Dicota: Von der Flasche zur Tasche
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Dicota: Von der Flasche zur Tasche

Martin Jungfer
Zürich, am 23.04.2021
Ohne Tasche fürs Notebook kann der mobile Büroarbeiter kaum leben. Die Bestseller in dieser Kategorie stellt Dicota her. Vielleicht auch, weil die drei Eigentümer mit ihrer Strategie für mehr Nachhaltigkeit den Nerv der Zeit treffen?

Es gibt Themen, die in der Redaktion nicht gerade Begeisterungsstürme auslösen – um es zurückhaltend zu formulieren. Notebook-Taschen sind so eines. Aber als Journalist gilt es, neugierig zu bleiben. Also habe ich mich in die Welt der «funktionalen Tragelösungen», wie sie Dicota selbst nennt, vertieft.

Dicota? Die Marke sagt dir vielleicht nichts. Aber es besteht eine ziemlich grosse Chance, dass dir die IT deiner Firma dein Notebook mit einer Dicota-Tasche überreicht hat. Die Firma mit Sitz in Pfäffikon SZ macht rund drei Viertel ihres Geschäfts im B2B-Bereich. Sie verkauft also grössere Mengen Taschen, Rucksäcke, Trolleys und Hüllen an Firmen, die die Teile dann wiederum an ihre Mitarbeitenden weitergeben.

Grosse Pläne für die Umwelt

Damit könnte dieser Artikel schon zu Ende sein. Wäre er auch, wenn sich die drei Inhaber von Dicota nicht entschieden hätten, als Unternehmer ihrer Verantwortung für eine möglichst ressourcensparende Herstellung ihrer Produkte nachkommen zu wollen. Wie das im Detail funktioniert, wollte ich genauer wissen. Und so habe ich mich mit Ruedi Nauer, CEO, und Stephan Meyer, Chief Product Officer, zu einem Zoom-Meeting verabredet.

Sie haben grosse Pläne: Bis Ende des Jahres 2021 sollen 80 Prozent der Taschen und Rucksäcke als Hauptmaterial aus rezyklierten PET-Flaschen produziert werden. Ich hake nach: «Ruedi, warum treibt Ihr eigentlich so einen Aufwand?» – «Weil wir Nachhaltigkeit leben wollen. Das hier ist kein Marketing-Gelaber!» Challenge accepted, Herr CEO!

Ich will hören, was wirklich hinter diesem Vorhaben steckt. Notebook-Taschen bestehen hauptsächlich aus strapazierfähigen Kunststofffasern, deren Rohmaterial aus Erdöl gewonnen wird. Wasserabweisend sollte das Material auch sein. Tragegriffe und -riemen müssen stabil befestigt sein, Reissverschlüsse einige hundert oder tausend Male geöffnet und geschlossen werden. Seit Anfang der 90er-Jahre, mit dem Aufkommen von tragbaren Computern, haben zunächst die Pioniere der Taschenhersteller, später dann die Kopierer aus Asien, Zeit gehabt, so ein Produkt zu perfektionieren. Oder zumindest die Herstellungsprozesse so zu optimieren, dass du heute eine Notebook-Tasche für ein paar läppische Dollar mit wenigen Wish-Bewegungen in China bestellen könntest.

Kann aus China Top-Qualität kommen?

«Made in China» sind auch die Taschen von Dicota. Das versuchen Nauer und Meyer im Zoom-Call auch gar nicht zu verheimlichen. Die 1992 ursprünglich in Baden-Württemberg gegründete Firma lässt seit eh und je in China fertigen. Man könne heute auch billiger produzieren, erklärt der CEO. In Vietnam zum Beispiel, oder in Myanmar. China ist heute längst nicht mehr nur die billige verlängerte Werkbank des Westens. Die Qualität der Maschinen, die Prozessorganisation, Arbeitsbedingungen und Regeln – das alles sei heute auf einem ähnlichen Niveau wie in der Schweiz in den 80er-Jahren, sagt Nauer.

