenden Industrie-Produktion in Europa: Während sich die Container in Hamburg oder Athen stapeln, fehlen sie in Shanghai und Shenzhen. Bei den Gartenmöbeln muss Widmer dieses Jahr zwei bis vier Wochen länger einkalkulieren, bis die Ware bei uns im Lager ankommt.

Einmal in See gestochen, benötigt das Frachtschiff für die Suez-Route zwischen sechs bis acht Wochen – je nach Zielhafen und Anzahl Zwischenstopps. Gelöscht wird unsere Möbel-Ladung in der Regel in Genua, Antwerpen oder Rotterdam – und gelangt dann per Camion, Bahn oder auf dem Schiff den Rhein hinab in die Schweiz. Bei uns im Warenlager angelangt, wartet der Davao-Gartenstuhl auf sein neues Zuhause. Auf Galaxus bestellt, geht’s ab auf die Post und das Päckli ist bereits am nächsten Tag bei dir.

Werden Gartenmöbel teurer?

Die Frage drängt sich förmlich auf: Müssen wir diese Saison für Gartenmöbel tiefer in die Tasche greifen? Tendenziell ja. «Bei Galaxus mussten wir infolge der stark gestiegenen Einkaufspreise die Preise für Gartenmöbel um fünf bis sieben Prozent anheben», erklärt der Vollblut-Einkäufer, der seit sechs Jahren beim grössten Schweizer Onlinehändler tätig ist. Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht.

Nachwort: Möbel aus Asien – warum?

Warum lässt Galaxus Möbel in Asien produzieren? Die kurze Antwort: Uns fehlt die Infrastruktur in der Schweiz. Die lange Antwort: Als man vor circa 40 Jahren die Möbelproduktion schrittweise von Europa nach China ausgelagerte, wurde die Infrastruktur obsolet. Die Produktion von Möbeln in grosser Stückzahl ist in der Schweiz heute deshalb nicht mehr möglich.

Bei Galaxus haben wir den Status Quo allerdings kritisch hinterfragt und Alternativen geprüft. Gemäss Widmer könnten wir Möbel aus Holz in Zukunft auch in Osteuropa produzieren lassen. Die Infrastruktur ist vorhanden, gutes Hartholz für die Produktion auch. Geht es darum, andere Materialien wie Metall oder Glas zu verarbeiten, sind wir in Europa dagegen nicht parat.

Ob in Europa oder Asien – wichtig für uns ist, dass wir ausschliesslich mit zertifizierten Partnern zusammenarbeiten. So wird bei der Herstellung nur FSC-zertifiziertes Holz verwendet und der amfori BSCI-Verhaltenskodex für faire und soziale Arbeitsbedingungen wird strikt befolgt. Die Einhaltung dieser Richtlinien vor Ort wird regelmässig von Fachleuten kontrolliert.

Ist dein Garten parat für den Frühling?

Brauchst du noch Gartenmöbel oder bist du schon eingedeckt? Ist es dir wichtig, wo deine Möbel produziert werden, oder achtest du eher darauf, ob zertifizierte Materialien verwendet werden? Oder zählt für dich allein der Preis? Lass es uns in der Kommentarspalte wissen.

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Stephan Kurmann
Stephan Kurmann
Communications Manager, Zürich
Studien behaupten, wir hätten eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne als ein Goldfisch. Autsch. Mein Job ist es, deine Aufmerksamkeit so oft und so lange wie möglich zu bekommen. Mit Inhalten, die dich interessieren. Ausserhalb vom Büro verbringe ich gerne Zeit auf dem Tennisplatz, beim Lesen und Netflixen oder auf Reisen.

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