Hintergrund

Cranberry, Blasentee, Vitamine: Was hilft bei Blasenentzündung?

Olivia Leth
22.11.2022

Gerade Frauen leiden häufig an Blasenentzündungen. Antibiotika sind oft die unumgängliche Folge. Doch kannst du bei milden Verläufen auch auf Hausmittel zurückgreifen? Eine Fachärztin für Urologie klärt auf.

Es fängt an mit einem Ziehen im Unterleib, einer vermeintlich vollen Blase, ständigem Harndrang, Schmerzen auf der Toilette: Harnwegsinfekte. Beide Geschlechter kann es erwischen, doch tendenziell ist die Erkrankung Frauensache: Fast jede zweite Frau leidet zumindest einmal in ihrem Leben daran, jede zehnte Frau sogar einmal pro Jahr. Bei einer Blasenentzündung können die Blase oder die Harnröhre betroffen sein – dann ist es ein unterer Harnwegsinfekt, also eine Blasenentzündung oder eine Harnröhrenentzündung. Sind hingegen Niere oder Harnleiter infiziert, handelt es sich um einen oberen Harnwegsinfekt.

Doch wie kommt es zu der lästigen Infektion im Urogenitalbereich? Wieso sind Frauen öfter betroffen als Männer und welche Hausmittel helfen wirklich bei unkomplizierten Verläufen? Dr. Dara Lazar, Fachärztin für Urologie in ihrer Praxis in Wien und der Privatklinik Döbling, habe ich zu Ursachen der Krankheit befragt – und nach wirksamen Hilfsmitteln, die du bei leichten Fällen selbst anwenden kannst.

Nasser Bikini und kalte Füße: Was löst eine Blasenentzündung aus?

Es gibt Volksweisheiten, die hören Frauen von klein auf: Kind, sitz nicht so lange auf kaltem Boden, lass den nassen Bikini nicht an und geh in Monaten, die ein «R» enthalten, draußen nicht barfuß umher. Was daran stimmt: Ja, hast du dir erst einmal eine Blasenentzündung geholt, tut dir Kälte nicht gut. Aber: Ausgelöst wird die Krankheit nicht durch die Kälte selbst, sondern durch Bakterien aus dem Darm-Trakt. «Keime wie der Escherichia coli, Enterokokken und andere Darmkeime steigen in die Blase auf und lösen dort Entzündungen und Beschwerden aus», sagt Urologin Lazar.

Ganz von der Hand zu weisen sind Omas Empfehlungen aber nicht, sagt die Fachärztin. Denn die Kälte biete den Bakterien ideale Voraussetzungen, um sich in der Blase auszubreiten: «Durch die Kälte verengen sich unsere Gefäße und die Kälte wird von den Füßen in Richtung Unterleib geleitet. Zusätzlich setzt die Kälte unser Immunsystem herab, wodurch die Infektion leichteres Spiel hat.»

Besonders relevant wird die Kälte für hartnäckige Keime wie dem E-coli Bakterium. Hat es dieses einmal in den Urogenitalbereich geschafft, wird man den Keim oft nur sehr schwer wieder los. «Der Escherichia coli kann sich in der Epithelzelle von Harnröhre und Blase verstecken und so auch Antibiotikabehandlungen überstehen.» Durch gewisse Trigger – wie zum Beispiel eben den Kältereiz – kann der Keim immer wieder zurückkommen und Beschwerden verursachen.

Blasenentzündung: Frauen sind öfter betroffen als Männer – warum?

Harnwegsinfekte gelten in der Tat als Frauenproblem. Dass sie öfter daran leiden, liegt an ihrer Anatomie: Die Harnröhre der Frau ist um 14 Zentimeter kürzer als die des Mannes, zusätzlich liegen Harnausgang und After näher beisammen. Bakterien aus dem Darm-Trakt haben daher einen insgesamt kürzeren Weg in die Blase.

Beim Sex gelangen Bakterien aus dem Darm besonders leicht in die Harnröhre und verursachen dort eine Infektion. Dieses Risiko ist besonders hoch für Frauen mit wechselnden Partnern. Der Deutschen Gesellschaft für Urologie zufolge kann die Rate an Infektionen mit der Rate an Genitalkontakten um das 60-fache ansteigen. Gemeint sind wechselnde Genitalkontakte, zum Risiko in monogamen Partnerschaften macht die Gesellschaft keine Angaben. Allerdings ließe sich das Risiko durch die Verwendung von Kondomen deutlich reduzieren.

