
Kritik
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von Kim Muntinga

Süße Optik, harte Realität: «Timberborn» verlässt den Early Access als anspruchsvolles Survival-Schwergewicht. In Version 1.0 trifft geniale Wasserphysik auf komplexe Automatisierungsmöglichkeiten. Hinter der charmanten Fassade erwartet dich Tüftelei mit strategischem Tiefgang.
Als «Timberborn» 2021 im Early Access erschien, stieß es auf einige Skepsis. Ein Aufbauspiel mit Bibern, die Dämme errichten und Häuser in die Höhe stapeln? Das klingt zunächst nach einer charmanten Spielerei, irgendwo zwischen Nischenprojekt und Meme. Auch ich klickte neugierig hinein, ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Doch ich merkte schnell: «Timberborn» hat Substanz.
Das Spiel ist weder ein Abklatsch anderer Simulationen noch ein entspanntes Cozy-Game. Schon im Early Access präsentiert sich «Timberborn» als überraschend fordernde Simulation, die mich früh mit existenziellen Problemen konfrontiert. Wasser wird zum Lebenselixier, Dürreperioden zur ständigen Bedrohung und die putzigen Nager sind die Protagonisten eines echten Survival-Spiels. Mit an Bord sind jede Menge frische Gameplay-Elemente, die ich sonst noch nicht erlebt habe.
Jetzt hat «Timberborn» den Early Access verlassen. Nach vielen neuen Funktionen, die in den vergangenen Jahren hinzugekommen sind, bringt auch der 1.0-Patch weitere Features mit. Besonders markant: Das Leben in Biber-Town lässt sich jetzt umfassend automatisieren.
Der Full Release ist für mich Anlass genug, nach ein paar Jahren Abstinenz wieder ein neues Spiel zu starten. Das bezahlt schon nach wenigen Minuten eine Handvoll Biber mit ihrem virtuellen Leben. Ich habe ganz vergessen, wie hart das Leben in «Timberborn» sein kann.

Auf den ersten Blick spielt «Timberborn» mit seinem «Minecraft»-artigen Block-Terrains optisch nicht in der obersten Liga. Harte Kanten definieren das Gelände, das dadurch wie ein Klemmbaustein-Diorama wirkt. Spätestens beim Blick auf die Protagonisten des Spiels, die Biber, relativiert sich dieser Eindruck jedoch schnell.
Die kleinen süßen Nager wuseln herum und transportierendabei Baumstämme, Fässer und Kisten. Auf den Feldern des Bauernhofs tragen sie Strohhüte als Sonnenschutz. Am späten Abend versammelt sich die Bibergemeinschaft um ein Lagerfeuer, bevor sie sich ins Bett legen und losschnarchen. Später siehst du Biber, die sich im Wasser des Freibads treiben lassen, während sich nebenan Sonnenblumen im Wind wiegen – ein neues optisches Feature im Full Release.

Beim Start eines Spiels wähle ich eine von zwei spielbaren Fraktionen: die naturverbundenen Rustikalruten und die auf Effizienz und Technik getrimmten Eisenzähne. Die beiden Arten unterscheiden sich nicht nur optisch, sondern auch durch einige andere Mechaniken und Gebäude. Rustikalruten pflanzen sich beispielsweise auf natürliche Weise fort. Dafür reicht ein freies Bett in einem Wohnhaus. Eisenzähne kennen keine Familie. Bei ihnen stammen neue Biber aus dem Klontank.
Das Cuteness-Level ist bei beiden Fraktionen sehr hoch – und es täuscht. Was niedlich aussieht, kann sich schnell in eine humanitärebiberitäre Katastrophe verwandeln, wenn zu wenig Wasser und Essen eingelagert ist. Was habe ich schon geschwitzt, wenn schwindende Vorräte und leere Nagermägen in einen Wettlauf gegen die Restdauer einer langen Dürreperiode eintreten.

