Hintergrund

Abschied vom Haustier: So kannst du die Trauer besser bewältigen

Haustiere gehören zur Familie. Wenn ein geliebter Vierbeiner stirbt, dann hinterlässt er oder sie eine gewaltige Lücke in deinem Herzen. Lies hier, wie du den Abschied von deinem Haustier tröstlicher gestalten kannst und welche Möglichkeiten es gibt, deine Trauer zu verarbeiten.

Noch lebt er, der Wagner. Aber bis diese Zeilen erschienen sind, kann es mit ihm auch schon vorbei sein. Wagner ist mein Kater, mein erster Kater, und er hat Krebs in der linken Seite des Kiefers. Er ist deshalb nicht beeinträchtigt, aber er sabbert, kann sich schlechter putzen (das erledige ich) und vegetiert vor sich hin. Er ist medikamentös optimal eingestellt und ich kann bei allem bangen Beobachten (ich arbeite im Homeoffice) bestätigen: Es geht ihm gut. Geht es ihm nicht mehr gut, ist der Tierarzt innerhalb weniger Stunden bei mir zuhause, um ihn sanft über die Regenbogenbrücke zu geleiten. Zur Vorbereitung habe ich eine Schlaftablette für ihn parat. Ich will den Abschied so schmerzfrei gestalten wie nur möglich, für ihn und für mich.

Im Mai erhielten wir die Diagnose – mit einer Lebenserwartung von maximal 4 Wochen. Jetzt ist es tiefster Herbst. Und noch lebt er der Wagner, das wehrhafte Müllplatz-Katzi, gefunden als einziger Überlebender eines achtlos entsorgten Wurfs Kitten. 14 Jahre später, nach mehreren Umzügen und dem Verlust seiner Kollegin Franzi (das passierte von einem Tag auf den anderen und hinterließ mich schwer traumatisiert) frisst er mir die Haare vom Kopf. Ich habe sofort nach der Diagnose auf seine Leibspeise umgestellt – quasi als Henkersmahlzeit. Diese dauert nun schon recht lange an und stolze 300 Gramm frisches Hühnerfleisch täglich gehen ins Geld.

Trauer ums Haustier: Welche Symptome sich einstellen können

Aber um einem geliebten Haustier den Abschied leichter zu machen, da gibt es kein Limit nach oben – jedenfalls nicht für mich. Allein: Wie kann ich mir selbst den Abschied erleichtern? Welche Rituale trösten und wohin mit den sterblichen Überresten? Die meisten der folgenden Tipps stammen aus meinem persönlichen Erfahrungsschatz, vielleicht können sie dir ein wenig helfen. Auch die Wissenschaft untermauert, dass ich nicht allein bin mit meinen Gefühlen: Forscherinnen und Forscher vom «Hatogaya Animal Hospital» in Japan haben 2014 in einer Studie jene Schwierigkeiten und Sorgen untersucht, mit denen man nach dem Tod des geliebten Tieres kämpft. Bei mehr als der Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmern traten neurotische Symptome auf, darunter Depression, Angst, Schlaflosigkeit und somatische Störungen. Die Symptome fielen bei Frauen stärker aus. Ich bin eine Frau, eine Katzenfrau wie aus dem Buche sogar – und ich verfasse diesen Beitrag auch zur Selbsttherapie.

Der Moment des Abschieds: Wann das Haustier gehen lassen?

Jedes Tier lebt anders, jedes Tier stirbt anders. Manchmal ohne Vorwarnung, manchmal nach längerem Leiden. Bei Franzi ging es schnell, vermutlich ein Niereninfarkt. Aber Franzi war Freigängerin und ein sehr unabhängiger Geist. Zum Sterben legte sie sich unter einen Busch im Nachbarsgarten, ich stieß nach tagelanger Suche online auf die traurige Nachricht – bei den tot aufgefundenen Tieren des Veterinäramtes. Das war übel. Ohne meine Freundinnen, die sich auf meinem Sofa abwechselten: Keine Ahnung, ob ich da nicht verrückt vor Schmerz geworden wäre.

Wagner wird wie schon erwähnt zuhause eingeschläfert. Nur wann ist dafür der richtige Zeitpunkt? Ihn zu finden, ist schwierig, aber machbar. Zu allgemeinen Schmerzanzeichen zählen Rastlosigkeit ebenso wie Abgeschlagenheit mit verminderter Aktivität, kein Appetit und reduziertes Interesse an der Umwelt. Sprich: Wenn keine Lebensfreude und -qualität mehr da ist. Wenn das Tier nur noch lebt, weil man selbst es nicht gehen lassen will. Ich verlasse mich auf meine tiefe Verbindung zu Wagner. Eines Tages wird sein Kiefer ganz k.o. gehen. Dann kommt mein Tierarzt. Natürlich bietet nicht jeder Veterinär so einen Service. Aber ich denke, zuhause in einem liebevollen Setting geht der Abschied für alle Beteiligten leichter. Ich möchte bis zum letzten Atemzug an der Seite meines Katers sein.