Generell gilt: «Vor dem Sex ausreichend zu trinken und danach auf die Toilette zu gehen hilft dabei, E-coli Bakterien direkt wieder auszuschwemmen, bevor sie sich in Blase und Harnröhre festsetzen können», sagt die Expertin.

Was bei Frauen einen zusätzlichen Risikofaktor darstellen kann, ist die hormonelle Verhütung. Der Grund: die dadurch geschwächte Darm- und Scheidenflora, in der sich Bakterien besser ausbreiten können. Rund 60 Prozent von Dr. Lazars jungen Patientinnen kommen wegen einer Blasenentzündung durch hormonelle Verhütung in die Praxis. «Niemand schaut sich die Verhütungsmethodik an. Frauen werden da oft mit ihren Schmerzen alleine gelassen und von den Ärzten weggeschickt.»

Schmerzmittel statt Antibiotika?

Apropos Schmerzen: Weil Harnwegsinfekte so unangenehm sind, verleiten sie oft dazu, ein Mittel zur Schmerzlinderung einzunehmen. Die gute Nachricht ist: Eine Studie in der medizinischen Fachzeitschrift BMJ kommt zu dem Schluss: Schmerzmittel wirken fast genauso effektiv gegen Infekte der Blase wie Antibiotika. So waren 70 Prozent der Frauen nach der Einnahme von Ibuprofen und 80 Prozent nach der Einnahme von Antibiotika nach einer Woche beschwerdefrei.

Die Urologin Lazar ist diesbezüglich skeptisch: Viele Schmerzmittel würden über die Niere abgebaut werden, weshalb diese Form der Behandlung mit Vorsicht anzuwenden sei. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schmerzmittel nicht ausreichen um einen Infekt loszuwerden. Die Symptome werden dadurch zwar gut bekämpft, aber eine Langzeit-Elimination der Keime halte ich für unwahrscheinlich.»

Antibiotika gegen Harnwegsinfekt: So oft wie nötig, so selten wie möglich

Fakt ist: An einem Antibiotikum führt ab einem gewissen Punkt des Harnwegsinfekts kein Weg mehr vorbei. Diese Alarmsignale gibt es: Blut im Harn, Flankenschmerzen und Fieber. «Wer da nicht zum Arzt oder zur Ärztin geht, riskiert eine Nierenbeckenentzündung und im schlimmsten Fall eine Urosepsis mit Nierenversagen», warnt die Urologin.

Zur Standardbehandlung für eine zwickende Blase sollte das Antibiotikum jedoch nicht werden. Denn hier sind bereits Antibiotikaresistenzen zu beobachten. Ein Forschungsteam der University of Washington School of Medicine publizierte ihre Studienergebnisse im Fachmagazin Clinical Infectious Diseases und kommt zu dem Ergebnis: Bei relativ vielen Frauen tummeln sich bereits antibiotikaresistente Escherichia-coli-Bakterien im Darm.

In einem Übersichtsartikel der Wissenschaftsplattform PubMed wird daher dazu geraten, unkomplizierte Verläufe ohne Vorerkrankungen oder anderen Risiken vorerst nicht mit Antibiotika zu behandeln.

Heißt also: Bei anfänglichen Symptomen wie einem Brennen beim Wasserlassen und unkomplizierten Verläufen soll man zuerst einmal auf Hausmittel zurückgreifen.

Präparate aus Preiselbeeren bei Blasenentzündung: Studien sind sich uneins

Cranberry- oder Preiselbeer-Granulat steht wohl ganz oben im Einmaleins der Hausmittel gegen Blasenentzündungen. Eine Meta-Analyse eines österreichischen Forschungsteams unter der Federführung der Gesundheit Österreich GmbH lässt hoffen, denn: Laut dieser können die Präparate aus Cranberrys tatsächlich wiederkehrende Blasenentzündungen vorbeugen oder ihr Auftreten verzögern.

Auch eine Vergleichsstudie, die im Clinics Journal publiziert wurde, hat sich mit der Wirkung der Preiselbeere auseinandergesetzt und dazu die Ergebnisse mehrerer Studien miteinander verglichen: Die Autorinnen und Autoren der Studie bestätigen ihre präventive Wirkung, für die Wirksamkeit bei akuten Infekten der Harnwege gäbe es aber keine Beweise. Allerdings seien Preiselbeer-Granulate eine wirkungsvolle Alternative für Patientinnen mit Antibiotikaresistenzen, da das Risiko wiederkehrender Entzündungen der Blase damit bei regelmäßiger Einnahme reduziert werden könne.

