Auch wer spät anfängt, kann ein guter Musiker werden
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Auch wer spät anfängt, kann ein guter Musiker werden

Spektrum der Wissenschaft
Heidelberg, am 26.02.2021
Ein Zeitfenster, in dem das Gehirn besonders empfänglich für Musik ist, gibt es nicht. Andere Faktoren sind entscheidender, zeigt eine Studie mit Musikprofis und Zwillingen.

Kinder lernen viele Dinge mit einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit, von der Erwachsene nur träumen können. Das hängt auch damit zusammen, dass das Gehirn in dieser Zeit besonders plastisch und wandlungsfähig ist. Wer schon in jungen Jahren mit dem Üben beginnt, dem wird deshalb meistens ein natürlicher Vorteil gegenüber Menschen zugesprochen, die erst später im Leben anfangen, sich eine bestimmte Fähigkeit anzueignen – ganz gleich, ob es zum Beispiel darum geht, eine neue Sprache zu lernen oder Leistungssport zu treiben.

Zumindest für das Musizieren scheint das aber offenbar nicht zu gelten: In einer grossen Studie fand ein Team um Laura Wesseldijk vom schwedischen Karolinska-Institut und von der Universität Amsterdam keine Hinweise darauf, dass es so etwas wie ein «sensibles Zeitfenster» in der Kindheit gibt, das besonders entscheidend für die Entwicklung von musikalischen Fähigkeiten ist. Dass Menschen, die früh ein Instrument spielen oder singen lernen, später oft bessere Musiker werden, hänge sowohl mit mehr Übungsstunden als auch mit förderlichen Genen und Umweltfaktoren zusammen, schreiben die Autoren im Fachmagazin «Psychological Science».

Die Forschungsgruppe stellte das musikalische Können von mehr als 300 professionellen Musikern und Musikstudenten auf die Probe. Die Versuchspersonen waren zum Zeitpunkt der Studie zwischen 27 und 54 Jahre alt und hatten zwischen ihrem 2. und 18. Lebensjahr damit begonnen, ein Instrument zu spielen oder zu singen. In einem Onlinetest mussten die Teilnehmer zunächst verschiedene Tonfolgen, Melodien und Rhythmen analysieren. Anschliessend sollten sie angeben, wie viel sie mit ihrem musikalischen Talent in der Vergangenheit bereits erreicht hatten.

Üben über alles

Zudem wollten Wesseldijk und ihr Team wissen, wie viel die Musiker übten – zum Zeitpunkt der Befragung und rückblickend in ihrer Kindheit und Jugend. Die Ergebnisse verglich die Arbeitsgruppe mit den Daten von mehr als 7000 ein- und zweieiigen Zwillingen, die ebenfalls zu verschiedenen Zeitpunkten in ihrem Leben gesungen oder ein Instrument gespielt hatten. Sie hatten im Vorhinein ähnliche Tests durchlaufen und ähnliche Angaben gemacht wie die professionellen Musiker.

Wer vor dem achten Lebensjahr mit dem Musizieren begonnen hatte, zeigte tatsächlich tendenziell bessere musikalische Fähigkeiten und hatte mehr erreicht als Personen, die erst später ihre Liebe zur Musik entdeckten. Das galt sowohl für die Profi- als auch für die Hobbymusiker aus der Zwillingskohorte. Der Zusammenhang verschwand allerdings fast vollständig, wenn die Forscher berücksichtigten, wie viele Stunden die Probanden insgesamt in ihrem Leben mit Üben zugebracht hatten.

Die geringfügige Verbindung, die blieb, liess sich mit Hilfe der Daten der Zwillingspaare vollständig auf genetische sowie Umweltfaktoren zurückführen. Probanden, die früh mit dem Musizieren begonnen und später auch besser in den Tests abgeschnitten hatten, hätten von ihren Eltern offenbar schlicht günstigere Gene mitbekommen und seien in einem Umfeld aufgewachsen, in dem ihr musikalisches Talent besonders früh erkannt und gefördert worden sei, argumentieren die Forscher: «Unsere Ergebnisse liefern wenig direkte Anhaltspunkte dafür, dass frühes Training einen spezifischen, kausalen Einfluss auf die spätere Leistung hat. Sie zeigen vielmehr, wie wichtig es ist, die Zahl der Übungsstunden sowie genetische und Umweltfaktoren miteinzubeziehen, wenn man untersuchen will, wie sich ein früher Trainingsbeginn auf die musikalischen Fähigkeiten im späteren Leben auswirkt.»

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