Der Écorce von Dahu ist mehr als ein fabelhafter Skischuh
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Der Écorce von Dahu ist mehr als ein fabelhafter Skischuh

Michael Restin
Zürich, am 13.01.2021
Harte Schale, weicher Kern. Ein Exoskelett sorgt für Halt auf der Piste, abseits davon stapfst du in bequemen Stiefeln herum. Der Écorce von Dahu hört sich fabelhaft an – und ist es im wahrsten Sinne des Wortes.

Skischuhe waren für mich bislang eine freudlose Angelegenheit. Mittel zum Zweck aus Kunststoff. Leidlich bequem, alles andere als schön und ärgerlicher Ballast, sobald ich aus der Bindung steige. Dazu so teuer, dass sie viele Jahre halten müssen. Ich kann nicht mal sagen, wie viele Winter meine alten Skischuhe auf dem Buckel haben. Nur, dass ihre Zeit langsam abgelaufen ist. Seit ein paar Jahren denke ich darüber nach, mich von ihnen zu trennen, und tue es doch nicht. Als ich das Angebot bekomme, die Boots von Dahu zu testen, schlage ich natürlich zu.

Gleich vorweg: Ich bin kein überragender Skifahrer. Es wird weniger darum gehen, ob es etwas weniger Flex sein dürfte oder wie der Skischuh im Grenzbereich performt. Ich bin der gute Durchschnitt. Durchschnittlich schnell unterwegs. Durchschnittliche Technik. Durchschnittlich alt. Ein Typ wie ich und vielleicht auch du. An einem Punkt im Leben, in dem Komfort und Qualität langsam wichtiger werden. Was ich definitiv bin: an vielseitigen Produkten und kleinem Gepäck interessiert. Ich habe Freude daran, wenn ich etwas weglassen und Dinge auf verschiedene Weisen nutzen kann. Wenn sie dazu noch schön sind – umso besser. Auf den ersten Blick ist der Écorce 01 genau mein Ding.

Was bekommst du?

An dieser Stelle möchte ich unseren Pöstler grüssen, der Pakete im Akkord anschleppt. Sorry dafür, manches davon brauche ich einfach beruflich. Auf den grossen Karton von Dahu warte ich gespannt, denn Skischuhe online zu ordern ist speziell. Passen sie? Drücken sie? Ich habe mich an der Grössentabelle orientiert und bin zwischen 28.5 und 29 gelandet. Nach kurzer Rücksprache mit den Leuten von Dahu bekomme ich die grössere Nummer geschickt, was meiner normalen Schuhgrösse (44/45) entspricht. Beim Flex, also der Steifigkeit, gibt es die Wahl zwischen 120 und 135. Ich entscheide mich für die flexiblere Variante (120), die zu meinem Fahrkönnen passen sollte: «Mit einem 120 Flex wird dieser Skischuh den allermeisten Skifahrern zusagen, welche einen Anspruch an Stabilität und zugleich einen hohen Komfort haben.» Habe ich.

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Die Damen-Modelle werden mit Flex 90 und 110 angeboten. Es gibt die Skischuhe in verschiedenen Ausführungen, mit viel Leder und Luxus am Stiefel oder in der einfacheren Canvas-Variante, die ich in meinem Test-Päckli finde. Auch sie kommt sehr hochwertig daher und auf Leder kann ich gut verzichten. Nach der ersten Anprobe bin ich erleichtert und von Komfort und Look begeistert. Passt.

Wer ist Dahu?

Die Marke Dahu kannte ich bislang nicht. Sie wurde 2008 im Kanton Fribourg gegründet, sitzt nun im Kanton Waadt und produziert in Italien, um «dynamische neue Standards für Alpine Skiexzellenz zu setzen». Vielleicht habe ich mich bislang einfach in den günstigeren Regalen umgeschaut. Ich kannte nicht einmal das gleichnamige Fabelwesen Dahu, mit dem ich mich durchaus identifizieren kann. «Charakteristisch für den Dahu sind die Läufe, die auf der einen Seite kürzer sind als auf der anderen, um besser am Berghang stehen und gehen zu können», sagt Wikipedia. Ich habe eine ähnliche Anatomie. Ob ich mit Dahu – also dem Skischuh – besser unterwegs bin oder die Idee mit dem Exoskelett um den Stiefel eine schräge Sache ist, wird sich zeigen.

