So nicht: Auch bei Fahrzeugen mit Fahrassistenten gehören die Hände laut Hersteller immer ans Lenkrad.
So nicht: Auch bei Fahrzeugen mit Fahrassistenten gehören die Hände laut Hersteller immer ans Lenkrad.
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«Autopilot»: Wenn der Name nicht Programm ist

Raphael Knecht
Zürich, am 27.06.2019
«Super Cruise»? «Verkehrsassistent»? Oder doch «Autopilot»? Klingt alles irgendwie identisch – ist es aber nicht. Weshalb es wichtig ist, wie Autohersteller ihre Fahrassistenten nennen.

Nicht nur Handys, sondern auch Fahrzeuge werden smarter. Vom automatischen Parkieren über die Geschwindigkeitsanpassung im Stau bis hin zum Halten der Spur – im 21. Jahrhundert steckt in jedem Auto ein Computer. Dieser bietet allerlei Unterstützung beim Autofahren. Tesla nennt seinen Fahrassistenten beispielsweise «Autopilot», Audi «Traffic Jam Assist», Cadillac «Super Cruise», BMW «Driving Assistant Plus» und Nissan «ProPilot Assist». Das klingt für mich alles irgendwie ähnlich. Zudem spielt es meiner Meinung nach keine grosse Rolle, wie das Hilfsmittel heisst.

Oh doch, und wie es das tut!

Hände weg vom Autopiloten

Eine von zehn Personen würde in einem fahrenden Auto ein Nickerchen machen, wenn ein Fahrassistent aktiviert ist und dieser «Autopilot» heisst. Das zeigt eine Studie des Insurance Institute for Highway Safety. Wie wichtig der Name des Fahrassistenten tatsächlich ist, untermauern die Antworten auf die Frage, ob die befragte Person die Hände vom Steuer nehmen würde, am eindrücklichsten. Wenn der Assistent die Bezeichnung «Autopilot» trägt, dann würden fast die Hälfte aller Befragten das Lenkrad loslassen. Heisst das Feature «Traffic Jam Assist» – Stauassistent –, dann fällt diese Zahl auf 20 Prozent.

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Vom Telefonieren bis hin zum freihändigen Fahren – der «Autopilot» macht’s scheinbar möglich. Quelle: iihs.org

Bei der Umfrage kannten die Teilnehmer zwar die Namen der Assistenten, wussten aber nicht, zu welchem Brand das jeweilige System gehört. Sie erhielten auch keine weiteren Infos zu den Systemen, beispielsweise was der «Autopilot» kann und der «Traffic Jam Assist» nicht. All diese Systeme funktionieren nicht ohne Eingriff des Fahrers. Das heisst, dass keiner der Assistenten ohne menschliche Komponenten genutzt werden kann. Und trotzdem gibt die Nomenklatur dem Lenker des Autos falsches Vertrauen in die Fähigkeiten des Systems.

Ab Level 1 wird’s spannend

Die SAE International (ehemals Society of Automotive Engineers) ist eine gemeinnützige Organisation, die sich um Fortschritt, Technik und Wissenschaft bei Fortbewegungsmitteln und -arten kümmert. Sie hat eine Skala ausgearbeitet, die von Level 0 bis 5 angibt, wie weit fortgeschritten bei einem Fahrzeug das System des automatischen Fahrassistenten ist.