Dicota ist nicht in neue Billiglohnländer geflüchtet. Das hat mit dem guten Verhältnis zu tun, das man sich über viele Jahre zu den sechs oder sieben wichtigsten Produktionspartnern im Land aufgebaut hat. Um die Beziehungspflege kümmert sich ein Dicota-Büro mit zwölf Mitarbeitenden in Hongkong, in dem elf Jahre auch der Chief Product Officer Stephan Meyer gearbeitet hat. In seinen Händen liegen Design, Materialien, Verarbeitung und damit die Qualität der Sleeves, Taschen und Rucksäcke. Würde man hier sparen, könnte man nicht die lebenslange Garantie auf jedes Produkt bieten, sagt Meyer. Nicht einmal eine von fünfhundert Taschen werde von den Nutzern beanstandet, verrät Meyer. Auch die Community-Bewertungen im Shop stellen Dicota ein sehr gutes Zeugnis aus. Viereinhalb Sterne – aus fünf möglichen – sind ein klar positives Urteil.

Die erste Recycling-Kollektion gab’s bereits 2009

Meyer ist es wichtig, auch gleich mit einem Verdacht aufzuräumen. Dicota kaufe nicht irgendwelche Taschen oder Rucksäcke aus irgendeiner Fabrik und «veredelt» diese dann mit einem Dicota-Label, um sie viel teurer verkaufen zu können. Dicota entwickelt jedes Produkt selbst, überwacht die Herstellungsprozesse und -bedingungen vor Ort und wählt die verwendeten Materialien sorgfältig aus.

Erst jetzt kommen die rezyklierten PET-Flaschen ins Spiel. Wenn jede Minute (!) weltweit eine Million PET-Flaschen gekauft und dann auch wieder weggeworfen werden, könne man mit der Wiederverwendung einen Beitrag für nachhaltigeres Wirtschaften leisten, ist Nauer überzeugt. Bereits ab 2009 habe Dicota mit alternativen Materialien experimentiert. Allerdings war das zunächst nicht von Erfolg gekrönt. Nauer sagt, die Modelle seien vom Design her zu weit weg von der damaligen Dicota-Kundschaft gewesen. «Irgendwie zu grün, zu öko, zu sehr Körnlipicker-Stil». 2012 kam dann eine erste am Markt erfolgreiche Kollektion mit Recycling-Material. Sie hiess «Reclaim».

So sahen die «Körnlipicker-Taschen» aus.
So sahen die «Körnlipicker-Taschen» aus.
Foto: Dicota/Archiv

Nun passiert der grosse Schritt. Ab jetzt sind 100 Prozent der Hauptmaterialien der neuen Taschen aus rezykliertem Polyethylenterephthalat (rPET) oder anderen nachhaltigen Stoffen gefertigt. Bis Ende 2021 sind 80 Prozent des gesamten Portfolios umgestellt.

Damit stecken in einer Tasche fünfeinhalb kleine PET-Flaschen, bei grösseren Dicota-Modellen können es auch bis zu 16 Flaschen sein, die zuvor geschreddert, eingeschmolzen und aus deren Masse Fäden für neuen Stoff gezogen wurden. Das Material, das Dicota bisher bereits verwendet hat, entspricht einer Menge von rund vier Millionen Flaschen. Fast eine halbe Million Taschen sind daraus entstanden.

Nach Einführung der neuen Produktfamilien «Scale» und «Select», wird nun die etablierte «Base»-Serie auf rPET umgestellt. Damit könnten Kundinnen und Kunden auch im günstigeren Einstiegssegment die ökologisch sinnvollere Lösung wählen, erklärt Nauer. In der zweiten Hälfte 2021 folgt dann die «Pro»-Familie und erhält die grünen Etiketten, das Erkennungszeichen für ökologische Herstellung.