Gestatten: ein Dahu.
Gestatten: ein Dahu.
Wikimedia Commons/CC BY 3.0/Philippe Semeria

Erwartungen

Nachdem ich die Stiefel zuhause anprobiert habe, kann ich die Ferienwoche über Neujahr kaum erwarten. Das Schlimmste am Winterurlaub ist die Materialschlacht. Skiausrüstung, Schlitten, Winterkleidung, Verpflegung – wer mit der Familie in die Berge aufbricht, stopft das Auto bis unters Dach voll. Um wenigstens mein Gepäck klein zu halten, kommt nur das Nötigste mit. Als Stiefel hatte ich bislang den superleichten Xnowmate dabei, der im Rucksack Platz hat und immer dann zum Einsatz kam, wenn Skischuhe stören. Nun setze ich voll auf die Luxus-Kombi von Dahu. Ich will zu Pandemiezeiten nicht in die Gondel steigen. Mein Plan: Nach oben wandern, Touren mit Crossblades gehen, schlitteln. Nur Schlepplifte sind erlaubt, da fahre ich Ski. Die Boots und ihr Skelett müssen sich nicht nur auf der Piste, sondern in den unterschiedlichsten Situationen beweisen. Auf geht's ins Berner Oberland.

Diesen Winter bin ich so viel gestiefelt wie noch nie.
Diesen Winter bin ich so viel gestiefelt wie noch nie.

Erfahrungen, Teil 1: Der Stiefel

900D Canvas, Isolationsschicht EVA, wasserundurchlässige Membran, Primaloft Fussbett, vulkanisierte Gummisohle. All das tönt gut und sagt mir wenig. Ob Stiefel halten, was sie versprechen, zeigt sich draussen. Eine Woche lang werde ich täglich rund 700 Höhenmeter darin laufen. Und ich bin guter Dinge, denn der erste Eindruck macht Eindruck. Vom Exoskelett befreit, ist der schwarz-weisse Softboot nicht nur schick, sondern auch bequem und warm. Die Laschen an Zunge und Schaft erleichtern den Einstieg, das Schnellschnürsystem schnürt schneller, als ich den überlangen Seilzug unter dem Gummiband an der Zunge verstauen kann.

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Der Stiefel sitzt fest und lässt mich spüren, dass er nicht nur zum Wandern oder Schlitteln gedacht ist. Im Skischuh wäre zu viel Bewegungsfreiheit fatal. Optisch sticht die weiss abgesetzte geriffelte Aussensohle heraus, die später rutschfest im Exoskelett sitzen soll, wenn es auf die Piste geht. Dem Profil an der Unterseite, dessen Längsrillen genau auf entsprechende Erhebungen in der Schale des Exoskeletts passen, traue ich eine ordentliche Schneetour zu.

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Davon unternehme ich einige, und ich werde nicht enttäuscht. Mit den Boots kannst du nicht nur Glühwein beim Après-Ski trinken oder von der Gondel zur Ferienwohnung laufen, sie liefern im Gelände. Anfangs hatte ich leise Bedenken, ob die Stiefel für längere Strecken nicht zu steif sind. Nach vielen Stunden auf Winterwanderwegen und Ausflügen in den Tiefschnee bin ich von ihren Qualitäten überzeugt. Sie sind warm und dicht, nichts reibt, die Sohle ist griffig und ich gehe gut darin, sofern ich die Schnürung nicht zu fest anziehe.

Erfahrungen, Teil 2: Der Wechsel

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Wenn es einen Moment gibt, in dem ich über die Stiefel geflucht habe, dann war es beim Anlegen des Exoskeletts mit seinem patentierten «Corsair Einstieg». Er ist der Clou des Systems und gleichzeitig etwas gewöhnungsbedürftig. Sobald du die zwei Schnallen des Exoskeletts geöffnet hast, kannst du sie auf der gegenüberliegenden Seite einfach aushaken und den vorderen Teil wegklappen. Über der Ferse gibt es einen Knopf, der den hinteren Teil entriegelt. Er wird von einem Aluminiumsteg namens «Power Beam» stabilisiert, der für gute Kraftübertragung sorgen soll. Ist auch er zurückgeklappt, kannst du ein- und aussteigen. Das hört sich einfach an, aber natürlich kannst du den Fuss nicht locker reinstellen.

Dieser Knopf entriegelt den hinteren Teil.
Dieser Knopf entriegelt den hinteren Teil.

Es ist ein Nadelöhr. Da der Stiefel fest umschlossen werden muss, hast du mit etwas Widerstand zu kämpfen. Die Gummisohle reibt und die Kunststoffschale des Exoskeletts wölbt sich etwas über den Schuh, da musst du mit dem Fuss irgendwie durch. Der verwendete Kunststoff Grilamid soll temperaturunabhängig sein und die Konstruktion als Ganzes «progressiven Flex» bieten. Das heisst: Je stärkere Kräfte wirken, desto stärker leistet sie Widerstand. Ähnlich wie eine Federgabel am Mountainbike.

