Das Carbon-Bike aus dem 3D-Drucker
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Das Carbon-Bike aus dem 3D-Drucker

Michael Restin
Zürich, am 25.08.2020
So sieht es aus, wenn sich das Silicon Valley das gute alte Velo vorknöpft und in die Zukunft beamt. Aus dem Drahtesel wird ein ausgedruckter Carbon-Traum: das Superstrata.

Sie haben es drauf im Siliziumtal. Dinge mit High-Tech, Feenstaub und reichlich Dollar nach den Ideen von IT-Nerds zu veredeln, um am Ende triumphierend nicht weniger als die Zukunft des (hier gedanklich einen Gegenstand deiner Wahl einfügen) zu präsentieren. Zu finden sind die hippen Sachen zuerst auf Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter und Indiegogo. Nachdem ich neulich beim Lumos Ultra schwach geworden bin und auf einen Velohelm warte, der meinen Kopf einigermassen futuristisch schützen wird, will man mir nun das Bike zum Helm schmackhaft machen. Das Superstrata.

Here's a project we think you should check out

«P.S. Here's a project we think you should check out», hiess es in einer der letzten Mails, in der mir neue Helmvarianten in allen Farben des Regenbogens präsentiert wurden. «Das sind unsere Freunde von Superstrata, jetzt auf Indiegogo», stand dort weiter. Ich scrollte, klickte, checkte und sah, dass es gut war. Das Superstrata macht den Eindruck, als könnte ich damit auf Knopfdruck die Tour de France gewinnen. Und anschliessend die Marsoberfläche erkunden, sofern mich Elon Musk endlich hinfliegt. Sportlich, clean, futuristisch – mit Will-haben-Speziallackierung. Wobei der Look nicht das Interessanteste am Bike ist.

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Das Unibody-Carbon-Velo fällt dadurch aus dem Rahmen, dass dieser massgeschneidert ausgedruckt wird. Kein Kleben, keine Schrauben, keine Nähte – das Teil kommt am Stück aus dem Drucker und soll extrem widerstandsfähig sein. Dafür sorgen «industriell gefertigte Carbon-Endlosfasern mit unnachgiebiger Kraft». Die Technologie stammt von Arveo, einem anderen Silicon-Valley-Unternehmen, das sein Verfahren 2019 auf der Eurobike präsentiert hat. Zwischen 1.3 und 1.7 Kilogramm wird das Herzstück leicht sein, wobei dessen tatsächliches Gewicht von den gewählten Proportionen abhängig ist. Die Laufräder werden ebenfalls aus dem Drucker gespuckt. Das gesamte Bike wird etwa 7.5 Kilogramm wiegen, die E-Bike-Variante mit gut verstecktem 125-Wh-Akku und Hinterradantrieb kommt auf zirka 11 Kilogramm.

Durch das 3D-Druckverfahren soll das Superstrata extrem leicht und stabil sein.
Durch das 3D-Druckverfahren soll das Superstrata extrem leicht und stabil sein.

Be-ein-druckend?

Nichts wäre leichter, als sich von den Bildern des gedruckten Bikes beeindrucken zu lassen. Ein «Klassiker der Zukunft» will es sein. Dank seiner aufgeräumten Optik mit innen verlegten (Daten-)Kabeln, ist das Ding sicher ein Statement auf der Strasse. Doch während der Anbieter nicht mit Superlativen geizt, gibt es noch nicht alle Informationen zu den übrigen Parts, die erst nach der Kampagne im Shop gewählt werden können. Einen Konfigurator gibt es derzeit noch nicht. Die Ankündigung, den Rahmen anhand von Grösse, Gewicht, «riding style» und persönlichen Vorlieben des Käufers auszudrucken, bleibt ebenfalls vage und lässt ein paar Fragen zum genauen Ablauf offen. Immerhin: Ein «Premium Colors Upgrade» für 249 Dollar kannst du in den Warenkorb schmeissen, wenn du als «Early Bird» zuschlägst. Der frühe Vogel kauft die Katze im Sack und zahlt dafür mindestens 1499 Dollar. Alles nur schöner Schein? Oder doch die Zukunft?

Was hältst du vom Superstrata?

Schlappe 500 000 Individualisierungsmöglichkeiten soll es beim Superstrata insgesamt geben. Am Ende der Crowdfunding-Kampagne erwartet die Unterstützer wohl ein laaaaanger Fragebogen. Hoffentlich kommt keiner auf die Idee, ihn auszudrucken.

Bildquelle: Superstrata

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Michael Restin
Michael Restin
Editor, Zürich
Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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