Wer das Beinahe-Aussterben der Biberkolonie einmal erlebt hat, wird in Zukunft besser aufpassen. Deswegen passiert mir das auch in der Regel nicht mehr. «Timberborn» ist unerbittlich, wenn du die Mechaniken nicht kennst, aber nicht grundsätzlich schwer wie etwa «Frostpunk». Normalerweise herrscht in «Timberborn» eine fröhliche, optimistische Atmosphäre, die durch die leise vor sich hindudelnde Hintergrundmusik unterstrichen wird.
Das Highlight von «Timberborn» ist die geniale Wassermechanik. In der postapokalyptischen, vertrockneten Biberwelt sind die kleinen Nager auf Gedeih und Verderb auf frisches Wasser angewiesen. Flüsse bewässern den Bereich entlang der Ufer und ermöglichen den Anbau von Karotten, Kartoffeln und anderem Gemüse. Gleichzeitig dienen sie als Trinkwasserquelle und treiben über Wasserräder Produktionsgebäude wie Sägewerke an.
Das Problem: In unregelmäßigen Abständen treten Dürreperioden auf. Dann versiegen sämtliche Wasserquellen und die Flussbetten fallen trocken. Für die Pflanzen bedeutet das nach wenigen Tagen ohne Bewässerung den Vertrocknungstod. Und auch meine Biber überleben nicht lange, wenn ich nicht rechtzeitig ausreichend Wasser- und Nahrungsvorräte anlegen lasse.

Zum Glück haben Biber eine bewährte Antwort auf dieses Problem: Sie bauen Dämme und stauen damit Wasser auf. Genau das machen auch die virtuellen Bewohner von «Timberborn». Dank der ausgeklügelten Wasserphysik lässt sich der Fluss durch Bauwerke und Eingriffe ins Terrain manipulieren. Je größer oder tiefer der künstliche Stausee ausfällt, desto länger hält das Wasserreservoir.
Da die Dürreperioden immer länger dauern, wächst auch der Druck, das Reservoir zu vergrößern oder neue Seen anzulegen. Dazu lasse ich Dämme, Deiche und Schleusen errichten. Später greife ich sogar zu Dynamit, um Kanäle in den Boden zu sprengen, mit denen ich das Wasser in neue Bereiche lenke.
Die Vorbereitungen für kommende Dürren, das Lenken des Wasserflusses und das Formen der Landschaft haben mich in «Timberborn» von Anfang an begeistert. Während des Early Access implementierte das Team zudem neue Mechaniken wie giftiges «Faulwasser» und Wasserkanäle auf Plattformen. Wer schon seit Jahren nicht mehr ins Spiel geschaut hat, könnte also mal wieder einen Blick riskieren.

Ein weiteres Highlight ist das Bausystem. Auch hier orientieren sich die Entwicklerinnen und Entwickler an echter Biberarchitektur: Die realen Nagetiere schichten Holz meterhoch zu komplexen Bauten auf. So ist auch im Spiel vertikales Bauen die Devise. Viele Gebäude sind stapelbar. Das eröffnet mir kreative Freiheiten, die viele andere Aufbausimulationen nicht bieten können.

Ich baue meine Biberstädte an Felswänden, als Wohn- und Lagertürme oder auf Plattformen direkt auf dem Fluss. Ein System aus Brücken, Treppen und Gerüsten sorgt dafür, dass die Biber alle Gebäude erreichen können. Seit 2025 gibt es für Rustikalruten zudem Seilrutschen im Spiel. Damit bewegen sich die Kleinen schneller und unabhängig von den verschachtelten Wegen über die Stadt. Eisenzähne können dagegen ein Röhrentransportsystem wie in «Satisfactory» aufbauen.

Durch das vertikale Bausystem unterscheiden sich alle meine Bibersiedlungen enorm. Und nicht nur das Häuserstapeln und das Tüfteln an einer möglichst effizienten Wegführung machen viel Spaß. Den fleißigen Nagern dabei zuzusehen, wie sie über mein Werk wuseln, ist mir eine ganz besondere Freude.
Ja, auch in «Timberborn» gibt es Forsthäuser, Sägewerke und Bauernhöfe. Die braucht ein Aufbauspiel einfach. Davon abgesehen scheinen sich die Entwickler viele Gedanken gemacht zu haben, wie sie die Spielerschaft mit ungewöhnlichen Ideen überraschen können.
Es gibt etwa witzige Freizeitbeschäftigungen wie Karussells, Freibäder und blubbernde Schlammgruben. In einem Spezialgebäude können sich Biber ihre Schwänze mit individuellen Bildern bedrucken lassen. Zahnschleifsteine helfen gegen abgebrochene Nagezähne, Duschen sorgen für ein angenehm nasses Fell.

