«Acrylglas ist das neue Gold»

«Acrylglas ist das neue Gold»

Carolin Teufelberger
Zürich, am 15.05.2020
Bilder: Thomas Kunz
Noch nie war die Nachfrage nach den transparenten Kunststoffscheiben grösser. Der Spezialist für temporäre Bauten Expomobilia aus Effretikon hat deshalb kurzerhand umgesattelt und fräst nun täglich Spuckschutzwände für die ganze Schweiz.

Die grosse CNC-Fräse läuft. Sie schneidet genau nach Programmmiervorlage. Neben ihr arbeitet ein weiterer Mitarbeiter. Er übernimmt das Finetuning: Kanten brechen, damit sich nachher niemand daran schneidet. Die noch blauen folierten Acrylglasscheiben – oder «Plexiglas», wie sie umgangssprachlich nach einem Markennamen genannt werden – wandern in ein Rahmenpalett. Sie müssen noch verpackt werden, bevor sie in der Gastronomie, dem Detailhandel oder auch in Büros vor dem Coronavirus schützen können.

Die CNC-Fräse schneidet im Akkord, die Kanten werden von Hand gebrochen.
Die CNC-Fräse schneidet im Akkord, die Kanten werden von Hand gebrochen.

Eine Bäckerei gab den Anstoss

So gearbeitet wird bei Expomobilia in Effretikon erst seit knapp zwei Monaten. Eigentlich ist die Firma im Bereich des Messebaus tätig. Aber ohne Messen braucht niemand einen Messebauer. Die Auftragslage ist mies, die meisten Mitarbeitenden werden in Kurzarbeit geschickt. Da beginnt das Umdenken mit einer Anfrage einer Bäckerei. «Der Chef hat an Tankstellen immer wieder Trennwände gesehen und wollte auch solche für seine Theke. Da er ein Freund von mir ist, kam er Mitte März auf mich zu», erzählt Johannes Baumann, COO bei Expomobilia. «Mir war sofort klar, dass wir das können. Als Spezialist für temporäre Bauten haben wir die Maschinen und das Knowhow intern verfügbar.» Anrufe ins eigene Netzwerk folgten, Deals mit Lieferanten wurden abgeschlossen. «Wir haben überall nach Acrylglas gefragt und Reservationen für Monate im Voraus getätigt», so Baumann. Die erste Charge an Schutzwänden hat Expomobilia auf den eigenen Social-Media-Kanälen geteilt. Mit Erfolg. Kurze Zeit später stand fest: «Wir fokussieren uns auf Corona-Schutzmassnahmen.»

Johannes Baumann (rechts) erklärt die temporäre Umsattlung des Kerngeschäfts.
Johannes Baumann (rechts) erklärt die temporäre Umsattlung des Kerngeschäfts.

Acrylglas ist beinahe konkurrenzlos

Unterdessen steht fest, dass sich die Entscheidung gelohnt hat, auch wenn sie das normale Business weder finanziell noch von der Arbeitsauslastung her ersetzt. Noch nie wurde so oft nach Plexiglas gesucht und damit gehandelt. «Acrylglas ist das neue Gold», sagt Baumann leicht überspitzt. «In den letzten paar Wochen ist der Preis von Acrylglas nachfragebedingt um etwa 30 bis 40 Prozent gestiegen.» Auch die Lieferfristen hätten sich massiv verlängert, denn Zwischenlager sind längst ausgeschossen. Alle müssen bei den verschiedenen Produzenten bestellen. Eine Alternative beim Material gebe es nicht, zumindest noch nicht. Das meint auch Werner Bollhalder, der sich um alle grafischen Angelegenheiten kümmert und unterdessen bestens mit Acrylglas vertraut ist. «Die Scheiben müssen in fast allen Fällen transparent sein, da bleiben nur noch Glas und Acrylglas. Da Glas schwerer, teurer und zerbrechlicher ist, fällt die Wahl auf den Kunststoff.» Er könne sich vorstellen, dass irgendwann Leute nach einer nachhaltigeren Alternative suchen würden, dafür müsste die Coronakrise aber noch länger andauern. Was wiederum niemand hofft.

Acrylglas ist (noch) die unangefochtene Nummer Eins bei transparentem Material.
Acrylglas ist (noch) die unangefochtene Nummer Eins bei transparentem Material.

