Clementonis Robomaker im Test: die eierlegende Wollmilchsau?

Clementonis Robomaker im Test: die eierlegende Wollmilchsau?

Raphael Knecht
Zürich, am 21.09.2020
Clementoni verbindet die Robotik und das Programmieren. Mit dem Robomaker sollen beide Bereiche nicht nur spielerisch entdeckt werden, sondern auch lehrreich sein. Macht diese Kombination den Roboter zum Vorzeige-Gadget?

Der Robomaker soll Jugendlichen das Programmieren beibringen, sie gleichzeitig in die Robotik und Elektrotechnik einführen und dabei jede Menge Spass machen. Clementoni will Anfänger und Fortgeschrittene gleichermassen ansprechen. Für erstere beginnen sowohl die Bauanleitung wie auch die Programmierlektionen auf tiefem Niveau. Roboter- und Coding-Experten dürfen sich direkt auf den grössten der fünf Roboter stürzen und komplexere Programme schreiben. Auf allen Stufen lernt der User die Code-Blöcke kennen, erhält Hintergrundinfos zu Farad, Ohm oder Germanium und baut sich aus LEGO-ähnlichen Teilen einen funktionierenden Roboter zusammen. Das klingt nach dem perfekten All-In-One Gadget. Ich teste, was Clementonis Robomaker tatsächlich zu leisten vermag.

Unboxing: Grosse Schachtel mit viel Inhalt

Die Verpackung ist gross und schwer. Sobald ich sie öffne, sehe ich auch, wieso. Darin befinden sich ein Dutzend kleine Plastiksäcke mit Bauteilen, die mich stark an LEGO Technics erinnern. Sie sind offiziell nicht damit kompatibel, ich habe es dennoch ausprobiert und festgestellt, dass die Teile auf- und ineinander passen. Ausserdem finde ich in der Box viele Elektroteile: Zwei schnelle und einen langsamen Motor, zwei Infrarotsensoren, einen Touch-Sensor, einen Lautsprecher, das Mainboard und ein Batteriefach. Batterien? Ja, denn der Robomaker hat leider keinen Akku. Teile der Schachtel werden im späteren Verlauf zu Hindernissen und Transportmaterial für den Roboter. Deshalb sind im Innern der Box einige Muster eingestanzt. Schliesslich liegen noch ein Klebebogen, eine fast 50-seitige Anleitung und eine Papierkarte bei.

Im Lieferumfang des Robomakers ist jede Menge Material dabei.
Im Lieferumfang des Robomakers ist jede Menge Material dabei.

Ich beginne wie ein blutiger Anfänger und schaue zuerst in die Anleitung. Die ist in drei Abschnitte unterteilt: Theorie, Produktinfos und Aufgaben. Auf den ersten Seiten erhalte ich einen Einblick in die Robotik, weitere Details zu Robotern, Elektroelementen, dem Coding und wie alles zusammenhängt. Das Ganze ist überraschend kurzweilig und interessant geschrieben. Es folgt ein zweiter Block mit Infos zum Produkt, den einzelnen Bauteilen und der Blockprogrammierung, die stark an die Programmiersprache «Scratch» angelehnt ist. Am Schluss der Anleitung befinden sich die fünf zusammenbaubaren Robotermodelle mit ihren Funktionen und zehn dazu passende Aufgaben, die nach dem Zusammenbau nachgestellt, programmiert und überprüft werden müssen.

Die Anleitung gibt auf den ersten Seiten auch Einblicke in die Theorie.
Die Anleitung gibt auf den ersten Seiten auch Einblicke in die Theorie.

Baumodus: Geklebt, gesteckt und verkabelt

Bevor ich mit dem Bau des Roboters beginnen kann, muss ich einige grössere Teile mit Klebern bestücken, die ich auf dem beigefügten Bogen finde. Das ist zwar keine grosse Sache, nervt aber trotzdem. Wieso die Teile nicht gleich bedrucken? Etwas unschön ist auch die Tatsache, dass ich kleinere Teile aus einem Plastikbogen herausbrechen muss. So gehen zwar weniger Bausteine verloren, dafür ist der Abfallberg umso grösser. Zudem bleiben auf gewissen Teilen hässliche Plastikresten zurück. Dann endlich darf ich die App öffnen, den ersten Roboter mit dem klingenden Namen «X1: Explorer» auswählen und warten, bis die Anleitung geladen hat. Das geht relativ lange. Im Nachhinein glaube ich zu wissen, weshalb: Jedes Bauteil ist in 3D gerendert worden, lässt sich vergrössern und via animierter Kurzsequenz digital dort einfügen, wo es hingehört. Das ist zwar hilfreich und ein cooles Features, braucht aber entsprechend Zeit beim Laden.

