Der Sturm vor der ewigen Ruhe

Der Sturm vor der ewigen Ruhe

Carolin Teufelberger
Zürich, am 13.02.2020
Bilder: Thomas Kunz
180 Zentimeter tief. 75 Zentimeter breit. 220 Zentimeter lang. So gross ist ein Reihengrab für einen erwachsenen Leichnam.

Metall trifft auf Metall. Steine auf Holz. Im Hintergrund klingt das stetige Surren eines Baggers. Dazwischen ertönen immer wieder kräftige Spatenstiche, die die Erde auflockern. Das hier fühlt sich mehr nach Baustelle als nach Friedhof an. Dafür verantwortlich sind die Grabmacher des Hörnli, der grössten Ruhestätte der Schweiz. Sie liegt am Rande der Stadt Basel in Riehen. An diesem sonnigen Wintertag haben die 54 Hektaren so gar nichts Trauriges an sich. Nicht wie in Low-Budget-Gruselfilmen, in denen sich Bodennebel zwischen den Gräbern hindurchschlängelt und jeder Besucher konsequent in Schwarz unterwegs ist – äusserlich wie innerlich. Nein, die Grabmacher kommen in SUVA-konformer, gelbgrüner Reflexionskleidung daher. «Nur während der Abdankung sind auch wir schwarz gekleidet», sagt Grabmacher Simon Bannier. Dort sind er und seine Kollegen für die Bestattungen verantwortlich.

Simon liebt seinen Beruf an der frischen Luft.
Simon liebt seinen Beruf an der frischen Luft.

Nichts für zarte Gemüter

Simon setzt im Bagger zur Aushebung an. Schaufel war einmal, vor langer Zeit. Mit einem Greifer holt er sich die erste Ladung Erde. Wie beim Spielautomaten, bei dem Plüschtiere gefischt werden. Im Gegensatz dazu lässt Simon nichts fallen, sondern manövriert die Erde sicher hinüber zum noch offenen Grab. Mit dem Ausheben des einen wird gleichzeitig ein anderes geschlossen. Auch auf einem Friedhof wird effizient gearbeitet. «Wir warten, bis alle Trauergäste weg sind, denn die Arbeit wirkt im ersten Moment wenig empathisch», sagt Simon. Steine klopfen aufs Holz. Erde wird maschinell auf den Sarg fallen gelassen. Bevor die ewige Ruhe einkehrt, wird es erst einmal richtig laut. Nichts für zarte Gemüter, die gerade den Tod eines geliebten Menschen verarbeiten müssen.

Unterstützt wird Simon bei seiner Arbeit von Pascal Nobs. Er übernimmt die manuellen Aufgaben: mit einer Gartengabel die festhängende Erde lockern und die Metallspunde entfernen beziehungsweise montieren. Jedes Grab ist zwischen Aushebung und Verschliessung damit ausstaffiert, damit die Seitenwände Form halten. Zu seiner Ausrüstung gehört auch ein Helm für den persönlichen Schutz. Konzentriert verfolgt er die Bewegungen des Baggers, weiss genau, was wann zu tun ist. Worte brauchen die zwei Grabmacher nicht.

Pascal entfernt Metallspunde aus der zu schliessenden Grabstätte.
Pascal entfernt Metallspunde aus der zu schliessenden Grabstätte.

Die Allgegenwärtigkeit des Todes scheint hier niemanden ernsthaft zu bedrücken. «Am Anfang musst du dich etwas daran gewöhnen, aber dann ist es eine Arbeit fast wie jede andere auch. Ausserdem bin ich damit aufgewachsen. Schon mein Vater war Grabmacher, bis er vor ein paar Jahren pensioniert wurde», erzählt mir Simon. Solche Geschichten kenne ich eher aus Arzt- oder Bauernfamilien. Grabmacher ist nicht gerade der typische Bubentraum. «Eigentlich wollte ich immer Automechaniker werden, was leider nicht geklappt hat. Schliesslich wurde ich Zweiradmechaniker.» Dort wurde er nicht glücklich und entschied sich kurz nach abgeschlossener Ausbildung, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten. «Ich mag es, draussen zu sein und mit meinen Händen zu arbeiten.»