Schmerz verarbeiten mit Literatur – aktiv wie passiv

Vielleicht hilft es euch beim Verarbeiten der Trauer, eine Geschichte oder einen Brief an das geliebte Tier zu verfassen. Bei mir liegt bereits das Trost- & Erinnerungsbuch «Mehr als nur eine Katze» herum. Es bietet mir die Möglichkeit, Gedanken und Emotionen in Worte zu fassen und setzt konzeptionell bei dem Zeitpunkt an, als die Katze in das gemeinsame Leben kam. Der Aufbau lädt ein, sich zu erinnern: an Fröhliches, an Trauriges, an Besonderes und schließlich an das Ende der Beziehung. Die Erinnerungen werden flankiert mit Katzenweisheiten, kleinen Geschichten, Sprüchen namhafter Literatinnen und Autoren und süßen Fotos. Gibt’s auch für Hunde und Kleintiere.

Ansonsten kann ich dir «Nicht nur dein Tier stirbt» dringend empfehlen. Der Inhalt: Was bedeutet der Tod für Herrchen und Frauchen? Wie sind betroffene Menschen mit ihrem Verlust umgegangen? Was hat ihnen geholfen? Die Arbeitsgruppe Ethik der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover hat sich im Rahmen eines Forschungsprojekts zwei Jahre lang mit eben diesen Fragen befasst. Außerdem haben Forschende verschiedener Fachrichtungen Artikel zur Bedeutung der Trauer um Tiere beigesteuert.

Mit im Team war Marion Schmitt vom «Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie», die in ihrer Doktorarbeit die Erkenntnisse aus dem Projekt zusammenfasst: «Symptomatisch schildern Besitzerinnen einheitlich dieselbe Vielfalt wie bei menschlichen Trauerfällen. Einige nehmen ihre Tiere als omnipräsente Begleiter wahr, des Weiteren hätten verbliebene oder neue Tiere Gewohnheiten oder Eigenarten der Toten übernommen. Mitunter nehmen Halterinnen professionelle Hilfe in Anspruch, wobei beunruhigende Äußerungen über ernste Lebensgefährdung selten sind.» Und weiter: «Bestattung und Rituale sind bedeutsame Folgeerscheinungen der Trauer um Tiere, bei dem allerdings Uneinigkeit herrscht – das Dilemma bestehe darin, dass einerseits Normalisierung und Förderung individueller Bewältigung nötig, andererseits die Gefahr unangemessener Vermenschlichung und Dramatisierung der Trauer um Tiere gegeben sei.»

Das hilft euch bei eurem Herzeleid nicht weiter? Leider auf englisch, aber dafür sehr hilfreich, sensibel formuliert und gratis im Netz ist der «Saying-Goodbye-Guide» der britischen Animal Welfare Foundation.

Nach dem Tod: Urne, Grab – oder Tier beim Tierarzt lassen?

Der plötzliche Tod von Franzi hinterließ mich völlig verzweifelt. Um so mehr ging es in die Vollen bei der Bestattung und den Andenken. Einzel-Kremierung, Pfotenabdruck, Urkunde – ihre Asche ruht nun (neben der meines Vaters) in einer kleinen Holzpuppe am Regal. Ich mag den Gedanken, meine Liebsten um mich zu haben und diesen Gedanken teilen viele, wie eine kleine private Umfrage im Freundeskreis ergab. Doch wie sieht es mit der rechtlichen Seite aus? Prinzipiell sind tote Tiere im DACH-Raum entsorgungspflichtig, sie müssen entweder kremiert werden oder auf dem eigenen Grundstück begraben werden – unter den gesetzlich erlaubten Bedingungen. Passiert das nicht und werden sie für einen geringen Unkostenbeitrag in der Tierarztpraxis gelassen, kommen sie in der Regel auf eine Tierkörperbeseitigungsanlage. Wem der Gedanke daran zuwider ist (gewisse «tierische» Nebenprodukte werden weiterverwertet ...), der setzt auf die Einzel-Kremierung. Wer bereits das perfekte Behältnis besitzt, wählt eine einfache Papier-Urne, in der die Asche nach Hause gebracht wird. Ansonsten bieten Krematorien je nach Region unterschiedliche Angebote, spezielle Gravuren, ausgefallene Formen und Farben, Luxusvarianten und außerdem diverse personalisierte Erinnerungstücke.

Wagner werde ich unter die Erde (in einem hübschen Karton, eingewickelt in ein T-Shirt von mir) bringen, denn er war immer gerne draußen und dreckig. Ich bin Österreicherin, ich habe einen eigenen Garten, ich darf das – es gibt allerdings Richtlinien bezüglich der Größe des Tieres, des Abstands der Grabstelle zum Nachbarsgrundstück und der Tiefe des Grabes. In der Schweiz ist es ähnlich: Es muss das eigene Grundstück sein und die Tiere dürfen nur dann im Garten (in einem Karton- oder in einem Holzsarg) vergraben werden, wenn sie nicht mehr als 10 Kilogramm wiegen und das Grab nicht in der Nähe von Trinkwasserquellen oder Grundwasser-Reservoirs liegt. Nicht erlaubt ist das Vergraben im Wald oder auf öffentlichem Grund, und es ist auch nicht überall erlaubt, Asche im Freien auszustreuen.