In 3D und animiert: So sieht der Zusammenbau in der App aus.
In 3D und animiert: So sieht der Zusammenbau in der App aus.

Muss ich vier gleiche Teile nacheinander anbringen, dann werden diese vier Schritte nacheinander angezeigt. Hier wäre es praktisch, wenn – wie bei LEGO – eine Zahl beim entsprechenden Bauteil angibt, wie oft ich dieses Element verbauen muss. So breche ich eines heraus und lege den Bogen zurück. Nur, um ihn erneut aufzunehmen, ein identisches Teil herauszubrechen und ihn wiederum hinzulegen. Wenn ich die App verlasse, um ein Foto zu schiessen, dann fliege ich manchmal aus der App, muss die Bauanleitung erneut laden und zum Bauschritt springen, bei dem ich stehengeblieben bin. Auch fehlt der Hinweis, dass ich – je nach Robotermodell – die Batterien gleich zu Beginn ins Hauptmodul einlegen sollte, weil es danach nicht mehr zugänglich ist, ohne den Roboter teilweise auseinanderzunehmen. Das war's dann aber auch schon mit Meckern auf hohem Niveau. Ich komme zügig voran, platziere immer alles am richtigen Ort und verwechsle keine Teile. Die digitale Anleitung ist ökologisch sinnvoll, aufwändig gemacht und äusserst praktisch.

Aus Plastik und kantig: So sehen die LEGO-ähnlichen Teile aus.
Aus Plastik und kantig: So sehen die LEGO-ähnlichen Teile aus.

Lernmodus: Extrem detailliert und lehrreich

Nach etwas über zwei Stunden habe ich den ersten Roboter gebaut. Für den grössten brauche ich später fast dreieinhalb Stunden. Übrigens: Nachdem ich den ersten Roboter gebaut habe, musste ich ihn komplett auseinandernehmen, um den «X5: Droid» bauen zu können. Das geht aber relativ einfach, weil sich die Bauteile mit wenig Aufwand entfernen lassen. Die App bietet nebst dem Baumodus, den ich für den Zusammenbau gebraucht habe, drei weitere Modi: einen Lern-, einen Kreier- und einen Steuermodus. Vom Bau- wechsle ich in den Lernmodus, um dem einfachsten Modell erste Schritte beizubringen und mich selbst ins Programmieren mit Scratch einzuführen. Alle Blöcke, die ich für den ersten Roboter brauche, werden ausführlich erklärt. Es wird aufgezählt, was sie bewirken, wie sie kombiniert und erweitert werden können. Auf dem Weg zum anspruchsvollsten Modell arbeite ich mit zahlreichen Blöcken und unterschiedlichsten Funktionen, die ständig erweitert werden. Vom Fahren in alle Richtungen über Töne abspielen, Hindernisse erkennen und Zangenbewegungen bis hin zu Waren aufnehmen und wieder abladen – es ist alles dabei, was der jeweilige Roboter beherrscht.

Im Lernmodus kriege ich eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Coden.
Im Lernmodus kriege ich eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Coden.

Ich folge den Anweisungen und erstelle die Code-Zeile, die ich für die erste Aufgabe brauche. Sobald ich ein Symbol oder einen Code-Block sehe, den ich nicht ganz verstehe, poppt eine Infobox auf und sagt mir, womit ich es zu tun habe. Wie die App fast schon automatisch vorausahnt, dass ich etwas Hilfe brauchen könnte – ein unheimliches Gefühl. Auch im Coding-Modus kann ich zoomen, um mir längere Coding-Zeilen in der Totale oder die Details eines bestimmten Blocks anzusehen. Die App läuft in diesem Modus ebenfalls flüssig und ohne Abstürze. Nachdem ich meine erste Zeile gecodet habe, folgt die Anweisung, den Roboter einzuschalten. Ich drücke den Power Button, der Roboter piepst und Sekunden später leuchtet die Bluetooth-Anzeige in der App grün auf. Das ging schnell und problemlos. Ich betätige den Play-Knopf, der Roboter bewegt sich und die App hebt denjenigen Block visuell hervor, den der Robomaker gerade abspult. Für fortgeschrittene Aufgaben stehen Kartonboxen und eine Papierkarte zur Verfügung, die auf den Boden gelegt und der Roboter darauf platziert werden muss, um damit zu interagieren.

