Bügeln ist Selbstkasteiung

Bügeln ist Selbstkasteiung

Carolin Teufelberger
Zürich, am 23.06.2020
Ich wasche meine Wäsche – sogar nach hell und dunkel getrennt – und ich hänge die klammen Kleidungsstücke fein säuberlich an dem Stewi auf. Aufgaben, die mich nicht mit Zufriedenheit erfüllen, aber nötig sind. Wo ich endgültig die Reissleine ziehe, ist beim Bügeln.

Als ich letztes Jahr nach Zürich gezogen bin, habe ich ordentlich ausgemistet. Unter anderem ein Bügelbrett und ein Bügeleisen, die mir die Oma meines damaligen Freundes vermachte. Weil ich mich weder in ein Rollenbild der 50er-Jahre noch in einen knitterfreien Lebensstil zwängen lassen wollte, habe ich die beiden Dinge einer Freundin vermacht, die sie immerhin ein paar Mal pro Jahr nutzt. Bei mir hat sich deren Einsatz auf hektische Glättversuche von Hemden meines Freundes vor Hochzeiten beschränkt. Wo wir wieder bei überholten Genderrollen wären. Liebe als Weichspüler der eigenen Emanzipation.

Warum?

Dabei verschmähe ich büglen nicht primär aus Gleichstellungsgründen, sondern weil ich den Sinn nicht erkenne. Wenn ich meine Kleidung zum Trocknen aufhänge, sieht die danach nicht wie ein Shar-Pei-Welpe aus. Ich schüttle T-Shirts kurz aus und hänge sie dann über die Leine. Jeans sind eh kein Problem und die zwei Blusen, die ich besitze, landen am Bügel. So sind die faltenfreier, als wenn ich mit dem Bügeleisen drüberfahren würde. Bettwäsche ist nach der ersten Nacht eh wieder knittrig und muss daher nie geglättet werden. Und dann gibt’s da noch die Sache mit der Unterwäsche, die das ganze Konzept ad absurdum führt. Lange hielt ich es für einen Mythos, dass es Menschen gibt, die tatsächlich ihre Boxer Briefs und Tangas bügeln. Bis ich eine solche Person kennenlernte. Äusserlich ist nichts von dem verstörten Innenleben wahrzunehmen. Die Probleme müssen aber augenscheinlich da sein, sonst würde niemand Sachen bügeln, die, wie es der Name vermuten lässt, unter der eigentlichen Wäsche getragen werden. Treibt sie die Angst, bei einem notfallmässigen Arztbesuch für die bügelfreien Schlüpfer verurteilt zu werden? Oder der Gedanke, dem potentiellen Geschlechtspartner mit der gebügelten Unterhose imponieren zu können? Ich weiss es nicht.

Bedeutend mehr Falten als meine ungebügelte Kleidung: ein Shar-Pei-Welpe.
Bedeutend mehr Falten als meine ungebügelte Kleidung: ein Shar-Pei-Welpe.

Im Gegensatz dazu habe ich ein harmonisches Verhältnis zu Falten. Ich lasse mich von vermeintlicher Imperfektion nicht irritieren. Ich fühle mich nicht als minderwertiges Wesen, weil mein T-Shirt am Ärmel nicht ganz glatt ist. Falten sind ein Sinnbild für Lebensfreude. Nicht nur im Stoff, sondern auch im Gesicht. Während du noch bügelst, stosse ich mit meinen Lachfalten schon zum Feierabendbier an. Mit Leuten, die nicht merken werden, dass deine Unterhose gebügelt ist und meine nicht. Und falls sie es doch tun sollten, ist das für mich ein klares Zeichen dafür, dass wir nie wissen werden, wie sich eine tiefe Freundschaft zwischen uns angefühlt hätte.

Befreie dich von der Selbstkasteiung

Ich gebe zu, dass ich mir bewusst eher einfache Stoffe zutue. Stoffe, die sich in der Maschine waschen lassen und danach nicht wie ein in Raserei zerknülltes Papier aussehen. Eine Frage der Intelligenz für mich. Ich mache mir mein Leben nicht unnötig kompliziert. Das schafft es schon von ganz alleine. Jede nicht zwingende unbefriedigende Aufgabe streiche ich aus meinem Alltag. Ich halte nichts von Selbstkasteiung. Ich widme mich lieber meinen Interessen. Der Transparenz wegen muss ich zugeben, dass es bis anhin zu einer Handvoll Vorfällen gekommen ist, bei denen sogar mich die Falten übermannt haben. Ein dreiwöchiger Aufenthalt einer Bluse in einem Reiserucksack hat sich für mich zum Beispiel nicht bewährt. Aber auch für solche Fälle brauche ich kein Bügeleisen. Ein Föhn tut es allemal. Einfach Kleidungsstück gerade ziehen und die heisse Luft erledigt den Rest. Das Resultat mag nicht perfekt sein, vorzeigbar ist es aber allemal.

Keine Angst vor Falten

Ich verurteile niemanden, der bügelt. Vielleicht macht die Aufgabe einigen Menschen wirklich Spass. Vielleicht ist faltenfreie Kleidung für manche eine Manifestation echten Selbstbewusstseins. Vielleicht fördert der Akt des Bügelns bei anderen einen gesunden Geist. Das ist alles in Ordnung. Ich will lediglich einen Denkanstoss geben. Angeblich normative Konzepte müssen nicht blind übernommen werden. Man darf die Sinnfrage stellen. Man darf Befriedigung über Bürde stellen. Und man darf das Bügelbrett in der Ecke stehen lassen. Spätestens nach 30 Minuten Sitzen sehen wir eh alle gleich aus.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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