Das Buch als Statussymbol
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Das Buch als Statussymbol

Carolin Teufelberger
Zürich, am 12.02.2021
Video Meetings sind die neuen Sitzungszimmer im Homeoffice. Die Webcam bietet dabei ungewohnt private Einblicke. Plötzlich sagt dein Hintergrund mehr als tausend Worte.

Das WiFi ruckelt, die Kacheln zeigen mehrheitlich verpixelte Gesichter, im Hintergrund klackert eine mechanische Tastatur. Das Homeoffice und die dazugehörigen Video Calls haben ihre mal sympathischen, mal nervigen Eigenheiten. Vor allem aber lassen sie tief blicken. Auf einmal sitzen nicht alle im neutralen Meeting-Raum, sondern in den eigenen vier Wänden. Und zwar vom Praktikanten bis zur CEO.

Das Fenster zum Hof – *Corona-Edition**
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Als Sitzungsteilnehmerin sehe ich auf einmal das Wohnzimmer meines Chefs oder die Küche meiner Teamkollegin. Das weckt die Voyeurin in mir. Auch wer einen virtuellen Hintergrund nutzt, setzt damit automatisch ein Statement. Ein Bild vom Strand lässt vielleicht darauf schliessen, dass der Mitarbeiter lieber woanders wäre oder sich als wahnsinnig entspannt präsentieren will. Die Mitarbeiterin mit einer berühmten Filmszene um den eigenen Kopf drapiert will eventuell zeigen, dass sie kulturell interessiert ist. Was aber alle anderen Hintergründe aussticht, wenn es um Kultiviertheit geht, ist die Bücherwand – egal ob echt oder virtuell.

Regal ist nicht gleich Regal

Ende Januar fand das «Sundance Film Festival» als grosses Online Event statt. Filmproduzenten, Schauspieler, Zuschauer – alle waren sie auf gleich grosse, quadratische Kacheln beschränkt. Ein durchaus willkommenes demokratisierendes Element, wie die Zeit schreibt. Dennoch wurden die paar Pixel genutzt, um sich in Szene zu setzen. Vor allem eben Bücherwände waren bei den Prominenten ein beliebtes Sujet, um zu zeigen, dass hinter dem hübschen Gesicht auch etwas Hirn steckt.

Bei der Umsetzung ist Vorsicht geboten, denn wer sich nur als grossen Leser inszeniert, kann vieles falsch machen. Alleine mit einem vollgestopften Bücherregal ist es nicht getan. Homer neben Stephenie Meyer? Nicht durchdacht. Die gesamte «Bibliothek der Weltliteratur» von Manesse? Zu dick aufgetragen. Auch zu viel Augenmerk auf dem Deko-Effekt, wie dem Sortieren nach Farben, lassen den Besitzer des Bücherregals meist nicht wirklich als jemanden erscheinen, der am Inhalt des Buches interessiert ist. Solche Beispiele landen mit grosser Wahrscheinlichkeit auf dem Twitterkanal «Bookcase Credibility», zumindest wenn du in der Öffentlichkeit stehst, und werden dort be- und verurteilt.

Wie du Bücher Bände sprechen lässt
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Lesen aus lauter Verzweiflung

Wenn du zu der stetig wachsenden Gruppe der E-Book-Leser) gehörst, wird es ebenfalls etwas schwierig mit der authentischen Bibliothek. Die Vorteile sind zwar mannigfaltig – sie sind leicht, auch bei Dunkelheit lesbar und Eselsohren wird damit vorgebeugt –, aber es fehlen eben die Buchrücken mit eindrucksvollen Autoren. Und auch die Menge deines intellektuellen Besitzes lässt sich durch ein Kindle im Hintergrund kaum erahnen. Zurück in die Welt der Haptik also.

Das merken auch die Buchhandlungen. Nachdem vor wenigen Jahren wegen einbrechender Buchverkäufe schon fast das Ende des Lesens ausgerufen wurde, war 2020 wieder ein erfolgreiches Jahr für Bücher und den Handel. Zugegeben; wahrscheinlich lag das eher an den Einschränkungen des öffentlichen Lebens und vielleicht auch ein wenig am Überdruss an digitalen Medien als an einer generellen Optimierung des Meeting-Hintergrunds. Doch das Buch scheint sich dank Zoom, Teams, Skype und Co. (erneut) zum Statussymbol zu mausern. Das zeigen auch die vielen virtuellen Bücherwand-Download-Angebote.

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Unverständlich ist das nicht. So eine Bücherwand im Hintergrund macht tatsächlich mehr her als der Stewi und wirkt erst noch professioneller. Kaum ein Gegenstand schreit so laut «Ich bin schlau und wahnsinnig interessiert» wie ein Buch der Weltliteratur. Aber auch schon die Harry-Potter-Heptalogie macht mehr her als das Standbild aus einem der Filme auf dem Fernseher. Seit langem scheint Konsens darüber zu herrschen, dass Lesen klug macht und Fernsehen dumm. Deshalb behält man die Netflix-Nutzungsdaten lieber für sich und lenkt den Fokus auf den schmucken Schinken im Regal. Allen voran die Promis, die den letzten Blockbuster nicht nur gesehen, sondern sogar darin mitgespielt haben und deshalb anscheinend viel kompensieren müssen.

Wie der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick schon sagte: «Man kann nicht nicht kommunizieren!» Das gilt auch für deinen Meeting-Hintergrund. Egal, ob du einen Weichzeichner drüber haust, dich in einem Wald inszenierst oder dich eben vor dein prall gefülltes Bücherregal setzt: Du sendest damit eine Botschaft an deine Kollegen. Das kannst du nutzen oder ignorieren, wirklich ändern wird sich dadurch an deiner Position und Person vermutlich nichts. Am Ende zählt wohl oder übel noch immer deine Arbeitsleistung.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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