Kinderbegräbnisse gehen allen nah

Dass man bei der Grabpflege überall von Verstorbenen umgeben ist, müsse man verkraften, meint Reto Hufschmid, stellvertretender Leiter des Friedhofs am Hörnli. Er gibt immer wieder Auskunft, während die anderen beiden in die Arbeit vertieft sind. Jeder Mitarbeiter des Friedhofs werde beim Vorstellungsgespräch auf solche Szenarien aufmerksam gemacht. «Nicht jeder hält den Tod in diesem Ausmass aus. Einige Bewerber mussten ihren Probetag mittendrin abbrechen, weil ihnen die Arbeit zu nahe ging.» Für die momentan etwa 25 Mitarbeiter ist das kein Problem, da wird über Mittag gescherzt und gelacht – wie bei vielen anderen Arbeiten auch. Nur eine Sache geht allen auch nach Jahren noch an die Substanz: Kinderbegräbnisse. «Der Tod gehört zum Leben, aber die Kinder haben noch gar keines gehabt. Da überlege ich mir schon, warum das sein musste», sagt Simon.

Jedes Begräbnis ist anders

Ob alt oder jung, jeder Basler hat einen Platz mit Begräbnis auf dem Hörnli zugute, sei es in einem Staatssarg oder in einer Urne. 20 Jahre lang gehört das Grab offiziell den sterblichen Überresten einer Person, danach liegt es fünf Jahre brach. Erst dann wird der Platz wieder vergeben. Und zwar an eine Urne, wenn davor ein Sarg bestattet wurde. Etwa 200 solcher Erdbestattungen führt der Friedhof jährlich durch. «Bei den meisten handelt es sich um Verstorbene mit katholischem Glauben», sagt Reto. Aber nicht nur Christen finden hier die letzte Ruhe. «Auf einem eigenen Feld sind die Gräber für muslimische Verstorbene nach Mekka ausgerichtet», erzählt Reto.

Unterschiede lassen sich nicht nur beim Glauben ausmachen, sondern bei jedem Begräbnis, das auf dem Hörnli stattfindet. «Manchmal ist nur eine Person an der Abdankung anwesend, manchmal sind es unglaublich viele. Manchmal wird herzzerreissend geweint, manchmal gelacht und musiziert», so Simon. «Manchmal muss ich beinahe Securitas spielen, damit Angehörige nicht mit ins Grab springen. So gross können Trauer und Verzweiflung sein», fügt Pascal an. Eines aber ist bei allen Bestattungen gleich. Die sogenannte definitive Grabgestaltung ist bei Erdbestattungen erst nach zehn Monate abgeschlossen. Nach sieben Monaten wird der Grabstein aufgestellt, nämlich dann, wenn sich die Erde ausreichend gesetzt hat. Zum Schluss wird ein Rasenstreifen entlang des Fussweges verlegt und ein einheitlicher Bodendecker gepflanzt.

Viele Gräber werden sich selbst überlassen

Neben der Grabgestaltung übernimmt das Hörnli oft auch den Unterhalt. Von den 30 000 aktiven Grabstätten werden etwa 65 Prozent vom Friedhofspersonal gepflegt, 30 Prozent von den Hinterbliebenen und fünf Prozent von privaten Gärtnern. Dabei lasse sich in den letzten Jahren eine steigende Verwahrlosung feststellen. «Die Besuche der Angehörigen nehmen über die Jahre immer weiter ab. Irgendwann unterhält das Grab niemand mehr», sagt Simon.

Eine gute Stunde ist vergangen, seit Pascal und Simon mit ihrer Arbeit begonnen haben. Die Maschinen sind aus, die Metallspunde zur Seite geräumt, das Grab ebenerdig geschlossen. Mit beiden Händen setzt Simon einen grossen Strauss mit pinken, gelben und orangen Rosen und zwei Zierbändern auf die frisch aufgetragene Humusschicht. «Zum Abschied» ist auf dem einen Band zu lesen. Es kehrt Stille ein.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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