

Bei Asmodee rascheln die Booster lauter als die Spielschachteln
Asmodee legt starke Zahlen vor. Der Jahresbericht zeigt aber: Der Wachstumsschub kommt vor allem durch Sammelkarten. Für Brettspielfans ist das spannender, als ein Finanzbericht zunächst vermuten lässt.
Asmodee klingt für viele Brettspielfans nach «Zug um Zug», «Dixit», «Dobble», «7 Wonders» oder «Exploding Kittens». Nach Abenden am Küchentisch. Nach Karton, Holz, Plastikfiguren und Menschen, die Spielregeln erst verstehen, wenn sie schon verloren haben. Der aktuelle Jahresbericht des Konzerns erzählt jedoch eine andere Geschichte: Asmodee wächst kräftig. Der grösste Schub kommt aber nicht aus dem klassischen Brettspielgeschäft.
Der Umsatz stieg im Geschäftsjahr 2025/26 auf 1,68 Milliarden Euro. Das sind 23 Prozent mehr als im Vorjahr. Die spannendste Zahl steht aber weiter hinten im Bericht: Allein mit Trading Card Games, kurz TCGs, erzielte Asmodee gut 1,02 Milliarden Euro Umsatz. Mit klassischen Brettspielen waren es 527 Millionen Euro. Anders gesagt: Sammelkarten sind bei Asmodee inzwischen fast doppelt so gross wie Brettspiele.
Das muss man kurz sacken lassen. Viele nehmen Asmodee vor allem als Brettspielriesen wahr. Tatsächlich wächst der Konzern aber dort besonders stark, wo Fans Booster öffnen, Displays vorbestellen und neue Sets diskutieren.
Pokémon, One Piece und Magic: Asmodee ist Teil der Maschine
Wichtig ist: Asmodee produziert nicht einfach «Pokémon»-Booster oder druckt «Magic»-Karten. Die Marken gehören anderen Unternehmen. «Pokémon» liegt bei «The Pokémon Company», «Magic: The Gathering» bei «Wizards of the Coast» und «Hasbro», «One Piece» im TCG-Bereich bei «Bandai». Asmodee hat diese Welten also nicht erfunden, sondern bringt sie lediglich in den Handel.
Im Jahresbericht spricht Asmodee von «Games published by partners», also von Spielen und Sammelkarten externer Partner. Diese Partnerprodukte sind 2025/26 um 40 Prozent gewachsen. Die eigenen Asmodee-Studios gingen dagegen um 5,8 Prozent zurück.


Magic the Gathering The Lord of the Rings: Tales of Middle-earth
Englisch, Booster Display

Das klingt weniger romantisch als die Vorstellung vom nächsten grossen Autorenspiel. Wirtschaftlich zählt es aber mindestens genauso. Ein Brettspiel kaufst du einmal. Vielleicht spielst du es zehn Jahre lang. Vielleicht landet es nach zwei Partien im Regal, direkt neben dem schlechten Gewissen.
Ein TCG funktioniert anders: neue Sets, neue Karten, neue Decks, neue Turniere, neue Sammelziele. Es ist Spiel, Sammelobjekt, Community und Produktzyklus in einem.
Sammelkarten sind der Traum jedes Vertriebs
Für einen Konzern wie Asmodee ist das attraktiv. Sammelkarten brauchen funktionierende Logistik, gute Beziehungen zum Fachhandel und verlässliche Verfügbarkeit. Genau dort ist Asmodee stark und verdient als Partner an jedem Booster ein paar Rappen oder Cent mit.
Dass sich Vertrieb lohnt, zeigt sich auch an Blackfire. Der deutsche B2B-Distributor gehört seit 2018 zu Asmodee und beliefert lokale Hobbyläden. Im TCG-Bereich führt Blackfire unter anderem «Magic: The Gathering», «One Piece», «Pokémon», «Yu-Gi-Oh!», «Dragon Ball», «Digimon» und weitere Marken.
Für die Schweiz gilt allerdings: Nicht jede Marke läuft automatisch über Asmodee. Bei Pokémon listet die offizielle Reseller-Seite für die Schweiz Carletto. In anderen europäischen Ländern tauchen dagegen mehrere Asmodee-Gesellschaften auf.
Partyspiele sind plötzlich Teil der Konzernstrategie
Der zweite spannende Teil des Berichts hat weniger mit Sammelkarten zu tun, aber viel mit Wachstum: Partyspiele. Asmodee hat «ATM Gaming» übernommen. Das französische Unternehmen entwickelt Social Games wie «Quickstop», «Holy Sheep» und «Pili Pili». Asmodee nennt Partyspiele die am schnellsten wachsende Kategorie im Brettspielmarkt.

