Das Gelbe vom Ei ist die Schale: Drei spannende Designs aus dem Naturmaterial

Das Gelbe vom Ei ist die Schale: Drei spannende Designs aus dem Naturmaterial

Pia Seidel
Zürich, am 12.11.2021
Bilder: Pia Seidel

Eierschalen sind neuerdings viel zu schade zum Wegwerfen. Denn aus dem zerbrechlichen Biomaterial können wieder starke Produkte entstehen. Diese drei Design-Projekte sind der Beweis.

Vergiss Ostern, jetzt werden das ganze Jahr über Eierschalen eingefärbt. Gleich drei Designstudios machen aus den vermeintlichen Abfallprodukten neue, haltbare und umweltfreundliche Produkte. So wollen sie auch gegen die Klimakrise ankämpfen.

Rituale zelebrieren mit dem Bechersystem von Filippa Wollbeck

Auf den ersten Blick wirkt das Bechersystem von Filippa Wollbeck wie ein herkömmliches Keramik-Kannenset. Dabei besteht es aus einer Mischung von Eierschalen und Nüssen. Das macht es ausgesprochen leicht und sorgt für den getupften Look des Materials.

Die Einheiten des Bechersystems steckst du einfach zusammen.
Die Einheiten des Bechersystems steckst du einfach zusammen.
Die Optik des Bechersets  gleicht dem Muster von Naturstein und das Gewicht dem von Karton.
Die Optik des Bechersets gleicht dem Muster von Naturstein und das Gewicht dem von Karton.
Ausstellung: The Lost Graduation Show, Super Salone, Milan Design Week 2021
Ausstellung: The Lost Graduation Show, Super Salone, Milan Design Week 2021

Ob Fast Food oder Fast Lane – viele Dinge um uns herum sind auf Effizienz getrimmt. Sogar das Ritual des Kaffeetrinkens wird in Coffee-to-go-Bechern schnelllebig. Um das Ganze zu entschleunigen, hat die Designerin das multifunktionale, stapelbare Becherset «Nomadic Coffee Ceremony» entworfen. «Damit trinkst du unterwegs wieder aus einer richtigen Tasse», meint sie. Die Deckel des Sets verwandeln die Becher in Behälter oder sie werden zu Untersetzern, die du im Freien sorgfältig verteilst. Ganz wie zu Hause. Solche Details können das Ritual des Trinkens zum Erlebnis machen.

Filippa Wollbeck legt Wert auf Zirkularität. Daher hat sie für ihr Bechersystem ein biologisch abbaubares Material verwenden wollen. Sie glaubt daran, dass gut designte Produkte uns positiv beeinflussen. Im Lockdown beobachtet, wie sich London mit Müll füllte, weil die Leute zum Essen und Trinken herausströmten und ihre Einwegbecher auf die Strasse warfen, erzählt sie mir am Salone. «Gleichzeitig habe ich gesehen, wie der örtliche Putzmann mit einer echten Tasse und einer Thermoskanne auf dem Bürgersteig sass und einen freudigen Moment hatte. Diese Erfahrung hat mich dazu inspiriert, ein Produkt zu entwerfen, das auf Liebe und Respekt basiert.»

Land wiederbeleben mit dem Dünger von Jonas Tan

Wie ein Mosaik setzen sich die einzelnen Schalenstücke von Eiern in den Materialproben des jungen Designers Johnson Tan zusammen. Er hat besonders häufige Essensreste in seiner Heimatstadt Singapur untersucht, um herauszufinden, wie er diese sinnvoll nutzen kann. Da sich natürliche Materialien zum Revitalisieren von Böden eignen, hat er das Potenzial von Eierschalen als Dünger überprüft. Dabei hat er herausgefunden, dass sie genau die Nährstoffe enthalten, die dem Boden in Singapur fehlen. Dorthin gelangen die Eierschalen im Grossstadtdschungel allerdings nicht. Das soll sich mit dem Eierschalendünger ändern.

Das Muster des Eierschalendüngers erinnert an Terrazzo, den Bodenbelag aus Bauresten.
Das Muster des Eierschalendüngers erinnert an Terrazzo, den Bodenbelag aus Bauresten.
Ausstellung: The Lost Graduation Show, Super Salone, Milan Design Week 2021
Ausstellung: The Lost Graduation Show, Super Salone, Milan Design Week 2021

Der Nachwuchsdesigner vergleicht den Entstehungsprozess des natürlichen Düngers mit dem «Sand kacken» der Papageifische auf Hawaii. «Sie essen tote Korallen, verdauen sie und scheiden sie aus», erklärt Johnson. «Der ans Ufer gespülte Fischkot bildet dann die weissen, schönen Sandstrände. Vielleicht können Eierschalen einen ähnlichen Effekt haben und neue, nährstoffreiche Erde fördern.»

Baubranche aufmischen mit Fliesen von Nature Squared

Auf Eiern laufen fühlt sich ab jetzt dank Nature Squared erstaunlich gut an. Denn in Zusammenarbeit mit der Textildesignerin und Weberin Elaine Yan Ling Ng hat die Schweizer Marke nicht nur eine stabile, sondern auch einzigartige Fliesen aus weggeworfenen Eierschalen entwickelt. Neben dem Bodenbelag besteht die sogenannte CARrelé-Kollektion aus Wohnaccessoires sowie Möbeln. Sie wird in Cebu auf den Philippinen hergestellt. Dort sammelt das Designstudio die Bio-Eierschalen von Bäckereien und Grossküchen ein. Dann werden sie in Werkstätten zerkleinert, mit einem Bindemittel kombiniert und bei Raumtemperatur zu einem Quadratmeter Fliese ausgehärtet. Dieser kann beliebig zugeschnitten und zu neuen Dingen verarbeitet werden.

Die ausgestellten Mehrzweckfliesen bestehen aus über 150 000 weggeworfenen Eierschalen.
Die ausgestellten Mehrzweckfliesen bestehen aus über 150 000 weggeworfenen Eierschalen.
Alle Eierschalen-Finishes werden von Hand gefertigt.
Alle Eierschalen-Finishes werden von Hand gefertigt.
Ausstellung: Rossana Orlandi, Milan Design Week 2021
Ausstellung: Rossana Orlandi, Milan Design Week 2021

Die Fliesen sind pflegeleicht, wasserresistent und bieten zahlreiche neue Gestaltungsmöglichkeiten. «Obwohl wir Eierschalen eher mit Zerbrechlichkeit assoziieren, sind sie tatsächlich sehr stark und von Natur aus UV-beständig», sagt die Designerin. «Ausserdem nehmen sie auf faszinierende Weise natürliche Farben wie Indigo, Krapp und Chlorophyllin nachhaltig auf und sind so ein wunderbarer Baustoff.»

Alle drei Design-Projekte sind gute Beispiele für integratives und zirkuläres Design, das die Zukunft sein sollte, um mit einem kleinen Beitrag gegen den Klimawandel vorzugehen. Sie sind auch der Beweis dafür, dass viele nachhaltige Werkstoffe bereits vor unserer Nase oder gar in unserem Abfall liegen. Nicht alles Neue ist das Gelbe vom Ei. Manchmal ist es eben Gebrauchtes, das mit etwas Fantasie wieder glänzt oder, wie bei den Eierschalen, mit farbigen Sprenkeln entzückt.

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Pia Seidel
Pia Seidel

Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein

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