Doch egal, ob Asche oder Körper, auf einem Tierfriedhof finden viele Vierbeiner ihre letzte Ruhe. So unterschiedlich wie die Tierbesitzerinnen und -besitzer sind, so wird dann die Grabstelle gestaltet, von rustikal bis witzig. In Wien eröffnete der Tierfriedhof anno 2011. Davor hatten die Stadtwerke eine Umfrage durchführen lassen: Sie zeigte, dass ein Großteil der Bevölkerung einen Tierfriedhof für wichtig hält – selbst mehr als die Hälfte der Befragten, die kein Vierbeiner besaßen. 2018 wurde in meiner Heimat dann sogar der erste Mensch-Tier-Friedhof eröffnet. Du siehst: Wir lieben unsere Viecherl zu Tode. Den weltweit ältesten Tierfriedhof gibt es schon seit 1899 in Paris in Asnières-sur-Seine im Nordosten der Stadt. Eine Übersicht über Tierfriedhöfe in der Schweiz findest du hier.

Was mir beim Recherchieren noch auffiel? Bei der Kristallbestattung von «Immer und Ewig in Domat/Ems (Graubünden) wird die Asche des verstorbenen Tieres zusammen mit Kristallglas zu einem wunderschönen Kunstwerk verschmolzen. Sie schaffen auch Unikate aus Fell. Nicht übel.

Die Kraft der Rituale: Trauern um die Fellnase

Manche verstummen, manche reden ununterbrochen. Die Trauer um geliebte Lebewesen verläuft in Phasen. Eine davon dreht sich um gemeinsame Erinnerungen: Diese zu Lebzeiten in Hülle und Fülle zu schaffen, ist wohl der wichtigste Tipp. Auch um die Leere im Körbchen zu füllen, gibt es viele Strategien. Manche schaffen sich bald ein neues Tier an (brauch ich nicht, mir bleibt noch Katze Flauschi), manche wollen eine Zeit lang allein trauern. Sehr hilfreich sind die vielen, sehr individuellen Abschiedsrituale – diese können so oft wiederholt werden, wie man sie benötigt. Und sie fallen je nach Phase und Zeitpunkt natürlich unterschiedlich aus. Ich etwa gedenke jedes Jahr an Halloween meiner zwei- und vierbeinigen Toten, in dem ich einen kleinen Hausaltar gestalte, bunt und lebensfroh. Andere besuchen regelmäßig die Grabstätte oder treffen sich im Freundeskreis, um auf die verstorbenen Tiere anzustoßen. Eine Studie des Harvard-Psychologen Michael Norton und seiner Kollegin Francesca Gino zu dieser Art von Trauerbewältigung bestätigt das Vermutete: Rituale heilen uns.

Unter der Regenbogenbrücke: Erinnerungen bewahren

Was habe ich gebastelt in den letzten Wochen. Aus Wagners Fell (keine Sorge, nur ein paar sanft herausgeschnittene Strähnen) wurde ein kleines, plüschiges Kunstwerk. Die Fotos für den Kalender 2023 habe ich schon zusammen. Und sein Grab im Garten werde ich sicherlich ebenso in Ehren halten wie Franzis Asche in der Urne. Andere hängen sich die schönsten Bilder ihrer Tiere an die Wand, heben Hundehalsbänder und Kuscheldecken auf oder lassen ihre Lieblinge formvollendet malen. Auch Tattoos sind für alle, die wahrhaft ewige Erinnerungen schätzen, eine schöne Idee – mein Tättowierer jedenfalls zeichnet schon die Vorlage. Viele Krematorien im DACH-Raum bieten außerdem Pfotenabdrücke oder Schmuckstücke mit einer kleinen Menge Asche an. Man kann sich die Asche auch zu einem Diamanten verarbeiten lassen und so ein Symbol des geliebten Tiers bei sich tragen. Wer über das nötige Kleingeld verfügt: Die japanische Künstlerin Sochi stellt anhand von Fotos verstorbene Vierbeiner aus Filz und Wolle nach, so detailgetreu, dass es fast creepy ist. Kostenpunkt: um die 3000 Euro.

Doch nicht jeder will in seiner Trauer andauernd mit dem verstorbenen Tier konfrontiert werden – was absolut nachvollziehbar ist. Die wichtigste Erinnerung, die trägst du so oder so in deinem Kopf und in deinem Herzen.

P.S.: Lass dir von niemanden einreden, du würdest überreagieren, das sei ja «nur» ein Tier.

/ P.P.S.: Meine Freigänger sind kastriert, sterilisiert, gechippt und in einer verhältnismäßig sicheren Grüngegend zuhause. Das hier soll keine Diskussion um die optimale Haltung werden. Wenn dich das Thema aber auch interessiert, dann teil mir das gerne mit.

/ Titelbild: shutterstock.com

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Janina Lebiszczak
Autorin von customize mediahouse

Lebe lieber ungewöhnlich: Ob Gesundheit, Sexualität, Sport oder Nachhaltigkeit, jedes Thema will entspannt, aber aufmerksam entdeckt werden. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie und niemals ohne Augenzwinkern.


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