Kreiermodus: Unbegrenzte Möglichkeiten

Im Kreiermodus kann ich das Gelernte anwenden und meine eigenen Programmabläufe erstellen. Dabei stehen mir von Beginn weg alle möglichen Code-Blöcke zur Verfügung. Es ist aber dennoch ratsam, zuerst die von Clementoni gestellten Aufgaben zu lösen, um sich mit den Blöcken und deren Funktionsweisen bekannt zu machen, bevor selbst Hand angelegt wird. Es macht Spass, die Blöcke aneinanderzureihen und zu schauen, ob der Roboter das macht, was ich ihm aufgetragen haben. Oder auftragen wollte, mir dann aber beim Coding Fehler unterlaufen sind – die serviert mir der Robomaker dann auf dem Silbertablett. Die beiden schnellen Motoren sorgen dafür, dass sich die Raupen des Roboters bewegen. Der langsamere Motor ist für die Greifzange zuständig. Die Infrarotsensoren erkennen Linien am Boden oder Hindernisse vor dem Robomaker. Der Touch-Sensor schliesslich registriert Berührungen – beispielsweise dann, wenn ich den Roboter mit ein wenig Kreativität und zu vielen Vorwärtsbewegungen direkt in die Wand hinein programmiere. Das Wissen, welches Teil was auslöst, ist hilfreich, falls ich mir meinen eigenen Roboter baue und ihn im Kreiermodus selbst programmieren will.

Im Kreiermodus kann ich mit den Code-Blöcken machen, was ich will.
Im Kreiermodus kann ich mit den Code-Blöcken machen, was ich will.

Steuermodus: Robomaker ist auch ein ferngesteuertes Auto

In diesem Modus übernehme ich die Kontrolle meines Roboters, ohne dass ich zuerst irgendwelche Programme schreiben muss. Ich kann sogar die Kamera meines Smartphones oder Tablets aktivieren und den Roboter so über die App beobachten, während ich ihn steuere. Auch Foto- und Videoaufnahmen sind möglich. Das ist ein praktisches Features: So muss ich die App nicht verlassen, um ein Foto vom Robomaker in Aktion zu machen. Ich bewege im Steuermodus den Roboter in alle Himmelsrichtungen, sehe, wann welche Motoren und Sensoren aktiv sind, spiele über den integrierten Lautsprecher Töne ab oder öffne und schliesse den Greifarm. Auch dieser Modus funktioniert störungsfrei. Ich verliere nie die Verbindung zum Robomaker und er macht immer genau das, was ich im auftrage. Noch selten habe ich eine derart fehlerlose App in Kombination mit einer unterbrechungsfreien Verbindung zum Roboter gesehen.

Im Steuermodus sehe ich via Handykamera, was der Roboter macht.
Im Steuermodus sehe ich via Handykamera, was der Roboter macht.

Fazit: Sehr viel Spass für sehr wenig Geld

Der Robomaker von Clementoni lässt keine Wünsche offen. Egal, ob ich Programmiernovize oder Coding-Experte bin: Mit diesem Roboter wird es mir nie langweilig. Der Spass beginnt bereits beim Zusammenbau, wo ich zwischen fünf Modellen wählen kann – je nachdem, wie viele Teile und Sensoren ich verbauen möchte und wie viel ich mir beim Coding zutraue. Die animierten und extrem detaillierten digitalen Bauanleitungen machen Fehler unmöglich. Das Material wirkt wertig, fällt auch bei intensivem Gebrauch nicht auseinander und lässt sich leicht wieder demontieren. Es ist alles dabei, was es braucht – Anleitungen, Motoren, Sensoren, Kartonelemente und Spielunterlagen. Abzüge gibt's nur für den fehlenden Akku, das Geklebe und den Plastikabfall. Lange Rede, kurzer Sinn: Für unglaublich wenig Geld kriege ich unglaublich viel Roboter, Coding und Spass. Der Robomaker ist eine uneingeschränkte Kaufempfehlung und mein Topfavorit im Robotik-Bereich.

Welchen Roboter ich mir als Nächstes ansehen werde, weiss ich nicht. Ob's einen gibt, der es mit dem Robomaker aufnehmen kann? Falls du dazu einen Geheimtipp hast, schreib's mir in die Kommentarspalte. Willst du stets up-to-date sein und keine Robotik- oder Gadget-Highlights mehr verpassen, dann klicke auf den «Autor folgen»-Button bei meinem Autorenprofil.

Der Robomaker von Clementoni macht unheimlich viel Spass.
Der Robomaker von Clementoni macht unheimlich viel Spass.

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Raphael Knecht
Raphael Knecht

Senior Editor, Zürich

Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne hüglige Cyclocross-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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