ATM Gaming Quickstop Das Buchstabenduell
Deutsch, 2 - 7 Spieler


Partyspiele standen lange als kleine, laute Spiele am Rand des Regals. Gut für Familienfeste, WG-Küchen, Apéros und Menschen, die bei «Terraforming Mars» schon beim Aufbau innerlich kündigen. Inzwischen sind sie strategisch wichtig.
ATM Gaming soll im Geschäftsjahr 2026/27 mindestens 50 Millionen Euro Umsatz beitragen. Für einen Bereich, der oft als unkomplizierter Mitbringspass belächelt wird, sind das ziemlich erwachsene Zahlen.
Auch hier passt die Logik zum Sammelkartenboom: Partyspiele sind niedrigschwellig, schnell erklärt und leicht teilbar. Sie funktionieren am Tisch, auf Social Media und im Handel. Sie brauchen keine dreistündige Regelrunde, sondern nur eine Gruppe, einen guten Moment und im Idealfall einen Namen, den man sich merkt.
Das klassische Brettspiel ist nicht tot
Aus diesen Zahlen könnte man leicht eine Untergangsgeschichte machen: Das klassische Brettspiel verliert, Sammelkarten gewinnen, Partyspiele übernehmen den Rest. So einfach ist es aber nicht.
Asmodee schreibt für das vierte Quartal, dass Brettspiele in allen Regionen gewachsen seien. Der Bericht nennt auch eigene Neuheiten, darunter «Dixit Kids» und «The Lord of the Rings: The Two Towers Trick-Taking Game». Klassische Brettspiele bleiben also wichtig.


Lord of the rings : The Two Towers Trick-Taking Game (ODLO05EN)
Deutsch, Englisch, 1 - 4 Spieler
Die Wachstumsmusik spielt aber gerade anderswo. Im Gesamtjahr lagen Brettspiele bei Asmodee leicht unter dem Vorjahr. TCGs legten dagegen massiv zu. Dazu kommt: Selbst bei den eigenen Asmodee-Studios bremste «Star Wars: Unlimited» die Entwicklung. Das Spiel konnte nicht mit dem starken Vorjahreszeitraum direkt nach dem Launch mithalten.
Das zeigt: Auch Sammelkarten sind keine Selbstläufer. Ein TCG kann explodieren. Es kann nach dem ersten Hype aber auch wieder auf ein normales Niveau zurückfallen. Wer in diesem Bereich wachsen will, muss ständig nachlegen.
Was das für Brettspielfans bedeutet
Für uns Fans heisst das nicht, dass bald nur noch Booster auf dem Tisch liegen. Aber es bedeutet: Die Branche verschiebt sich.
Brettspiele sind nicht mehr nur einzelne Schachteln, die Verlage entwickeln, veröffentlichen und dann jahrelang verkaufen. Systeme werden wichtiger: Markenwelten, Lizenzen, Zubehör, Turniere, Events, Communitys, Social-Media und Vertriebsnetze.
Asmodee steht damit für eine Branche, die breiter geworden ist. Der Konzern verdient mit eigenen Spielen, Partnerprodukten, TCGs, Zubehör, Distribution und schnellen Partyspielen. Das ist weniger gemütlich als das Bild vom Spieleabend bei Kerzenlicht. Es erklärt aber gut, warum ein Brettspielkonzern heute anders funktioniert als noch vor zehn Jahren.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Jahresberichts: Asmodee wächst nicht einfach, weil Brettspiele boomen. Asmodee wächst, weil das Hobby rund um den Spieltisch grösser, schneller und kommerziell vielseitiger geworden ist. Und weil der moderne Spieltisch manchmal nicht mit dem Öffnen einer Schachtel beginnt, sondern mit dem Öffnen eines Boosters.
Spielst du selbst TCGs oder bleibst du lieber bei klassischen Brettspielen? Schreib es in die Kommentare.
Bezahlt werde ich dafür, von früh bis spät mit Spielwaren Humbug zu betreiben.
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