Eco Top Traveller Scale (17.30", Universell)
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Dicota Eco Top Traveller Scale (17.30", Universell)

Solltest du beim Lesen dieser Zeilen gehofft haben, dass dein Konsum von Rivella oder Rhäzünser aus ungezählten PET-Flaschen quasi eine neue umweltfreundlich produzierte Notebook-Tasche ermöglicht, liegst du leider falsch. In der Schweiz sind wir zwar ein Volk von fleissigen Sammlern. Im «geschlossenen Flaschenkreislauf» ist das Schweizer System in Europa unschlagbar, wie die Hochschule Rapperswil 2020 in einer Studie erforscht hat. Für Dicota-Taschen allerdings wurde keine einzige Schweizer PET-Flasche zerstückelt. Zum Einsatz kommt in China oder Taiwan eingekaufter Stoff, wie Stephan Meyer erläutert. Und dieser wird aus PET-Flaschen gewonnen, die in Asien leergetrunken wurden. Wobei sich Meyer hier gerade um absehbare Veränderungen bei der Beschaffung kümmern muss. Denn China will nicht mehr die Müllkippe der Welt sein und importiert deshalb seit Jahresbeginn 2021 keinen Abfall mehr.

Produktion in Europa? Nicht heute und morgen.

China wird also als Herstellungsland immer teurer. Können sich die drei Eigentümer von Dicota deshalb vorstellen, die Produktion irgendwann wieder nach Europa zurückzuholen? Bei dieser Frage wiegt Ruedi Nauer nachdenklich mit dem Kopf. Und Produktchef Stephan Meyer führt aus, warum die Umsetzung etwas länger dauern wird: «Es sind sehr viele Einzelteile, die zum Beispiel für einen Office-Rucksack zusammengefügt werden müssen.» Das sei bei den Lohnkosten in Europa schwierig. Mit der Produktion in China machen die Lohnkosten etwa die Hälfte der Herstellungskosten aus, die andere Hälfte entfällt auf das Material.

Stephan Meyer (links) und Ruedi Nauer sind Inhaber und Köpfe der Dicota AG. Miteigentümer Michael Mühlenbruch fehlt auf dem Foto
Stephan Meyer (links) und Ruedi Nauer sind Inhaber und Köpfe der Dicota AG. Miteigentümer Michael Mühlenbruch fehlt auf dem Foto
Foto: Dicota

Trotzdem gibt es bei Dicota ein strategisches Projekt, bei dem man überprüfe, das Sourcing, also die Herstellung und Beschaffung, in der EU zu machen. «Wir stehen dem sehr offen gegenüber, weil auch zahlreiche Vorteile gegenüber China vorhanden sind», so Produktchef Meyer. Die Vorteile seien kürzere Wege, weniger Zeit, mehr Flexibilität und höhere Effizienz aufgrund der möglichen Nähe. Allerdings sei eine Umstellung im laufenden Betrieb mit einigen hundert Artikeln und hunderttausenden produzierten Produkten pro Jahr «nicht ganz trivial». Viele Fragen müssen beantwortet werden: Welches Land? Welche Kapazitäten braucht man? Wie kommen die einzelnen Komponenten dorthin? Der Zeitrahmen für solch ein strategisches Projekt bemisst sich auf 12 bis 18 Monate.

Bei Dicota meinen sie es ernst mit der Nachhaltigkeit

Technologien wie den 3D-Druck beobachten die Dicota-Männer. Ihre Skepsis, dass damit in näherer Zukunft Dicota-Taschen vielleicht sogar aus der Schweiz kommen, ist wohl berechtigt. So hatte vor wenigen Jahren der Sportartikelkonzern Adidas hochfliegende Pläne für eine automatisierte «Speed Factory» wieder zu den Akten gelegt.

Anders als ein Milliardenkonzern wie Adidas schlägt Dicota nicht ganz so laut auf die Marketing-Trommel. Mit den Anstrengungen für eine nachhaltigere Produktion meinen es die drei Inhaber trotzdem ernst. Im Gespräch mit Stephan Meyer und Ruedi Nauer spüre ich die tiefe Überzeugung der beiden, dass auch die Notebook-Tasche einen Beitrag für eine bessere Welt leisten kann. Das verwendete Material ist der grösste Hebel. Dazu kommen viele weitere Stellschrauben; von der konsequenten Vermeidung des Transports per Flugzeug bis hin zur Verwendung von Recycling-Karton und umweltfreundlicher Soja-Tinte für die Etiketten. Ich werde die schützende Hülle für mein Macbook künftig auf jeden Fall mit mehr Respekt benutzen.

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Martin Jungfer
Martin Jungfer
Head of Content, Zürich
Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln.

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