Mein Bücherregal – das nicht meins ist
PortraitBücher

Mein Bücherregal – das nicht meins ist

Carolin Teufelberger
Zürich, am 16.12.2021

Mein Freund regiert das Bücherregal mit eiserner Faust. Wenige meiner Bücher haben darin bislang einen Platz erhalten. Noch weniger sind von Schriftstellerinnen.

In meinem Bücherregal herrscht kein Chaos, weil ich nichts zu sagen habe. Mein Freund hat es beim Einzug mitgebracht. Was wiederum im Regal einzieht, wird von ihm streng auf literarischen und optischen Wert geprüft. Trotzdem wohnen dort Hunderte von Büchern. In Einkaufstüten musste ich sie drei Stockwerke hochschleppen und eine ganze Wand im Wohnzimmer hergeben. Deswegen steht der Fernseher nun im Schlafzimmer. Ein Fehler, der schon bald korrigiert wird.

Dauernd stellt sich die Frage: Lesen oder DVD schauen?
Dauernd stellt sich die Frage: Lesen oder DVD schauen?

Von A wie Achebe bis Z wie Zweig

Nachdem mir die Henkel der Papiersäcke durch das Gewicht der Bücher die Hände eingeschnitten haben, musste ich helfen, die Werke alphabetisch zu sortieren. Nach Nachnamen der Autor:innen. Wobei hier das generische Maskulin nicht fehl am Platz wäre. Das Buch von Gertrude Stein, das noch ungelesen auf der Wohnzimmerkommode liegt, habe ich meinem Freund zum 30. Geburtstag geschenkt. Es ist sein drittes Buch einer Schriftstellerin.

Immerhin ist er sich dieser Schande bewusst. Im Regal gibt’s die weitaus grösseren Chauvinisten, zumindest aus heutiger Sicht. Der Buchstabe «B» bietet zwar grossartige Literatur, aber auch einen Einblick in ein noch etwas anderes Frauenbild. Da steht Samuel Beckett («Wenn Frauen nicht mehr wissen, was sie tun sollen, ziehen sie sich aus, und das ist wahrscheinlich das Beste, was Frauen tun können.») neben Gottfried Benn («Eine Frau ist etwas für eine Nacht. Und wenn sie schön war, noch für die nächste.») und Charles Bukowski («Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren.»). Sollte ich sie canceln? Nein. In diesem Fall bin auch ich fürs richtige Einordnen.

Die Bs haben es faustdick hinter den Ohren.
Die Bs haben es faustdick hinter den Ohren.

Dafür gibt’s unten rechts Geschichtsbücher. Sie sind gleich neben unzähligen Architekurwälzern und Kunstbänden. Diese drei Genres sind nicht alphabetisch, sondern thematisch sortiert. Was mir hierbei sinnvoll erscheint, da die Autor:innen meist eine untergeordnete Rolle spielen.

Schwarze Pädagogik von mir

Persönlich habe ich genau einen Klassiker der Weltliteratur mit ins diktatorisch verwaltete Regal gebracht: Struwwelpeter. Auch der ist heute nicht mehr unbestritten. Schwarze Pädagogik und repressives Strafverhalten würden darin vorgelebt. Stimmt. Ich sehe das Buch deshalb nicht als Erziehungsratgeber, sondern als Relikt meiner Kindheit. Bei Oma und Opa habe ich die Geschichten von Hanns Guck-in-die-Luft und der zeuselnden Pauline zigmal gelesen. Und trotzdem weiterhin meinen Finger durch Kerzenflammen gezogen und alles was nicht niet- und nagelfest war, an ihnen entzündet.

Ein Klassiker der kindlichen Einschüchterung.
Ein Klassiker der kindlichen Einschüchterung.

Nach knapp einem Jahr mit dem Bücherregal (und meinem Freund) in der Wohnung haben es eine Handvoll weiterer Bücher von mir hinein geschafft. Zum Beispiel «Things Fall Apart» des nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe. Und ich verstehe unterdessen sogar das mit der alphabetischen Sortierung.

Alles voll.
Alles voll.

Wie der Vater, so der Sohn

Eine ganze Wohnzimmerwand nimmt das Holzregal ein, davon ist schon jetzt beinahe jeder Platz mit Büchern besetzt. Und es werden immer mehr. Als Sohn eines Antiquars, der etwa 50 000 Bücher hat, sitzt mein Freund an der Quelle seiner Sucht Leidenschaft. Nach gefühlt jedem Wochenende bei seinem Vater in Graubünden landen neue Bücher im Regal. Ohne Ordnung stünde ich minutenlang davor, auf der Suche nach Claude Lévi-Strauss’ Reisebericht «Traurige Tropen».

Nur dank dem grossen Bücherregal und dem dort versammelten Wissen ist mir überhaupt bewusst geworden, dass mich Ethnologie so sehr interessiert. Oder dass ich ab und zu auch Lyrik etwas abgewinnen kann. Oder, dass Michail Bakunin ein grosser Anarchist war. Oder… Du siehst: In meinem Bücherregal, das gar nicht meines ist, gibt’s für jedes Bedürfnis das passende Buch. Ausser das Bedürfnis lautet: Lies ein Buch einer Schriftstellerin. Aber daran arbeite ich.

Chaotisch, chronologisch, alphabetisch; nach Farben, nach Grösse, nach Stimmung; geografisch, autobiografisch, thematisch. Jede:r hat eigene Vorstellungen, wie ein Bücherregal eingeräumt zu sein hat. Wir Redaktor:innen von Digitec Galaxus zeigen dir unsere Regale. Als Nächstes: Martin Jungfer.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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