Auch die Fachärztin Lazar relativiert die Wirkung der Preiselbeere, zumindest wenn es um akute Infekte geht: Zwar solle das in der Preiselbeere enthaltene Arbutin die Anhaftung der E-coli-Bakterien in der Blase behindern. Jedoch zeigt sich in ihrer Beobachtung: «Meistens reicht es nicht aus, eine Infektion nur mit Preiselbeer-Präparaten loszuwerden. Man kann den Preiselbeersaft aber auf jeden Fall als zusätzliche Therapie versuchen.»

Sprich: Verspürst du ein leichtes Brennen der Blase beim Wasserlassen, kannst du Preiselbeer-Granulat in Kombination mit viel Flüssigkeit zu dir nehmen. Und auch wenn du zu wiederkehrenden Harnwegsinfekten neigst, kannst du es eine Zeit lang mit einem täglichen Glas Cranberry- und Preiselbeersaft (laut Studie 50 Milliliter am Tag) probieren. Halten die Beschwerden jedoch an, oder verschlimmern sie sich, solltest du nicht länger warten und einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen.

Kapuzinerkresse und Meerrettich: Senföle sollen helfen

Apropos Naturmittel: Ein Pflanzenstoff, an dem gerade besonders viel geforscht wird, sind Senföle, enthalten etwa in Kapuzinerkresse und Meerrettich und auch in Tablettenform oder als Tee einzunehmen. Eine laut einer aktuellen Studie in «Der Urologe», ist ihre entzündungshemmende und antibakterielle Wirkung belegt. Diese erfasse auch zahlreiche klinisch relevante und darunter auch multiresistente Keime. Die Autorinnen und Autoren schreiben: «Die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Therapie unkomplizierter Infektionen der Harn- und Atemwege mit den ITC-enthaltenden Pflanzen Kapuzinerkresse und Meerrettich ist in klinischen Studien belegt.»

Die Wirkung gegen antibiotikaresistente Keime konnte auch in anderen Studien bewiesen werden. «Senföle sind antibakteriostatisch», bestätigt Dr. Lazar. «Sie verhindern das Bakterienwachstum und können die Bakterien sogar in manchen Fällen abtöten.» Für letztere Wirkung brauche man allerdings eine sehr hohe Dosis.

Vitamin C: In die saure Zitrone beißen

Auch Vitamin C sollte Teil jeder Hausapotheke sein: Sie ist oft ein erster Lösungsansatz bei einer beginnenden Blasenentzündung. Die Ascorbinsäure im Vitamin C wirkt antibakteriell und hemmt das Bakterienwachstum, bestätigt die Urologin. Des Weiteren hilft Vitamin C das Immunsystem zu stärken, wodurch Infekte leichter bekämpft werden können.

Vitamin C in hohen Dosen sollte jedoch mit Vorsicht eingenommen werden. Dem Deutschen Ärzteblatt zufolge kann es in seltenen Fällen zu Leberinsuffizienz führen – deshalb sollte eine übermäßig hohe Dosierung von Vitamin C vorwiegend zur Linderung der Beschwerden eingenommen werden, nicht aber vorbeugend und dauerhaft. Generell empfiehlt es sich auch hier, vorab Rücksprache mit einem Arzt oder einer Ärztin zu halten.

Blasentee: Was bringt das Produkt aus der Apotheke?

Der Klassiker unter den Blasenmitteln ist wohl der Blasentee, der in jeder Apotheke erhältlich ist. Er beinhaltet viele Kräuter, die das Bakterienwachstum hemmen, erklärt die Urologin. «Wir wissen, dass die Goldrute direkt gegen den E-coli-Keim wirkt, wie auch die Beerentraube.»

Weil insbesondere die Bärentraubenblätter bei einer langfristigen Einnahme zu Leberschäden führen können, sollte man den Blasentee aber nicht länger als fünf Wochen im Jahr zu sich nehmen. «Blasentee ist ein therapeutisches Mittel und darf nicht präventiv oder langfristig angewandt werden», sagt die Fachärztin. Es sei zudem sehr unwahrscheinlich, dass ein Harnwegsinfekt durch Blasentee alleine verschwindet. Aber: «Eine zusätzliche Ohrfeige ist er allemal.»

D-Mannose: Ein guter Zucker gegen Blasenentzündung

D-Mannose, zum Beispiel eingenommen als Kapsel, ist eine Zuckerart, die von unserem Körper kaum verstoffwechselt, sondern über den Harn aus dem Körper gleitet wird. Unterwegs nach draußen bindet die D-Mannose Bakterien, die für Blasenentzündungen und Harnwegsinfekte verantwortlich sind.