Pandemie verdrängt Umweltschutz

Die Rohstoffe für Polymethylmethacrylat, wie das Material ganz korrekt heisst, sind Aceton, Methanol, Cyanwasserstoff und Schwefelsäure. Vor allem die letzten zwei sind hochgiftig. Trotzdem schreit momentan niemand laut auf beim Gedanken an den chemischen Herstellungsprozess von Plexiglas. «Es geht um die Eindämmung einer Pandemie, da müssen alle schnell reagieren. Das ist das Wichtigste und verdrängt das Thema Umweltschutz in den Hintergrund», meint Baumann. Und immerhin sei der Kunststoff zu 100 Prozent rezyklierbar. «Wir verwenden so viel wie möglich im Haus, der Rest geht zurück an die Hersteller. Die machen daraus Granulat, welches komplett zur Herstellung neuer Acrylglasplatten benutzt werden kann.» Dafür müssen die Reste nach Typ sortiert werden. Denn Acrylglas ist nicht gleich Acrylglas, es gibt verschiedene Zusammensetzungen. Die machen sich optisch kaum bemerkbar, müssen im Recyclingprozess aber beachtet werden, um wieder hochwertige Platten herzustellen.

Eine fertig zusammengebaute Spuckschutzwand.
Eine fertig zusammengebaute Spuckschutzwand.

Produktkatalog wächst stetig

Wenn keine Trennwände mehr benötigt werden, können theoretisch alle zurück an den Anfang der Handelskette. «Oder man verstaut sie im Schrank und ist im Falle einer nächsten Pandemie gewappnet. Durch das Stecksystem brauchen die Virenschutzwände kaum Platz.» Platten und Füsse werden einzeln gefräst. In die Scheibe kommt links und rechts je eine Nut, in welche die Ständer gesteckt werden. Dazu gibt’s vier Antirutsch-Noppen und fertig ist die Schutzwand. «Wir machen aber noch viel mehr als diese einfache Ausführung. Der Kunde kann jederzeit Wünsche anbringen. Wir sind Flexibilität vom Messebau gewohnt», so Baumann. So habe sich der Produktkatalog stetig erweitert. Unterdessen gehören auch Besucherboxen für Altersheime, Schutz-Rollups, Trennwände, Signaletik in Gebäuden und Druckmaterial zum Repertoire.

Das Privileg, die Folie abzuziehen, wird mir Teil. Ein befriedigendes Gefühl.
Das Privileg, die Folie abzuziehen, wird mir Teil. Ein befriedigendes Gefühl.

«In unserer Grafikabteilung bedrucken wir allerlei Material mit den bekannten BAG-Infografiken, machen die typischen Abstands-Bodensticker, gehen aber auch speziell auf Kundenwünsche ein», so Baumann. Auch hier steht Expomobilia die Technologie und das Wissen inhouse zur Verfügung: Messestände werden ebenfalls gebrandet. «Mit unserem Lasercutter wollen wir bald auch Acrylglasplatten schneiden. Weil die Kanten feiner werden, gibt’s weniger Nachberarbeitungsaufwand.»

Diese Illustrationen begleiten uns alle unterdessen durch den Alltag.
Diese Illustrationen begleiten uns alle unterdessen durch den Alltag.

Dadurch, dass die derzeitigen Aufgaben für die Mitarbeitenden von Expomobilia kaum Neues bereithalten, können auch noch immer alle arbeiten. «Die 25 Produktionsmitarbeitenden sind zwar alle in Kurzarbeit, sie wechseln sich aber ab. So kommt jeder einmal raus», sagt Baumann. Nur beim Verpacken der kleinen Schutzwände ist noch etwas Tüftelei angesagt. Mit Luftpolsterfolie oder geht’s auch nur mit Karton? Nach etwas Origami-Faltkunst setzt sich Variante zwei durch. «Die Kanten sind gut geschützt und gleichzeitig brauchen wir weniger Material und Zeit dafür, was sich natürlich finanziell bemerkbar macht», sagt einer der Mitarbeiter.

Heureka! Mit dieser Technik können die Virenschutzwände verschickt werden – auch an Galaxus.
Heureka! Mit dieser Technik können die Virenschutzwände verschickt werden – auch an Galaxus.

Schutzmassnahmen muss man sich leisten können

In dieser Krise versucht jeder so gut wie möglich über die Runden zu kommen. Die von ihnen belieferten Branchen noch mehr als Expomobilia selbst. «Die ganzen Schutzmassnahmen läppern sich zu stolzen Summen zusammen. Nicht jeder Gastrobetrieb kann das bezahlen», sagt auch Baumann. Für viele kleine Betriebe lohne es sich deshalb trotz der Lockerungen vom 11. Mai nicht, ihre Türen zu öffnen. Oder wenn, dann nur für das Take-Away-Geschäft. «Allen anderen wollen wir zumindest faire Preise bieten. Da wir auf keine Zwischenhändler angewiesen sind, sondern alles selbermachen, können wir den Preis – für den Produktionsstandort Schweiz – tief halten.» Es gebe aber auch einige wenige Händler von Acrylglas, die Wucherpreise verlangen würden, um aus der Krise gross Profit zu schlagen. Für Expomobilia ist das keine Option. «Wir sitzen schliesslich alle im gleichen Boot und müssen gemeinsam durch diesen Sturm navigieren.»

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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