  • Level 0: Der menschliche Fahrer macht alles.
  • Level 1: Ein automatisiertes System kann den Fahrer beim Ausführen einer bestimmten Teilaufgabe des Fahrprozesses unterstützen.
  • Level 2: Ein automatisiertes System kann den Fahrer beim Ausführen mehrerer Teilaufgaben des Fahrprozesses unterstützen. Der Fahrer muss dabei aktiv mit dem Fahrzeug interagieren und die automatisch ausgeführten Aufgaben überwachen.
  • Level 3: Ein automatisiertes System führt alle Teilaufgaben des Fahrprozesses eigenhändig aus. Der Fahrer muss aber bereit sein, bei einem Systemausfall zu intervenieren oder das Steuer zu übernehmen.
  • Level 4: Ein automatisiertes System führt alle Teilaufgaben des Fahrprozesses selbständig aus, ohne jeglichen Input des Fahrers, aber nur bei gewissen Bedingungen (beispielsweise bei einer Geschwindigkeit unter 30 km/h oder im Stadtzentrum).
  • Level 5: Ein automatisiertes System führt alle Teilaufgaben des Fahrprozesses selbständig aus, ohne jeglichen Input des Fahrers.
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So sehen die meisten Fahrassistenten auf dem Armaturenbrett aus (hier: Mercedes-Benz). Quelle: Mercedes-Benz Passion

Moderne Fahrzeuge sind mit den Systemen auf Level 1 oder 2 ausgerüstet, je nach Hersteller. Ein Beispiel für Level 1 ist die Fähigkeit, den PKW automatisch in der Mitte der Spur zu halten. Oder wenn das System die Geschwindigkeit und den Abstand zum vorausfahrenden Wagen hält. Kann der Fahrassistent beide Aufgaben gleichzeitig ausführen, entspricht dies bereits Level 2. Bis zu Level 5 und dem selbstfahrenden Auto ist es ein weiter Weg – wären da nicht die für viele Lenker irreführenden Bezeichnungen.

Ist der Name schuld?

Speziell beim Tesla scheint für viele der Wurm drin zu sein. Immer wieder erscheinen Meldungen über haarsträubende Unfälle mit den futuristischen Elektrowagen. Und jedes Mal war der «Autopilot» eingeschaltet. Obwohl der Hersteller ausdrücklich erwähnt, dass alle Funktionen «hands on»-Features sind, waren zudem die Hände der Unfalllenker nicht am Steuerrad. Egal, ob der Fahrer schlief oder anderweitig beschäftigt war. Glücklicherweise waren nicht alle Autos, die auf den Bildern und Videos im Internet abgebildet sind, auch in Crashes verwickelt.

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Bei Tesla-Unfällen ist oft die falsche Benutzung und irreführende Bezeichnung des Fahrassistenten der Auslöser. Quelle: CityNews Toronto

Die Studie der IIHS beweist, dass der Name Verwirrung streuen und falsche Sicherheit vermitteln kann. Einen Fahrassistenten «Autopilot» zu nennen, klingt zwar zukunftsweisend und kurbelt die Verkäufe an, führt aber zu mehr Unfällen. Ein solcher Name suggeriert, dass das Fahrzeug selbst fahren kann. Ein anderer Grund ist, dass viele Fahrer ihre Fähigkeiten auf der Strasse überschätzen und aus Prinzip keine Anleitungen lesen. Gerade bei Elektrofahrzeugen, die vollgestopft sind mit modernster Technik, kann dies fatale Folgen haben. Wenn der Assistent hingegen mit «Traffic Jam Assist» bezeichnet wird, dann ist jedem Lenker klar, was das System kann – und vor allem auch, was es eben nicht kann.

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Eines der wenigen Handbücher, die du lesen solltest: Die Anleitung für den Fahrassistenten. Quelle: view.joomag.com

Schlussendlich zählt aber immer noch, wie sich der Fahrzeughalter im Verkehr verhält – egal, wie der Fahrassistent heisst und welche Features er bietet. Die Autohersteller warnen die Lenker ausserdem explizit davor, bei eingeschalteten Assistenten die Hände vom Steuer und den Blick von der Strasse zu nehmen. Namen verwirren und Fahrassistenten helfen – die Schuld bei einem Unfall aber liegt immer noch beim Fahrer selbst.

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Raphael Knecht
Raphael Knecht
Senior Editor, Zürich
Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne bergige Rennrad-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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