Schön und gut, aber das Einsteigen will gelernt sein. Anfangs habe ich noch nicht die richtige Technik und ziehe am hinteren Teil, wobei mir das Hartplastik fast in die Finger schneidet, als der Stiefel endlich ins Skelett rutscht. Später fällt mir der Wechsel leichter. Wenn ich den vorderen Teil der Schale leicht auseinander biege, gleitet der Stiefel zuverlässig in Position. Dafür muss ich die Handschuhe abziehen und aufpassen, dass ich meine Eisfinger nicht einklemme. Die Mühe ist mir der Wechsel wert, Hauptsache die Konstruktion hält. Wenn du dir das Spektakel mal anschauen willst, kannst du das im Video. Sanft untermalt vom Hasliberger Höhenwind.

Zum Lieferumfang gehört übrigens auch eine Trageschlaufe, die du durch die Exoskelette ziehen kannst, um sie wie ein Gucci-Täschchen durch's Dorf zu tragen. Darin finden auch deine Stöcke Platz, die in die aufgeklappten Schalen gelegt und mit eingeschnürt werden können. Das ist praktisch, sofern du keine andere Lösung hast. Bei mir passen sie gerade so in den Rucksack. In meiner Grösse wiegt jedes Exoskelett 1243 Gramm, ein Stiefel bringt es auf 975 Gramm. Macht zusammen gut zwei Kilo pro Fuss.

Erfahrungen, Teil 3: Das Exoskelett

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Die Teile, die aus dem Stiefel einen Skischuh machen, werden mit zwei Schnallen und einem Klettverschluss verschlossen. Ein weiteres stabilisierendes Element ist der oben angesprochene Aluminiumsteg im Fersenbereich. Sobald ich sie anlege, ändert sich mein Gang. Ich spüre das Zusatzgewicht und die Füsse werden nochmals fester umschlossen. Aber das Schöne ist, dass der Komfort hoch bleibt. Ich stecke immer noch in den Softboots, die kein Vergleich zu meinen alten Skischuhen sind. Weder friere ich noch habe ich unangenehme Druckstellen, wenn ich den Stiefel enger schnalle.

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Auf der Piste fällt nichts an der Konstruktion negativ auf. Ich habe nie das Gefühl, Abstriche machen zu müssen was die Stabilität angeht. Über das Schnürsystem kann ich die Stiefel straff anziehen und gut an meine Anatomie anpassen, Schale und Schnallen erledigen den Rest. Als Normalfahrer gibt's nix zu meckern, über «progressiven Flex» und Renneigenschaften kann ich dir wie angedroht nichts Seriöses erzählen. Für mich zählen Halt und Komfort. Was ist besser, als die Schuhe auf der Piste einfach vergessen zu können und sich auf alles andere zu konzentrieren? Dafür brauchen die Skelette abends etwas Zuwendung. Meistens sammelt sich beim An- und Abziehen etwas Schnee darin, der dir am nächsten Morgen als braune Plörre entgegen schwappt, sofern du sie nicht trocknest oder so lagerst, dass das Schmelzwasser ablaufen kann.

Fazit

Du merkst, ich bin von der Konstruktion angetan. Der Skischuh von Dahu ist weit oben auf meiner Wunschliste, weil er aus einem Produkt zwei macht. Und beide sind gut. Bei mir trifft diese Vielseitigkeit in Kombination mit dem ansprechenden Design einen Nerv. Manchmal können solche Entwicklungen gut gemeint, in der Praxis aber trotzdem so unpraktisch sein, wie es den speziellen Beinen des Fabel-Dahu nachgesagt wird: «Will man einen Dahu fangen, so muss man sich ihm von unten nähern und einen Lockruf ausstossen. Der Dahu wird sich umdrehen und, wegen der Asymmetrie seiner Beine, umkippen und den Hang hinabrollen.»

Ein ähnliches Manko habe ich bei den Dahu-Boots nicht gefunden. Im Gegenteil. Sie decken meine Wintersportbedürfnisse so vollständig ab, dass ich in den Ferien auf andere Stiefel verzichten kann. Warme Füsse, guter Halt, schicke Optik. Viel mehr geht nicht. Dafür nehme ich gerne das manchmal mühsame Wechselspiel in Kauf. Das kostet mich eine Minute, dann bin ich parat für Ski oder Schlitteln, Hüttenplausch oder den Weg nach Hause. Alles in allem ein cleveres und anspruchsvolles Design, das mir Freude macht.

Kein Vergleich zu meinem alten Skischuh, der eher eine Mischung aus Folterkiste und Gefrierschrank ist. Dafür hat er viele Jahre lang gehalten. Wie es um die Ausdauer der Dahu-Modelle bestellt ist, kann ich nach einer Woche naturgemäss nicht sagen, aber sie erfordern etwas mehr Pflege. Die Stiefel müssen regelmässig gereinigt und imprägniert, die Zwischensohle zum Trocknen herausgenommen und die Schalen von Schmutz und Wasser befreit werden. Dafür sind die Stunden im Schnee fabelhaft.

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Michael Restin
Michael Restin
Editor, Zürich
Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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