
Meinung
5 Jahre «Baldur’s Gate 3»: Warum das Game ein unwiederholbares Meisterwerk bleibt
von Rainer Etzweiler

Morgen stellt EA die «Anthem»-Server endgültig ab. Biowares Multiplayer-Shooter mit fliegenden Mechs konnte nie richtig abheben und das wurmt mich noch heute.
Der Hype um «Anthem» war so gewaltig wie die Mechs, die du durch beeindruckende Sci-Fi-Welten steuern konntest. Nach dem desaströsen «Mass Effect: Andromeda» sollte es Biowares fulminantes Comeback werden. Als «Anthem» schliesslich am 22. Februar 2019 erschien, war schnell klar: Das bisher Gezeigte war mehr Schein als Sein. Der E3-Trailer von 2017 stellte sich mehrheitlich als Fake heraus. Heute ist der letzte Tag, an dem du das Game spielen kannst. Morgen zieht EA den Servern den Stecker und schliesst das Kapitel «Anthem» endgültig. Schade, viel fehlte dem Spiel nämlich nicht und es wäre richtig gut geworden.
«Anthem» ist ein kooperativer Shooter, in dem du einen von vier Javelins steuerst. Das sind mächtige, fliegende Kampfanzüge, die sich alle unterschiedlich spielen. Interceptor ist der agilste. Er setzt auf schnelle Klingenangriffe statt auf dicke Panzerung. Storm ist sowas wie der Magier, der Blitze auf Gegner prasseln lassen kann. Colossus, der schwerste und mächtigste der Gruppe, ist mein Favorit. Gegner aus der Luft mit Raketensalven eindecken, ist ungemein befriedigend.

Zu guter Letzt ist da noch der Ranger. Der Allrounder ist das Pendant zu «Iron Man». Wenn du dich mal wie Tony Stark fühlen willst, dann ist das die richtige Klasse für dich. Die Javelins sind das Herzstück des Spiels. Ihr Design begeistert mich auch heute noch genauso wie die Grafik des Spiels. Abgesehen von den gleichen HDR-Problemen, die ich schon vor sieben Jahren hatte, sieht das Spiel immer noch wunderschön aus.
Kein Wunder, steckte ich damals 20 Stunden in das Spiel, um es durchzuspielen. Das Herumfliegen und Dezimieren von Gegnern mit den verschiedenen Kampfanzügen, am besten gemeinsam mit Freunden, machte Laune. Ich gehörte schon damals zu den wenigen Verteidigern von «Anthem». Aber auch für mich war es offensichtlich, dass das Game unfertig war und nur von Klebeband und Hoffnung zusammengehalten wurde.

Das Spiel wurde, trotz Verschiebung um ein halbes Jahr, in einem schlechten Zustand gelauncht. Grafikfehler, Abstürze, Missionen, die blockiert waren und unendliche Ladebildschirme gehörten zur Tagesordnung. Die Probleme waren vielfältiger als das Gameplay. Darin liegt die grösste Schwäche des Spiels. Es ist zwar toll, in den Javelins herumzufliegen und zu kämpfen, aber die Missionen und die Level sind immer die gleichen.

Es läuft meist darauf hinaus, irgendwohin zu fliegen und alles platt zu machen. Die Areale wirken anfangs grossflächig, aber da es nur eine Handvoll davon gibt, hat man sie schnell gesehen. Eine Story ist vorhanden, aber dass ich mich an keine einzige Figur, geschweige denn irgendein Ereignis erinnern kann, spricht Bände. Und das von Bioware! Dem legendären Studio, dem wir die «Dragon Age»- und «Mass Effect»-Serie zu verdanken haben. Bioware war Synonym für packende Geschichten. In «Anthem» war nichts davon zu spüren.
Die wirklich spannende Geschichte spielte sich hinter den Kulissen ab. In einer ausführlichen Reportage deckte Journalist Jason Schreier 2019 die Probleme bei Bioware und Publisher EA auf. Obwohl das Spiel viele Jahre in Entwicklung war, begann die eigentliche Arbeit erst 12 bis 16 Monate vor dem Launch. Also lange nachdem die E3-Demo 2017 gezeigt wurde. Die wurde notdürftig zusammengebastelt und basierte nicht auf einer tatsächlich spielbaren Version.

Dass bei Trailern und Demos grosszügig nachgeholfen wird, ist nicht ungewöhnlich. Auch dass ein Spiel erst beim Schlussspurt richtig zusammenkommt, passiert in der Branche häufiger, als man denkt. Bei «Anthem» waren die Probleme aber zu gravierend. EAs Führung unter Patrick Söderlund stellte unrealistische Forderungen. An der März-Deadline durfte aus finanztechnischen Gründen nicht mehr gerüttelt werden. Die Frostbite-Engine, die das Spiel antrieb, war ein Murks und das Support-Team dafür war komplett für «FIFA» abkommandiert. Hinzu kamen technische Schwierigkeiten, die «Iron Man»-artigen Anzüge abheben zu lassen. Dass das Spiel am 22. Februar trotzdem veröffentlicht wurde, grenzt an ein Wunder.
In den Kommentaren zu unserem Launch-Livestream schrieben einige von euch, dass es wenigstens nicht so eine Katastrophe wie Bethesdas «Fallout 76» sei. Das erschien wenige Monate davor und war der noch grössere Totalausfall. Ironischerweise hat «Fallout 76» mittlerweile die Kurve gekriegt, während wir von «Anthem» endgültig Abschied nehmen müssen.

Ein geplanter 2.0-Reboot, der das Spiel umkrempeln sollte, wurde von EA 2021 abgeschossen. Dass sich das Unternehmen nun keinerlei Mühe macht, das Spiel wenigstens offline zu erhalten, ist der passende, wenn auch traurige Schlussstrich unter dieses Kapitel. Schade, «Anthem» hätte besseres verdient.
Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken.
Hier liest du eine subjektive Meinung der Redaktion. Sie entspricht nicht zwingend der Haltung des Unternehmens.
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