Gut gelaunte Biber sind wichtig: Fühlen sie sich wohl, arbeiten und bewegen sie sich schneller und haben ein längeres Leben. Im fortgeschrittenen Spielverlauf können hölzerne Roboter sogar einen Teil der Arbeit übernehmen. Sie transportieren Güter und können auch einige einfache Produktionsaufgaben übernehmen.
Elektrizität haben meine Nager trotz solch fortschrittlicher Errungenschaften noch nicht entdeckt. Aber sie nutzen Wasser-, Wind- und Muskelkraft für den Antrieb spezieller Gebäude. So liefert ein Wasserrad im Fluss je nach Strömungsstärke bis zu 270 PS. Mithilfe eines hölzernen Systems aus Wellen und Zahnrädern übertrage ich die Energie zu meinen Sägewerken und anderen Gebäuden.

Wenn in Dürrezeiten der Wasserfluss zum Erliegen kommt, stehen die Wasserräder still. Windturbinen und im Hamsterrad rennende Biber sorgen dafür, dass die Show halbwegs weitergehen kann. All diese Elemente sorgen dafür, dass sich die Welt lebendig und das Setting unverbraucht anfühlen.
Gewöhnungsbedürftig finde ich dagegen das Menü. Obwohl ich Forschungspunkte generiere, gibt es keinen Forschungsbaum. Neue Gebäude schalte ich direkt im Baumenü frei. Der Vorteil: Ich entscheide selbst, wann ich welche neue Technologie bekomme. In der unteren Menüleiste sammeln sich verschiedene Funktionen: Neben diversen Baumenüs liegt etwa das Werkzeug zur Priorisierung von Baustellen und das Tool zur Kennzeichnung von zu fällenden Bäumen. Das könnte besser unterteilt sein.

Der Full Release bringt nochmal ein größeres Update mit, das mich noch mehr tüfteln lässt. Musste ich bisher Schleusen händisch öffnen und schließen oder Arbeitskräfte je nach Arbeitsaufkommen verwalten, kann ich jetzt Sensoren verwenden. Das sind kleine Spezialgebäude, die mich verschiedene Auslöser – wie den Beginn einer Dürreperiode – mit Gebäudefunktionen verknüpfen lassen – zum Beispiel: Schleusen schließen und Laufräder aktivieren. Es gibt zahlreiche neue Sensoren, die unterschiedlichste Parameter erfassen. Clever eingesetzt ersparen sie mir viel Mikromanagement.

«Timberborn» ist seit dem 12. März 2026 im Full Release für PC erhältlich.
Nach einer kurzen Eingewöhnung an den Klötzchen-Look und die Steuerung entfaltet «Timberborn» seine ganze Stärke: Das Spiel überzeugt mit durchdachten Ideen und bemerkenswerter Tiefe. Beim Bauen, Freischalten neuer Gebäude und der gezielten Formung des Terrains genieße ich enorme Freiheiten. So kann dieselbe Startkarte bei zwei Durchgängen völlig unterschiedlich genutzt werden.
Die niedliche Biberbande einerseits und die ungewöhnlichen, teils fordernden Systeme machen schnell klar: «Timberborn» ist weit mehr als ein weiterer Stadtbausimulator. Das Gameist etwas Besonderes. Die Spielerfahrung fühlt sich eigenständig und erfrischend anders an. Immer wieder verliere ich mich darin, Gebäude effizient zu verschachteln oder mein Wassermanagement weiter zu optimieren.
Pro
Contra
Fühlt sich vor dem Gaming-PC genauso zu Hause wie in der Hängematte im Garten. Mag unter anderem das römische Kaiserreich, Containerschiffe und Science-Fiction-Bücher. Spürt vor allem News aus dem IT-Bereich und Smart Things auf.
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