Eine Studie, veröffentlicht im World Journal of Urology, bestätigt ihre Wirksamkeit. Demnach könne davon ausgegangen werden, dass D-Mannose erfolgreich Harnwegsinfekten vorbeugt. Auch das Deutsche Ärzteblatt bestätigt die Wirkung: «Durch 2 Gramm D-Mannose am Tag konnte in einer […] offenen Studie gegenüber Placebo die HWI-Rate statistisch signifikant gesenkt werden.»

Dr. Lazar erklärt: «D-Mannose hat eine osmotische Wirkung im Körper und ist sehr harntreibend. Dabei werden Darmbakterien ausgespült, die sich in der Blase festgesetzt haben.» Die Expertin rät daher: Wer vor dem Sex ohnehin Wasser trinkt, um einer Blasenentzündung zu entgehen, könne dazu ein bisschen D-Mannose zu sich nehmen. Das erhöhe die Chance, alle Bakterien danach erfolgreich auszuschwemmen.

Zuckerfrei ernähren bei Harnwegsinfekten?

Aber Vorsicht: Zucker ist nicht gleich Zucker. Anders als bei der D-Mannose wird Glucose vom Körper verstoffwechselt und bietet so einen idealen Nährboden für Bakterien aller Art. «Glucose im Harn nährt und begünstigt den Harnwegsinfekt» bestätigt die Fachärztin. Allerdings müsse man bei gesunden Menschen keine Glycose im Harn befürchten. Das käme nur bei Vorerkrankungen wie Diabetes Typ 1 und Typ 2 vor: Hier wird überschüssiger Blutzucker über den Harn ausgeleitet, weshalb Patientinnen und Patienten oft an wiederkehrenden Blasenentzündungen leiden. Das bestätigt die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Urologie.

Ohne Vorerkrankung müsse man das aber nicht befürchten, so Dr. Lazar. «Wenn man als gesunder Mensch hier und da nascht, hat das gar keine Auswirkung auf etwaige Harnwegsinfekte.»

Generelle Empfehlungen bei Harnwegsinfekten

Harnwegsinfekte sind bei unkomplizierten Verläufen gut in den Griff zu bekommen. Wer regelmäßig darunter leidet, kann sich eine erfolgsversprechende Hausapotheke mit pflanzlichen Naturmitteln zusammenstellen, um akut oder vorbeugend einzuschreiten.

Generell sei eine ärztliche Absprache aber unumgänglich, sagt die Expertin. «Es gibt so viele Faktoren zu beachten: Gibt es Risikofaktoren? Wie lautet die bisherige Krankheitsgeschichte der Patientin? Wie wird verhütet? Ich rate daher, auch die Einnahme von pflanzlichen Mitteln ärztlich zu begleiten.»

Und ein Pro-Tipp von Dr. Lazar, wenn die Blase mal wieder zwickt? «Frisch gepresster, hoch dosierter, roher Knoblauchsaft. Der tötet E-coli-Bakterien ziemlich verlässlich ab.»

In seltenen Fällen wird die Entzündung der Harnwegsinfekte chronisch: Sie kommt immer wieder und ist kaum durch herkömmliche Therapien in den Griff zu kriegen. In diesen Fällen hilft auch kein Antibiotikum mehr, da es nicht als Dauermedikation eingesetzt werden sollte. Für betroffene Patientinnen kann die Impfung in Form einer Injektion und als Immuntherapie in Tablettenform helfen. Die StroVac-Impfung ist seit 2004 zulässig und sorgt für eine Grundimmunisierung, die für die Dauer eines Jahres anhalten und Blasenentzündungen verhindern sollte. Zur Wirksamkeit gibt es allerdings bisher keine Langzeitstudien.

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Olivia Leth
Autorin von customize mediahouse

Ich liebe blumige Formulierungen und sinnbildliche Sprache. Kluge Metaphern sind mein Kryptonit, auch wenn es manchmal besser ist, einfach auf den Punkt zu kommen. Alle meine Texte werden von meinen Katzen redigiert: Das ist keine Metapher, sondern ich glaube «Vermenschlichung des Haustiers». Abseits des Schreibtisches gehe ich gerne wandern, musiziere am Lagerfeuer oder schleppe meinen müden Körper zum Sport oder manchmal auch auf eine Party. 


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